{"id":1122,"date":"2021-07-03T08:02:03","date_gmt":"2021-07-03T06:02:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=1122"},"modified":"2021-07-08T16:29:25","modified_gmt":"2021-07-08T14:29:25","slug":"tanz-auf-dem-vulkan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=1122","title":{"rendered":"Tanz auf dem Vulkan"},"content":{"rendered":"<p>Was waren das noch f\u00fcr Zeiten, als wir Furcht hatten vor dem \u201eWeltbrand\u201c aus Nuklearraketen in den Arsenalen der Gro\u00dfm\u00e4chte. Interkontinentalraketen mit zwei, drei, vier atomaren Sprengk\u00f6pfen entfachten die gro\u00dfe Angst. Tausende dieser Unget\u00fcme standen in den Silos der Amerikaner und Russen. Selige Zeiten, in denen wir unseren Wohlstand mehrten und die Erde und andere Menschen ausbeuteten. Weltweit gibt es immer noch ca. 13.000 atomare Sprengk\u00f6pfe. Dieses Arsenal reicht noch f\u00fcr einen gewaltigen und finalen Wums. Allerdings kratzt es keinen mehr. L\u00e4ngst juckt anderes in unserem Pelz. Vielleicht machen uns diverse Virusmutationen den Garaus, die wir noch nicht auf dem Schirm, bevor Klimaausw\u00fcchse uns braten, verbrennen, wegfegen oder ers\u00e4ufen. Der Mensch hat aktuell so einiges an der Backe, fr\u00f6nt in der westlichen Hemisph\u00e4re dennoch dem \u201eimmer weiter so\u201c.<\/p>\n<p>Zwei durchaus beunruhigende Titelbilder europ\u00e4ischer Qualit\u00e4tszeitungen k\u00f6nnten in 20 bis 30 Jahren als Vorbote einer H\u00f6lle gelten, der wir nichts entgegenzusetzen haben. Alle Alarmglocken l\u00e4uten offenbar zu sp\u00e4t. Die Menschheit und jeder Einzelne von uns werden nichts mehr umkehren oder gar verhindern. Der Glaube an eine Umkehr funktioniert nur mit einem H\u00f6chstma\u00df an Naivit\u00e4t oder dem Lieblingsmittel des Menschen \u201eKopf in den Sand\u201c und dem \u201ePrinzip Hoffnung\u201c. Die Gefahr besteht \u00fcbrigens nicht f\u00fcr den Planeten. Da sollten wir uns nicht t\u00e4uschen. Die Erde existiert noch weiter, wenn es l\u00e4ngst auf ihr kocht oder alles im ewigen Winter oder Wasser verschwindet.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1125\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Guardian-245x300.jpg\" alt=\"\" width=\"245\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Guardian-245x300.jpg 245w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Guardian.jpg 720w\" sizes=\"auto, (max-width: 245px) 100vw, 245px\" \/> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1126\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Liberation-241x300.jpg\" alt=\"\" width=\"241\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Liberation-241x300.jpg 241w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Liberation.jpg 720w\" sizes=\"auto, (max-width: 241px) 100vw, 241px\" \/><\/p>\n<p>Die Gefahr besteht f\u00fcr uns und eine Menge unschuldiger Lebewesen aus dem Tierreich. Darunter nicht die Kellerassel, die soll angeblich sogar einen radioaktiven Niederschlag \u00fcberstehen k\u00f6nnen und dabei weiter pr\u00e4chtig gedeihen. Na wenigstens das. Wir dagegen haben mit unserer Art Lebensmodell die B\u00fcchse der Pandora ge\u00f6ffnet, sind die gro\u00dfe Plage auf diesem Planeten, die einzigen Macher jener Gefahr, die uns nun gnadenlos im Nacken sitzt. Oben wird weiter Gier und Habgier obsiegen. Unten wird man nach wie vor danach d\u00fcrsten, mit 10.000 anderen Freizeitbegierigen auf einem dicken Dampfer Venedig anzusteuern oder einen Zentner Grillfleisch f\u00fcr 2 Euro kaufen, regelm\u00e4\u00dfig und billig in eine Erholung fliegen zu k\u00f6nnen, die vielleicht bald keine mehr ist. Wer will wirklich auf sein Auto verzichten? Die Menschen kennen l\u00e4ngst von allem den Preis aber von nichts mehr den Wert.