{"id":11210,"date":"2022-05-13T09:11:35","date_gmt":"2022-05-13T07:11:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=11210"},"modified":"2022-05-17T00:28:14","modified_gmt":"2022-05-16T22:28:14","slug":"cretin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=11210","title":{"rendered":"Cr\u00e9tin"},"content":{"rendered":"<p>Der damalige franz\u00f6sische Pr\u00e4sident (2012-2017) Fran\u00e7ois Hollande fuhr gerne heimlich, manchmal auch offiziell mit dem Motorroller durch Paris. Offiziell aus PR-Gr\u00fcnden und heimlich wegen einer Geliebten. Die Franzosen m\u00f6gen die Liebe, aber sie mochten diesen Pr\u00e4sidenten selbst im Rausch der Hormone \u00fcberhaupt nicht. Jenen Fran\u00e7ois Hollande wollten sie nur noch loswerden. So w\u00fcnschten sich viele nach dem ersten Spott, er h\u00e4tte den Roller doch vollgetankt, w\u00fcrde m\u00f6glichst weit fahren und hoffentlich nie zur\u00fcckkehren. Irgendwann begriff sogar Hollande diese Signale und warf das Handtuch. Er trat zur n\u00e4chsten Wahl erst gar nicht an, vermied so das Desaster. Freude durchfloss das Land. Aus dem Scherbenhaufen seiner Politik stieg dann Emmanuel Macron wie ein Messias empor. Zur Erleichterung aller machte sich Hollande vom Acker und von dannen. Nun aber zieht er als politisches Gespenst vor Mikrofone und Stifte, um vor den Linken, vor <span class=\"hiddenSpellError\">M\u00e9lenchon<\/span>, vor der Volksunion (Volksfront) und allem zu warnen, was neoliberaler Politik st\u00f6rend im Weg stehen k\u00f6nnte. Ein angeblicher Sozialist verr\u00e4t alles, was er den Leuten einst als sein Leben und seine Anschauung verkaufte. Allein seine Anh\u00e4nger, wie seine Zuh\u00f6rerschaft sind arg begrenzt, m\u00f6gen Medien seine Ger\u00e4usche noch so klingend verbreiten. Zumindest ihre <span class=\"hiddenSpellError\">Hollande-Lektion<\/span>\u00a0haben viel Franzosen offenbar gelernt.<\/p>\n<p>In Frankreich ist der Volks-verbl\u00f6dende Teil der Medien so unterwegs wie hierzulande. Auch bei den Nachbarn besteht die Berufung der Presse nicht mehr nur darin, Profit zu machen, sondern bewusst Meinungen zu manipulieren und Propaganda zu treiben. Journalismus eher selten auf der Tagesordnung, allerdings in Nischen noch vorhanden. Dort gibt es dann sogar journalistische Qualit\u00e4t, doch die Masse ist so, wie man Massenmedien in dieser Welt kennt. Im Themenfeld Au\u00dfenpolitik sind franz\u00f6sische Medien interessant, innenpolitisch auf neoliberalem Kurs, manchmal Feldzug. Typisches Gebaren von Konzernmedien und ihren Angestellten, um Interessen zu wahren. Handlanger daf\u00fcr lassen sich immer finden, sogar unter franz\u00f6sischen Ex-Pr\u00e4sidenten. Fran\u00e7ois Hollande war von 2012 bis 2017 Staatspr\u00e4sident von Frankreich. Ein Mann ohne Eigenschaften auf dem Stuhl von de Gaulle und Mitterrand. Er galt als Politiker der Parti socialiste (Sozialistische Partei), deren Vorsitzender er von 1997 bis 2008 war, die ihn sogar 2012 zu ihrem Kandidaten f\u00fcr das Pr\u00e4sidentenamt machte. Die Wahl gewann Hollande gegen den Amtsinhaber Nicolas Sarkozy, von dessen Gro\u00dfmannssucht und Korrumpelei die Franzosen die Nase voll hatten. Dessen Sozialkahlschlag wollten sie nicht weiter ertragen. Sarkozy der unbeliebteste wie schlechteste Pr\u00e4sident der Nachkriegszeit. Es war ein historischer Moment, den auch ein Besenstiel siegreich gestaltet h\u00e4tte. Da ein solcher nicht kandidierte, schlug die Stunde des Fran\u00e7ois Hollande. (Nach Mitterrand hatten die Franzosen nur noch Fehlbesetzungen im \u00c9lys\u00e9e-Palast, was sie aber stets erst nach der Wahl merkten. Emmanuel Macrons erste Wahl lie\u00df Hoffnung, die zweite fand im Dilemma einer Wahl zwischen Cholera oder Pest statt, muss insofern losgel\u00f6st betrachtet werden. Jacques Chirac war immerhin noch altes Frankreich, welches sich ab und an auch den USA verweigerte. Man denke an den illegalen Irak-Krieg. Es ehrt Chirac bis heute, Dominique de <span class=\"hiddenSpellError\">Villepin<\/span>\u00a0war sein Au\u00dfenminister. Sarkozy wie\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Hollande<\/span> eben nur noch eine Schande und Peinlichkeit f\u00fcr Frankreich.)