{"id":1013,"date":"2021-06-26T11:47:55","date_gmt":"2021-06-26T09:47:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=1013"},"modified":"2021-07-01T14:27:42","modified_gmt":"2021-07-01T12:27:42","slug":"kraft-durch-schweigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=1013","title":{"rendered":"Kraft durch Schweigen"},"content":{"rendered":"<p>Angeblich hat sie ihre letzte Rede im Bundestag gehalten. So kein Ereignis die Tagesordnung \u00e4ndert, k\u00f6nnte dies in der Tat so sein. Angela Merkel tritt unspektakul\u00e4r ab, wie gekommen so gegangen. Es ist eher ein Entschwinden. Diese Kanzlerin konnte keine Marktpl\u00e4tze befeuern, ein Volkstribun steckte nicht in ihr. Dennoch organisierte sie Mehrheiten, die immer f\u00fcrs Kanzleramt reichten. Regiert hat sie still und lautlos. In den politischen Fahrstuhl der Medien stieg sie nie, spielte das rauf und runter nicht mit. Es half ihr allerdings gewaltig, die beiden Mediengiganten des Landes in Person von Liz Mohn und Friede Springer auf ihrer Seite zu haben.<\/p>\n<p>Auf den Medienzug \u201eMerkel muss ihre Politik erkl\u00e4ren\u201c lie\u00df sie sich klugerweise nie setzen. Sie hat bewiesen, dass sie nichts erkl\u00e4ren musste. Da \u00fcbrigens nah an Helmut Schmidt. Dem sagte die Journalistin Marie Steinbauer 1986: \u201eMir w\u00e4re ein Staatsmann viel vertrauter, der auch mal Gef\u00fchle zeigt\u201c. Darauf Schmidt: \u201eIch glaube ihnen das. Allerdings besteht seine Hauptaufgabe nicht darin, ihnen vertraut vorzukommen.\u201c Besser h\u00e4tte Angela Merkel diesen Punkt auch nicht machen k\u00f6nnen. Mit Schmidt verbindet sie noch dessen Arbeitsethos: \u201eMan hat anst\u00e4ndig seine Pflicht zu tun.\u201c Merkel ist wie Schmidt eine geborene Hamburgerin, vielleicht resultiert daher eine gewisse N\u00e4he in den Auffassungen. Schmidts pfiffige Begabung zum Staatsschauspieler hatte Angela Merkel allerdings nicht. Die Gro\u00dfmannssucht ihrer beiden direkten Vorg\u00e4nger ging ihr v\u00f6llig ab. Dieses gereicht ihr durchaus zur Ehre. Bei gro\u00dfen Schauspielern gibt es den Begriff des \u201eunterspielen\u201c. Jean Gabin, Robert Mitchum und Richard Burton sind Paradebeispiele. Angela Merkel unterspielte ebenfalls. Die gro\u00dfe Geste war ihr Ding nicht. Das Unpr\u00e4tenti\u00f6se dieser Kanzlerin tat dem Amt und dem Land stets gut. Daf\u00fcr hat sie Respekt verdient.<\/p>\n<p>Der neoliberalen Agenda in diesem Land ist sie nicht entgegengetreten, sie hat sie eher bef\u00f6rdert. Auch bei ihr galt der Widersinn, erst die Banken, dann die B\u00fcrger. Von der Schuld ist sie nicht reinzuwaschen. Allerdings hatte sie f\u00fcr die Sichtbarmachung von Schuld gegen\u00fcber den W\u00e4hlern immer einen n\u00fctzlichen Idioten zur Hand, mancherorts SPD genannt. Das Wort Regierungsb\u00fcndnis oder Koalition hat sie schon vor vielen Jahren pulverisiert wie kein Kanzler vor ihr. Ob FDP oder SPD, wie eine hungrige Gottesanbeterin fra\u00df sie ihre politischen Partner auf und zog ihre Kreise. Die FDP flog aus dem Bundestag, die SPD marschiert Richtung Friedhof der Geschichte.<\/p>\n<p>Prinzipien band sich Angela Merkel nie an den Hals, reagierte lieber auf das aktuelle Geschehen. Einmal lehnte sie sich aus dem politischen Fenster. Als sie mit der t\u00e4tigen Hilfe des ehemaligen Verfassungsrichters Paul Kirchhof das Steuerrecht noch weiter zugunsten der Reichen und auf Kosten der Unterschicht umbauen wollte. Es h\u00e4tte ihr um ein Haar, die Bundestagswahl 2005 und den Parteivorsitz, also den politischen Kopf gekostet. Vor dieser Thatcher-Politik hatten die Leute berechtigte Furcht und Gerhard Schr\u00f6der spielte in Wahlkampfhochform diese Karte. W\u00e4re der Wahlkampf noch 14 Tage l\u00e4nger ins Land gegangen, h\u00e4tte der Genosse der Bosse sogar sein Amt gerettet. Stattdessen rettete er vor Publikum, etwas angetrunken und unbeherrscht in die Elefantenrunde st\u00fcrzend den Merkel-Kopf, den die CDU Granden schon abgeschrieben. Nach dem polternden