{"id":1042,"date":"2021-06-28T21:13:27","date_gmt":"2021-06-28T19:13:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=1042"},"modified":"2021-06-30T11:34:32","modified_gmt":"2021-06-30T09:34:32","slug":"ball-und-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=1042","title":{"rendered":"Ball und Politik"},"content":{"rendered":"<p>Der diplomatische Korrespondent der Chefredaktion des Tagesspiegels fabuliert in einem Beitrag \u00fcber Politik, die aus seiner Sicht nichts in Fu\u00dfballstadien zu suchen. Viele wohlfeile Argumente werden aneinandergereiht, man ist eben diplomatischer Korrespondent. Als h\u00e4tte sich die Politik nicht l\u00e4ngst eingenistet in den Fu\u00dfballarenen dieser Welt. Die reale Fu\u00dfballwelt als Resonanzboden politischer Propaganda ist dem guten Mann anscheinend entgangen. Bevor er den Granden der UEFA freundlich an die Seite tritt, h\u00e4tte er sich diese Leute und deren Welt genauer ansehen sollen. Sponsor der EM \u00fcbrigens Qatar Airways, nat\u00fcrlich unpolitisch. Das unpolitische Fu\u00dfballfeld, welches der Autor Marshall verteidigen m\u00f6chte, ist l\u00e4ngst mausetot. Es war wohl nie unter uns, eher eine M\u00e4r. Demokratisch legitimierte Politiker sitzen gerne auf Ehrentrib\u00fcnen, nutzen Siege und Titel zum Gang in die Kabine, pushen dar\u00fcber werbewirksame Bilder, die beim W\u00e4hler ankommen sollen. Da macht ein franz\u00f6sischer Pr\u00e4sident, ein spanischer Ministerpr\u00e4sident oder ein deutscher Kanzler keinen Unterschied. Eben Politik. Wesentlich schlimmer sind die auf den Ehrentrib\u00fcnen sitzenden Diktatoren, die sich Turniere kaufen k\u00f6nnen und denen der Fu\u00dfball \u00fcber Vereine, Turniere und Verb\u00e4nde inzwischen in weiten Teilen geh\u00f6rt. Ausgeliefert von denen, die als Funktion\u00e4re die Pl\u00e4tze neben den Diktatoren w\u00e4rmen und die gro\u00dfe Erz\u00e4hlung vom unpolitischen Fu\u00dfball verbreiten, die schon bei oberfl\u00e4chlicher Betrachtung als gro\u00dfe L\u00fcge daherkommt.<\/p>\n<p>Besonders arabische Potentaten haben den Sport und speziell das Massenspektakel Fu\u00dfball ausgew\u00e4hlt und mit ihren \u00d6lmilliarden vielfach gekauft. Sie waschen sich damit in Pontius Pilatus Manier ihre H\u00e4nde in Unschuld. \u00dcber die vorgebliche Liebe zum Sportspektakel gaukeln sie uns die Segnungen einer friedfertigen und weltoffenen Regentschaft vor. Wer ihnen politisch, sexuell und gesellschaftlich in ihrem Machtbereich nicht passt, den h\u00e4ngen sie ab und an auch mal auf. Wer ihre Stadien baut, kann unter der Knute der dort herrschenden Sklavenarbeit leicht den Baustellentod finden. So sehen sie aus, die wahren und ach so unpolitischen Herrscher des Fu\u00dfballs. Dieses hat Herr Marshall in seinen Betrachtungen eines Unpolitischen irgendwie ausgeblendet. Au\u00dferdem sieht er eine Gefahr in der Gegenreaktion. So man f\u00fcr progressive und positive politische Argumente streitet, muss man dann auch die offensive Antwort derer aushalten, die r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt oder anderer Meinung. Aber ja doch. Nur zu. Nat\u00fcrlich m\u00fcssen Demokraten so etwas aushalten. Wer auf den Grunds\u00e4tzen der Franz\u00f6sischen Revolution, der kantschen Aufkl\u00e4rung oder gar auf den ersten Artikel unseres Grundgesetzes baut und die W\u00fcrde des Menschen tats\u00e4chlich f\u00fcr unantastbar h\u00e4lt, der darf nicht schweigen, weil er Furcht vor dem Ungeist hat.<\/p>\n<p>Neville Chamberlain wollte einst Adolf Hitler auf dessen Berghof nicht verprellen, den Diktator blo\u00df nicht in die Schranken weisen. Das Ergebnis ist hinl\u00e4nglich bekannt. Weil wir gerade bei einem Engl\u00e4nder sind. Englische Fu\u00dfballspieler protestieren vor Spielen regelm\u00e4\u00dfig gegen Rassismus in den Stadien. Sie sind unmittelbar Betroffene. Der Guardian ver\u00f6ffentliche unl\u00e4ngst einen Beitrag \u00fcber die uns\u00e4glichen und rassistischen Hassattacken in der Social Media Blase, denen viele englische Spieler pers\u00f6nlich ausgesetzt sind. Dieses sich auch im Stadion und vor Spielen \u00f6ffentlich zur Wehr setzen, ist eine verst\u00e4ndliche menschliche