{"id":10110,"date":"2022-04-19T14:50:51","date_gmt":"2022-04-19T12:50:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=10110"},"modified":"2022-04-20T14:16:49","modified_gmt":"2022-04-20T12:16:49","slug":"dilemma-der-franzosen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=10110","title":{"rendered":"Dilemma der Franzosen"},"content":{"rendered":"<p>Vielerorts in Frankreich ein gro\u00dfes Dilemma vor dem zweiten Wahlgang um das Amt des Pr\u00e4sidenten der Republik. Derjenige, welcher die Republik im Blut hat, ist im ersten Wahlgang gescheitert. Der \u00fcbrig gebliebene Pr\u00e4sident und seine Herausforderin spielen den Franzosen etwas vor, was sie beide nicht sind. Was ein Kampf der Ideen sein sollte und mit einem Gegenkandidaten\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">M\u00e9lenchon<\/span> in der zweiten Runde auch geworden w\u00e4re, ist nun ein neoliberaler Gleichklang mit falschen sozialen Versprechungen. Marine Le Pen und Emmanuel Macron wollen pl\u00f6tzlich Anwalt wie Interessenvertreter der kleinen Leute sein. (Schon Bismarck meinte: \u201e<em>Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, w\u00e4hrend des Krieges und nach der Jagd.\u201c<\/em> Darin werden die Franzosen sogar diesem Reaktion\u00e4r und\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Franzosenhasser<\/span>\u00a0zustimmen.<span class=\"hiddenGrammarError\">)<\/span> Bei Macron fragt man sich, warum ihm pl\u00f6tzlich die Unterschicht einf\u00e4llt. Fast 6 Millionen Arbeitslose und der Wegfall ordentlich bezahlter Jobs im Tausch gegen Billigjobs, von denen niemand w\u00fcrdig leben kann, werden Macron in Rechnung gestellt, die er nur schwer wegdr\u00fccken kann. Macron hat die wirtschaftspolitische Philosophie des <span class=\"hiddenGrammarError\">Deutschen<\/span> Wirtschaftswissenschaftlers Klaus Schwab verinnerlicht, eines neoliberalen Globalisierungsfanatikers, was die Franzosen auszubaden haben. Wie sagte Jean-Luc M\u00e9lenchon im Wahlkampf: <em>\u201eEs ist dem ausgebeuteten und unterbezahlten Uber-Fahrer, der seine Familie verelenden sieht, ziemlich egal, welch europ\u00e4ische Glorie \u00fcber Macron schwebt.\u201c<\/em> Am kommenden Sonntag wird Macron aller Wahrscheinlichkeit das Duell der ungeliebten Varianten gewinnen und bleiben, wer und was er ist, Frankreichs Pr\u00e4sident, Staatsmann nach au\u00dfen und neoliberaler Politiker nach innen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_10115\" aria-describedby=\"caption-attachment-10115\" style=\"width: 843px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-10115\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/LM.jpg\" alt=\"\" width=\"843\" height=\"478\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/LM.jpg 843w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/LM-300x170.jpg 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/LM-768x435.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 843px) 100vw, 843px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-10115\" class=\"wp-caption-text\">Wiederholung. Le Pen und Macron 2017 vor dem TV-Duell. Am Sonntag das R\u00fcckspiel. Macron klarer Favorit. (Screenshot TV2)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Le Pen wird vor allem ihre Vergangenheit nicht los, den Front National und ihren Vater, jene rechtsradikale Ausgangsbasis ihrer Karriere, welche ihr wohl letztlich die Wahl kosten wird. H\u00e4tte sie dieses \u201eErbe\u201c nicht am Hals, k\u00f6nnte sie sogar siegen. Macron h\u00e4ngt mittlerweile vielen Franzosen n\u00e4mlich aus selbigem Hals heraus. Falls alle von Macron gefrusteten Franzosen daheimbleiben, die zwar auch nicht Le Pen wollen, aber deshalb eben \u00fcberhaupt nicht w\u00e4hlen oder ung\u00fcltig abstimmen, jedenfalls nicht Macron, dann k\u00f6nnte Le Pen sogar eine kleine Chance haben. Jedenfalls zwei neoliberale Kandidaten zur Wahl. F\u00fcr viele Franzosen, die