Schr\u00f6der-Angriff gegen Merkel im TV Studio musste die CDU sich wieder hinter Merkel sammeln und die Dolche wegstecken. Merkel wusste, warum sie Richtung Schr\u00f6der schmunzelte, der nicht ahnte, wie ihm geschehen. Es\u00a0 d\u00e4mmerte ihm bald. So verschaffte ihr ausgerechnet Schr\u00f6der eine zweite Luft, die direkt ins Kanzleramt f\u00fchrte. Merkel hatte die Lektion gelernt und fesselte sich nie wieder an ein Thema oder eine Position. Kirchhof lie\u00df sie wie eine hei\u00dfe Kartoffel fallen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1017\" aria-describedby=\"caption-attachment-1017\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1017\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/merkel-1897320_640.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"468\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/merkel-1897320_640.jpg 640w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/merkel-1897320_640-300x219.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1017\" class=\"wp-caption-text\">(Bild: dianakuehn30010 auf Pixabay)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Merkel kultivierte das Instrument des Schweigens in der Politik neu. Keine rhetorischen Glanzlichter, keine bedeutenden Reden, keine Temperamentsausbr\u00fcche, kein Hang zu Scheinwerfern. Sie lenkte die Dinge still, aber immer in ihre Richtung. Merkel war das ruhige Wasser, aus dem in Sekundenschnelle ein Tsunami aufsteigen konnte. Dieser verschlang dann Inseln wie Merz oder R\u00f6ttgen und wurde urpl\u00f6tzlich wieder zur stillen See. Das Ergebnis war ihr meistens keinen Augenaufschlag wert, sie hatte Besseres zu tun. Mit Gescheiterten verplemperte sie keine Zeit. Darin \u00fcbertraf sie noch ihren Mentor Kohl, was irgendwie fast zum F\u00fcrchten ist. Auf der anderen Seite haben politische Rohrkrepierer im Kabinett ihr nie geschadet. Ein Ph\u00e4nomen. Die Unf\u00e4higkeit der Scheuer, Spahn, Kl\u00f6ckner perlte am Teflon der Angela Merkel einfach ab. Den Schaden nahmen dabei immer andere.<\/p>\n<p>In der Fl\u00fcchtlingskrise lag sie v\u00f6llig falsch, was die Handhabung und die Bew\u00e4ltigung angeht. Darin auch Opfer ihres schlechten Regierungsteams. Der menschliche Impuls sollte ihr nicht vorgehalten werden. Er wurde ihr allerdings vorgeworfen, von denen die 12 Jahre Naziherrschaft und 50 Millionen Tote als \u201eVogelschiss der Geschichte\u201c bezeichnen. F\u00fcr solche Parolen finden sich im deutschen Volk immer bl\u00f6kende Schafe, die zu W\u00e4hlern werden. Die Feindschaft dieser Klientel ehrt Merkel und sollte von ihr wie ein Orden getragen werden. Freude an Orden kann man sich nat\u00fcrlich bei Angela Merkel nur schwerlich vorstellen. Verorten lie\u00df sie sich nicht einmal als Ostdeutsche. Darin war sie eher zur\u00fcckhaltend. Warum auch immer. Wenn es einen roten Faden gab, dann vielleicht die n\u00fcchterne Herangehensweise der Naturwissenschaftlerin, die ihr ganz offenkundig eingebrannt.<\/p>\n<p>Der Kanzler Laschet und die Vizekanzlerin Baerbock sind vielleicht Merkels letztes Erbe. Kein Esprit, keine Aufregung, Deutschland immer weiter so. Das Duo Laschet\/Baerbock kommt wie ein Lehrerehepaar auf Klassenausflug daher. Man isst vorne Erdbeerkuchen, redet \u00fcber K\u00fcchenstudios und erfreut sich an einer frisch gem\u00e4hten Wiese, w\u00e4hrend hinten die Sch\u00fcler in der Scheune knutschen und irgendwo ein Hirsch r\u00f6hrt oder wenigstens ein Hund bellt. Das Idyll scheint perfekt. Wenn dieses Deutschland allerdings aufwacht und sich die Welt wieder n\u00e4hert, dann kann schnell ein Satz zum gefl\u00fcgelten Wort werden: \u201eW\u00e4re doch blo\u00df Merkel noch da.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angeblich hat sie ihre letzte Rede im Bundestag gehalten. So kein Ereignis die Tagesordnung \u00e4ndert, k\u00f6nnte dies in der Tat so sein. Angela Merkel tritt unspektakul\u00e4r ab, wie gekommen so gegangen. 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