<\/p>\n<p>Nachher ist man immer schlauer. Den Franzosen stand damals ihr blaues Wunder nebst Erkenntnisgewinn mit Hollande noch bevor. Besser ihr neoliberales Wunder. Sie ahnten nicht, was (wer) da auf sie zukam. Nach f\u00fcnf Jahren \u00fcbertraf Hollande seinen Vorg\u00e4nger Sarkozy an Unbeliebtheit um L\u00e4ngen und war so tief im Ansehen gesunken, dass er nicht einmal auf die Idee kam, nochmals anzutreten. Es ging das Bonmot um, er w\u00fcrde bei erneuter Kandidatur nur eine Stimme an der Wahlurne erhalten, n\u00e4mlich seine eigene. Doch selbst diese F\u00e4higkeit, seine Stimme richtig abzugeben, wurde am Ende seiner Amtszeit von vielen Franzosen angezweifelt. Das Duo Sarkozy und Hollande hat das Staatsmodell, die F\u00fcnfte Republik von de Gaulle, arg ramponiert, das alte Parteiensystem von innen und v\u00f6llig unbeabsichtigt zerst\u00f6rt. Es schlug die Stunde des Emmanuel Macron, das neoliberale Establishment wusste mit diesem smarten Kandidaten das politische Vakuum zu f\u00fcllen, schlug erfolgreich zu und sich auf dessen Seite.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11311\" aria-describedby=\"caption-attachment-11311\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-11311\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Hollande_Satire.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"819\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Hollande_Satire.jpg 1000w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Hollande_Satire-300x246.jpg 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Hollande_Satire-768x629.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11311\" class=\"wp-caption-text\">Der unpopul\u00e4re Neoliberale. Diente schon im Amt nur als Witzfigur. Frankreichs Ex-Pr\u00e4sident Fran\u00e7ois Hollande steht f\u00fcr Totalversagen.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der verheerende und trottelige Wegbereiter daf\u00fcr vor allem <span class=\"hiddenSpellError\">Hollande<\/span>, der den schlimmsten und <span class=\"hiddenSpellError\">neoliberalsten<\/span>\u00a0Politiker, der je im Nachkriegsfrankreich Verantwortung trug, Manuel\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Valls<\/span>, zum Ministerpr\u00e4sidenten ernannte.\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Valls<\/span> ruinierte mit <span class=\"hiddenSpellError\">Hollande<\/span>\u00a0die Sozialistische Partei, betrieb eine reaktion\u00e4re und neoliberale Politik f\u00fcr Eliten und zog den unbekannten Investmentbanker Emmanuel Macron durch dessen Ernennung zum Wirtschaftsminister auf die politische B\u00fchne. Macron bewies bald seine Klugheit und Wendigkeit, indem er sich von den im Volk verhassten und verspotteten\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Valls<\/span>\u00a0und\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Hollande<\/span> distanziere, auf Abstand achtete. Der Sch\u00fcler wurde seinen angeblichen Meistern schnell \u00fcberlegen. Das diplomatische Geschick, welches Macron als Pr\u00e4sident nach au\u00dfen durchaus an den Tag legt, half ihm schon damals auf die Siegerstra\u00dfe. Die medialen und finanziellen Bataillone der Neoliberalen besorgten den Rest, die Franzosen gingen ihm bei seiner ersten Wahl noch relativ optimistisch auf den Leim. Die Zweitauflage war dann schon politisches Gift, weil Macrons