mit der Au\u00dfenpolitik von Macron noch ganz gut leben k\u00f6nnen, ein sozialer Albtraum. Und von den billigen R\u00e4ngen, da besonders laut und penetrant, die deutschen Medien, die in Frankreich so interessieren wie der Schrott im Weltraum. Deren Sicht auf Frankreich ist wie immer eine gebastelte Wahrheit, um dem deutschen Mediennutzer etwas vorzugaukeln, was in den eigenen Kram passt. Sie wollen und k\u00f6nnen eben nicht objektiv berichten, sie wollen und sollen Politik machen. Sehr typisch f\u00fcr Konzernmedien. Dazu m\u00fcssen sie nicht einmal l\u00fcgen. Es wird einfach weg- und ausgelassen, was nicht passt, aufgebauscht, was genehm und verkleinert, was st\u00f6rt. Journalismus nach bew\u00e4hrter Gutsherrenart, welche Information Plebejer und P\u00f6bel auf den Teller bekommen, bestimmen wir. In vielen deutschen Medien war Le Pen bis zum ersten Wahlgang noch eine \u201eRechtspopulistin&#8220;, nach ihrem Einzug in die Stichwahl und einer Gef\u00e4hrdung von Macron wurde sie zur \u201eRechtsextremistin&#8220;. (\u00c4hnlich der Verfahrensweise, aus dem \u201eLinkspopulisten\u201c M\u00e9lenchon nach dessen Niederlage schnell einen \u201eLinkspolitiker\u201c zu machen, weil dessen W\u00e4hler f\u00fcr Macron wichtig.) Besonders lustig, ausgerechnet der Springer Konzern und sein Parteiorgan Bild bezichtigen Le Pen des Rechtspopulismus. Dazu muss man nichts mehr sagen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_10117\" aria-describedby=\"caption-attachment-10117\" style=\"width: 1500px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-10117\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/mlep.jpg\" alt=\"\" width=\"1500\" height=\"500\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/mlep.jpg 1500w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/mlep-300x100.jpg 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/mlep-1024x341.jpg 1024w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/mlep-768x256.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-10117\" class=\"wp-caption-text\">Marine Le Pen. Feindbild deutscher Medien. (Bild: Twitter Le Pen)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Den gr\u00f6\u00dften Taschenspielertrick ziehen aber die EU und Br\u00fcssel ab, die sich an den Wahlkampfmethoden von Donald Trump ein Scheibchen abschnitten. Die EU geht einer angeblichen Verfehlung von Le Pen in ihrer Zeit als Europaabgeordnete nach. Sie soll Gelder nicht vorschriftsgem\u00e4\u00df ausgegeben haben. Was ja in Kenntnis der Verhaltensweisen von EU-Parlamentariern durchaus sein kann. Wir wissen es nicht. Die <span class=\"hiddenGrammarError\">Franz\u00f6sische<\/span> Justiz pr\u00fcft die Vorw\u00fcrfe. In allen deutschen Schlagzeilen ist lautmalerisch von Le Pen und der Veruntreuung von Geldern zu lesen. Eine 10 Jahre zur\u00fcckliegende Geschichte, rein zuf\u00e4llig wenige Tage vor der Wahl. Plumper geht&#8217;s kaum. Die EU und vor allem deutsche Medien unternehmen eine Menge, um Le Pen zu diskreditieren, zu diffamieren und Wahlen zu beeinflussen. Wie wird so etwas wohl auf franz\u00f6sische W\u00e4hler wirken? Diese latente Parteinahme f\u00fcr Macron in Br\u00fcssel und in Deutschland k\u00f6nnte Le Pen eher von Nutzen sein als ihr Schaden bereiten. Ein spektakul\u00e4rerer Fall wird den Nutzern deutscher Medien dagegen hierzulande kaum vermittelt. Mehr als eine Milliarde Euro bezahlte in der Amtszeit von Macron dessen Regierung dem globalen Beratungsunternehmen McKinsey &amp; Company f\u00fcr Leistungen, die von daf\u00fcr vorhanden und ausgebildeten wie bezahlten franz\u00f6sischen Staatsbeamten h\u00e4tten erbracht werden k\u00f6nnen. Die Unverfrorenheit des Vorgangs hat l\u00e4ngst einen Untersuchungsausschuss des Franz\u00f6sischen Senats nach sich gezogen. <span data-offset-key=\"c6b53-0-0\">Dieser hat einen sehr feinen Pfeil Richtung Macron abgeschossen. Macron nannte einst Sozialleistungen f\u00fcr \u00e4rmere Menschen und die Unterschicht, wovon er heute nichts mehr wissen will, sehr herablassen und zynisch: <em>\u201eEin Wahnsinnsgeld f\u00fcr ein tentakelartiges Ph\u00e4nomen.