Reaktion und eine politische. Stilzuhalten und den Rassisten damit noch einen Triumph verschaffen, w\u00e4re die falsche und feige Antwort. Eine Funktion\u00e4rsantwort. Der englische Nationalspieler Marcus Rashford, 23-j\u00e4hriger St\u00fcrmer von Manchester United, wurde aus Emp\u00f6rung politisch. Als die reaktion\u00e4re Tory-Regierung des Boris Johnson Kindern die Schulspeisung in Ferienzeiten einfach verweigerte, zwang Rashford mit seiner Popularit\u00e4t und der Popularit\u00e4t des Fu\u00dfballs den dar\u00fcber lachenden Premierminister in die Knie. Die oppositionelle Labour Party war dazu nicht in der Lage. Johnsons sozialer Zynismus zerschellte am Engagement dieses Fu\u00dfballers. Hier wurde soziales Engagement zum landesweiten Politikum.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1045\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Ann-please-donate-auf-Pixabay.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"426\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Ann-please-donate-auf-Pixabay.jpg 640w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Ann-please-donate-auf-Pixabay-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Ann-please-donate-auf-Pixabay-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p>Fu\u00dfballer und politische oder gesellschaftliche Statements k\u00f6nnen nat\u00fcrlich immer problematisch daherkommen und m\u00fcssen auch hinterfragt werden. Besonders hierzulande gilt es genauer hinzuschauen. Fu\u00dfballer und Funktion\u00e4re trauern um einen Mitspieler, der sich das Leben nahm und schw\u00f6ren dabei eine sofortige \u00c4nderung in Ton und Umgang. Es geht zu Herzen und dann direkt in die Luft. Am entw\u00fcrdigenden Ton des Profifu\u00dfballs \u00e4nderte sich n\u00e4mlich nichts. Die Spieler tragen auch die Regenbogenzeichen der LGBT-Gemeinde, geh\u00f6ren aber ohne Skrupel einer Branche an, die sogar Agenturen besch\u00e4ftigt, damit schwule Spieler eine Vorzeigefrau f\u00fcr die Weihnachtsfeier und \u00f6ffentliche Anl\u00e4sse zugeteilt bekommen. Anderntags ziehen sie sich auch noch medienwirksam Menschrechtstrikots \u00fcber, verkehren aber in den Sommermonaten gern in den arabischen Trainingslagern vor den F\u00fc\u00dfen der Diktatoren und machen eine brave Verbeugung, so die Potentaten vorbeischauen. Geht es in unserem Land um wirklich hei\u00dfe Gesellschaftsthemen v\u00f6llig abseits von PR-Aktionen und eine echtes Farbe bekennen, ist von den Fu\u00dfballern nichts mehr zu sehen oder zu h\u00f6ren. Diese tummeln sich lieber in ihrer Wohlstandsblase. Die Beispiele lie\u00dfen sich fortf\u00fchren. Ein Gro\u00dfteil der Profifu\u00dfballer hat sich in dieser Doppelmoral gut eingerichtet. Sie sollten, bevor sie sich der n\u00e4chsten Lichterkette anschlie\u00dfen, vielleicht einmal im eigenen Haus kehren. Eine l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llige Bereinigung und ein starkes Zeichen. Sonst bleibt es bei plakativen Aktionismus mit schalem Beigeschmack. Manchmal ist Haltung gefragt.<\/p>\n<p>Die Vorstellung, das Geschehen auf dem Rasen und die Begleitmusik auf den R\u00e4ngen sei heutzutage losgel\u00f6st von aller Unbill dieser Welt ist nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df. L\u00e4ngst greifen Kommerz, Gier, Machtspiele und vielf\u00e4ltige Interessen direkt und schamlos nach dem Spiel und seinen Akteuren. Nichts davon ist unpolitisch. In einer interessanten Studie aus dem Jahr 2018 \u201eErsatzspielfelder: Zum Verh\u00e4ltnis von Fu\u00dfball und Macht\u201c (Suhrkamp-Verlag) kommt der Politikwissenschaftler Timm Beichelt zu folgender Erkenntnis: \u201eDer Neoliberalismus mit seiner stetigen Gewinnmaximierung ist f\u00fcr die heutige Situation des Profifu\u00dfballs verantwortlich.\u201c Dem ist nichts hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der diplomatische Korrespondent der Chefredaktion des Tagesspiegels fabuliert in einem Beitrag \u00fcber Politik, die aus seiner Sicht nichts in Fu\u00dfballstadien zu suchen. Viele wohlfeile Argumente werden aneinandergereiht, man ist eben diplomatischer Korrespondent. 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