gr\u00f6\u00dfter Trumpf stets die Gegenkandidaten Marine Le Pen hie\u00df. Macron hat Le Pen und deren <span class=\"hiddenSpellError\">Rassemblement<\/span> National (Front National) nie wirklich bek\u00e4mpft. Den Eliten Frankreichs aus Geld, Macht, Medien und Wirtschaft konnte nichts Besseres passieren. Le Pen war immer Macrons eiserne Lebensversicherung, weil er damit die zersplitterte Linke in der finalen Auseinandersetzung an seine Seite zwang. Zweimal ging die Rechnung blendend auf. So lie\u00dfe sich \u2013 eine dauerhaft uneinige Linke vorausgesetzt \u2013 die Herrschaft eines neoliberalen Politikmodells \u00fcber Frankreich auf Jahrzehnte sichern. Macron ist vieles vorzuwerfen, die Uneinigkeit der Linken und die Ohnmacht der W\u00e4hler allerdings nicht. Er wusste diese Dinge stets klug f\u00fcr sich zu nutzen. Nun, wo die Linke sich einigerma\u00dfen geeint in die Parlamentswahl begibt, l\u00e4sst Macron sogar politische Leichen vom Schlag Hollandes ausgraben, um sie sich nutzbar zu machen.<\/p>\n<p>Dieser unselige Lauf der franz\u00f6sischen Innenpolitik begann mit Sarkozy und gewann mit <span class=\"hiddenSpellError\">Hollande<\/span> an Tempo. Auf keinen Politiker wird der Begriff Cr\u00e9tin so oft angewendet wie auf Hollande. (Im weiteren Sinne ist ein Cr\u00e9tin eine Person, die als unintelligent gilt. Viele Franzosen meinen allerdings, man w\u00fcrde einem Cr\u00e9tin mit diesem Vergleich Unrecht tun. Nun ja.) In Frankreich haben B\u00fcrger l\u00e4ngst eine Hollande-Formel: F\u00fcnf Jahre Pr\u00e4sident Hollande sind f\u00fcnf Jahre Scham \u00fcber das Zerst\u00f6ren des Arbeitsgesetzbuches und der schlimme Versuch, sogar Demonstrationen zu verbieten. Ein ehemaliges Mitglied der PS und deren W\u00e4hler dazu: <em>\u201eDieser Typ hat das ganze Land sozial zerst\u00f6rt und erteilt weiterhin Lektionen, ordnet die guten Linken und die schlechten Linken. Eine unglaubliche Frechheit.\u201c<\/em> Ein Twitter-Nutzer zu dem TV-Interview mit Hollande, in dem dieser seine Propaganda gegen die linke Volksunion absonderte: <em>\u201eWahnsinn, wie zynisch er auf die W\u00e4hler spuckt, die ihn 2012 gew\u00e4hlt haben.\u201c<\/em> Als Hollande die sinnlose und die Linke spaltende Kandidatur der Pariser B\u00fcrgermeisterin Anne Hidalgo unterst\u00fctze, fiel diese umgehend von besch\u00e4menden 2,5 Prozent noch tiefer auf 1,7 Prozent in den Umfragen. Diese 1,7 waren dann auch ihr Ergebnis. Mehr muss man \u00fcber Hollande, der nun wie ein bezahlter Lakai in Talkshows rumgammelt, um die Volksunion zu diffamieren, nicht sagen. Pr\u00e4sident Macron hat diesem willigen Helfer auch nicht zu viel Aufmerksamkeit geschenkt, er ist klug genug, den Rohrkrepierer in Hollande zu erkennen, der einem am Ende noch um die eigenen Ohren fliegen kann. Wenn die neoliberalen Divisionen am Ende \u00fcber die Volksfront obsiegen, was nicht ausgeschlossen, Geld, Macht, Medien k\u00f6nnen fast alles bewirken und einf\u00e4deln, wird sich Hollande zu den Siegern z\u00e4hlen. Allerdings ist man sich in Frankreich in allen politischen Lagern einig. Selbst seine jetzigen Kumpel, die ihn nur als n\u00fctzlichen Idioten verwenden, werden ihn nach der Wahl wieder dahin werfen, wo die Franzosen ihn schon abgelegt, auf die M\u00fcllhalde der Geschichte.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\"><em>*Beitragsbild: Frankreichs Ex-Pr\u00e4sident Fran\u00e7ois Hollande (Screenshot: TV france inter)<\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der damalige franz\u00f6sische Pr\u00e4sident (2012-2017) Fran\u00e7ois Hollande fuhr gerne heimlich, manchmal auch offiziell mit dem Motorroller durch Paris. Offiziell aus PR-Gr\u00fcnden und heimlich wegen einer Geliebten. 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