\u201c<\/em> Nun schrieb der Untersuchungsausschuss in dem vorgelegten Bericht, die Summen f\u00fcr ein Beratungsunternehmen seien <em>\u201eein\u00a0Wahnsinnsgeld f\u00fcr ein tentakelartiges Ph\u00e4nomen&#8220;<\/em>. Franz\u00f6sische Medien, die gr\u00f6\u00dftenteils nah an Macron <\/span><span id=\"decorator-corrected-entity-id-101\" data-entity-key=\"101\" data-offset-key=\"c6b53-1-0\"><span data-offset-key=\"c6b53-1-0\">versuchen, den<\/span><\/span><span data-offset-key=\"c6b53-2-0\"> McKinsey-Deal aus dem Wahlkampf zu halten, doch in den Sozialen\u00a0Medien l\u00e4sst sich diese Themenflamme nicht mehr austreten.<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_10118\" aria-describedby=\"caption-attachment-10118\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-10118\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Praesident-1024x576.png\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Praesident-1024x576.png 1024w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Praesident-300x169.png 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Praesident-768x432.png 768w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Praesident.png 1480w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-10118\" class=\"wp-caption-text\">Staatsmann nach au\u00dfen, neoliberaler Politiker nach innen. Emmanuel Macron. (Screenshot TV2)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Was die Franzosen aktuell verwundert, ist der neueste Macron-Coup. Sie entnahmen es am Wochenende einem Amtsblatt. Das Amtsblatt teilte die Abschaffung des Diplomatischen Korps mit. Frankreich wird damit k\u00fcnftig das einzige gro\u00dfe westliche Land ohne Berufsdiplomaten sein. Eine grandiose diplomatische Geschichte von mehreren Jahrhunderten geht zu Ende. Die T\u00fcr steht nun f\u00fcr eine Nominierung nach amerikanischem Vorbild offen. Diese Neoliberalisierung der politischen Institutionen war immer im Blick von Macron. Botschaftsposten nach Geldbeutel, Lobbykontakten und Allianzen wie N\u00fctzlichkeiten, nur selten nach F\u00e4higkeiten und unabh\u00e4ngiger Meinung. Jean-Luc M\u00e9lenchon twitterte dazu: <em>\u201eFrankreich sieht sein diplomatisches Netzwerk nach mehreren Jahrhunderten zerst\u00f6rt. Jetzt k\u00f6nnen politische Freunde nominiert werden. Gro\u00dfe Traurigkeit.\u201c<\/em> Zu alldem passt weiterhin, was hier zwar schon mehrmals ver\u00f6ffentlicht wurde, aber nicht oft genug wiederholt werden kann, die klare Ansage an uns Deutsche in Sachen Macron, worin auch Le Pen nicht geschont wird, vom franz\u00f6sischen Schriftsteller, Soziologen und Autor <span class=\"hiddenSpellError\">Didier<\/span>\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Eribon<\/span>:<\/p>\n<blockquote><p>Aber ich verstehe nicht, warum die Deutschen Macron f\u00fcr einen Zentristen halten k\u00f6nnen: Er ist ein gewaltsam autorit\u00e4rer rechter Politiker. Seine Politik ist die Demontage des \u00f6ffentlichen Sektors und der Abriss des Sozialstaats + schrecklicher Polizeirepression gegen Demonstranten. Wenn Le Pen jetzt so stark ist, liegt das an Macrons neoliberaler Politik, die den Reichen mehr Geld gibt und es den Armen nimmt. Edward Snowden fasst die Situation in einem sehr kurzen und aufschlussreichen Tweet zusammen: \u201aEmmanuel Le Pen\u2018 .<\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\"><em>*Titelbild: Walkerssk auf Pixabay<\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielerorts in Frankreich ein gro\u00dfes Dilemma vor dem zweiten Wahlgang um das Amt des Pr\u00e4sidenten der Republik. Derjenige, welcher die Republik im Blut hat, ist im ersten Wahlgang gescheitert. 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