<\/p>\n<p>Das alte Indianersprichwort wird der nachfolgenden Generation wie ein Menetekel n\u00e4her und n\u00e4her r\u00fccken: \u201eErst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann.\u201c In diesem Sinne kann man uns allen nur viel \u201eSpa\u00df\u201c beim Tanz auf dem Vulkan w\u00fcnschen, zu dem die Musik l\u00e4ngst aufspielt. Allerdings will dies kein Aas h\u00f6ren. Man k\u00f6nnte hierzu noch Jonathan Franzen, den US-Schriftsteller ins Feld f\u00fchren, der mit scharfem Blick Menschen, Natur und das Leben seit Jahrzehnten im Auge hat. Auch die Beschw\u00f6rungen der Politik sind ihm nicht fremd. Im September 2019 schrieb er im \u201eNew Yorker\u201c ein Essay<strong>*<\/strong> zum Thema. Der Titel deutlich: \u201eWann h\u00f6ren wir auf, uns etwas vorzumachen?\u201c Franzen weiter: \u201eEs ist nicht f\u00fcnf vor zw\u00f6lf, was wir seit 20 Jahren erz\u00e4hlen, sondern f\u00fcnf nach zw\u00f6lf. Das Spiel ist aus, wir werden den Klimawandel nicht mehr kontrollieren, die Katastrophe nicht verhindern k\u00f6nnen. Das Pariser Abkommen, das Zwei-Grad-Ziel, \u201eFridays for Future\u201c, die Bepreisung von CO\u2082: alles zu sp\u00e4t, nachdem 30 Jahre lang vergeblich versucht wurde, die globale Erw\u00e4rmung zu reduzieren. Wir sollten der Wahrheit ins Gesicht sehen.\u201c Auf Schriftsteller wird auf diesem Planeten allerdings grunds\u00e4tzlich \u00e4u\u00dferst wenig geh\u00f6rt. Denen geht es wie den Indianern mit ihren Weisheiten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1129\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/M03499004402-large.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"346\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/M03499004402-large.jpg 220w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/M03499004402-large-191x300.jpg 191w\" sizes=\"auto, (max-width: 220px) 100vw, 220px\" \/><\/p>\n<p>In vielen Untergangsszenarien wird gern die Titanic aufs Trapez gebracht. Dort spielte die Kapelle noch, bis das k\u00fchle wie eisige Nass die Kn\u00f6chel umsp\u00fclte. Stilvoller Abgang. John Astors Leiche trieb da schon wenig stilvoll im Atlantik und konnte sp\u00e4ter anhand von 4.000 Dollar identifiziert werden, die er sich in die Tasche gesteckt hatte. Reichtum hat also in der Tat Vorteile, selbst wenn es in die ewigen Jagdgr\u00fcnde geht. Da sind wir schon wieder bei den Indianern.<\/p>\n<p>Wer noch Hoffnung f\u00fcr die Zukunft hegt oder hegen muss, weil er dort etwas zu bestellen, der sollte sich auf die Spur des Journalisten George Monbiot machen. Jener twittert flei\u00dfig und geistreich, ist au\u00dferdem Kolumnist beim Guardian. Niemand schreibt fundierter und engagierter \u00fcber den Zustand des Planeten und dessen Gef\u00e4hrdungen durch Raubbau, Mensch, Wirtschaft und Politik. \u00dcbrigens alles in einer verst\u00e4ndlichen Art und Weise, nicht f\u00fcr den wissenschaftlichen Elfenbeinturm. Man ist gut bei ihm aufgehoben und deshalb sei er hier w\u00e4rmstens und ernsthaft empfohlen.<\/p>\n<p><em><strong>*<\/strong>Jonathan Franzens Essay liegt als Rowohlt Taschenbuch (8 Euro, 64 Seiten) auch in deutscher Sprache vor.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was waren das noch f\u00fcr Zeiten, als wir Furcht hatten vor dem \u201eWeltbrand\u201c aus Nuklearraketen in den Arsenalen der Gro\u00dfm\u00e4chte. Interkontinentalraketen mit zwei, drei, vier atomaren Sprengk\u00f6pfen entfachten die gro\u00dfe Angst. 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