{"id":13455,"date":"2022-07-10T13:54:28","date_gmt":"2022-07-10T11:54:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=13455"},"modified":"2022-07-13T23:56:21","modified_gmt":"2022-07-13T21:56:21","slug":"blauer-anzug-und-cremefarbenes-kleid-auf-sylt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=13455","title":{"rendered":"Blauer Anzug und cremefarbenes Kleid auf Sylt"},"content":{"rendered":"<p>Was f\u00fcr Tage. Und wir alle dabei und mittendrin. Als\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Hempel<\/span> noch unter das Sofa schaute, stellte er sich wohl so das Paradies vor. Ein bekannter Finanzminister (Liberaler?) heiratet eine Springer-Mitarbeiterin (Journalistin?), was zuerst einmal einen Gl\u00fcckwunsch nach sich ziehen sollte. Hiermit ausgesprochen. M\u00f6ge die Ehe halten, gut werden und die Beteiligten gesund bleiben. Warum, was und wie m\u00fcsste selbstverst\u00e4ndlich Privatsache des Paares sein und bleiben. Doch das Ereignis wurde nat\u00fcrlich anders eingerichtet. Was sich mit und um diese Hochzeit bewegt, wird auf den Seiten der Zeitung, die gerne schreibt, was wir denken sollen, vermarktet, ausgeschlachtet und breitgetreten. Nun gut, wenn eine Kollegin aus dem eigenen Haus einen Spitzenpolitiker zum Altar begleitet, ist die Versuchung eben gro\u00df und PR-Deals schnell geschlossen. So k\u00f6nnen die Deutschen teilhaben, die so etwas m\u00f6gen und sich davon befl\u00fcgeln lassen. Zumal der gro\u00dfe und feuchte Nachkriegstraum der oft arg lieblosen <span class=\"hiddenSpellError\">Wirtschaftswunderdeutschen &#8211;<\/span> die \u00f6ffentliche Eheschlie\u00dfung zwischen dem Silberwaldf\u00f6rster und dem Schwarzwaldm\u00e4del am rauschenden Wildbach mit r\u00f6hrendem Hirsch &#8211; niemals in Erf\u00fcllung ging. Bedenklich stimmt es, wenn man in f\u00fcr seri\u00f6s gehaltenen Medien damit auch noch eins \u00fcbergebraten bekommt. Der Berliner Tagesspiegel bot online ein Update des Hochzeitsartikels, damit Lieschen M\u00fcller und Franz Gans immer den neusten Stand zur Hand haben, was da so am Ort des Geschehens (Sylt) los ist. Selbst der Spiegel schunkelt online mit. Was wohl Rudolf Augstein dazu sagen w\u00fcrde?<\/p>\n<p>Jedenfalls erf\u00e4hrt \u00fcber alle verf\u00fcgbaren Kanonenrohre der Medien eine breite \u00d6ffentlichkeit, die sehr gierig, aber auch eine schmale \u00d6ffentlichkeit, die eher desinteressiert, was so Sache ist. Nat\u00fcrlich, dass Friedrich Merz mit dem Privatflugzeug angereist, eher angeflogen kam. Die Emp\u00f6rung sollte sich in Grenzen halten. Donald Trump kam einst mit seiner eigenen Boeing 757 angeflogen, als er sich auf den Weg machte, endlich US-Pr\u00e4sident zu werden. Merz kommt eher in einer kleinen Hutschachtel, die schon von Otto Groschenb\u00fcgel geflogen wurde, der besser als &#8218;Quax, der Bruchpilot&#8216; bekannt. Merz will nicht Pr\u00e4sident werden, obwohl er sich zu H\u00f6herem berufen f\u00fchlt, deswegen wohl die Fliegerei, sondern nur Bundeskanzler. Auf der anderen Seite flog Merz selbst, was Trump, Gott sei es gedankt, nie versuchte. Wenigstens das nicht. Seine runderneuerte Boeing 757 macht sich aktuell wieder auf in die L\u00fcfte, wer wei\u00df, wohin sie politisch noch fliegt. Zu Merz f\u00e4llt einem mehr nicht ein, also weiter in der Hochzeitsumschau. Wenn schon bunt unterwegs, dann richtig. Auch wir k\u00f6nnen Boulevard. Herzschmerz sowieso. Sylt befl\u00fcgelt halt Gedanken. Oder auch nicht. Was vor allem alte bundesrepublikanische Eliten und selbst ernannte Edle heraufbeschworen, den Zauber von Sylt, darf man getrost anders sehen. Weil dieser Zauber eher f\u00fcr Geld und nicht f\u00fcr wahre Sch\u00f6nheit steht. \u00dcber Sylt l\u00e4sst sich sehr gut sagen, was Kurt Tucholsky schon vor hundert Jahren \u00fcber das mond\u00e4ne Saint-Tropez an der franz\u00f6sischen Riviera schrieb: <em>\u201eWer hierherfahre, mache krampfhaft ein vergn\u00fcgtes Gesicht und wage es nicht, sich einzugestehen, dass es an hundert andern K\u00fcsten sch\u00f6ner, weiter, kr\u00e4ftiger und naturhafter ist\u201c.<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_13465\" aria-describedby=\"caption-attachment-13465\" style=\"width: 740px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-13465\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Luftaufnahme-Sylt-e1657443120678.jpg\" alt=\"\" width=\"740\" height=\"573\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Luftaufnahme-Sylt-e1657443120678.jpg 740w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Luftaufnahme-Sylt-e1657443120678-300x232.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 740px) 100vw, 740px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-13465\" class=\"wp-caption-text\">Sylt von oben. F\u00fcr Reiche, Sch\u00f6ne und edle Hochzeiten. Neuerdings auch f\u00fcr Punks. Natur verbindet.<\/figcaption><\/figure>\n<p><span data-offset-key=\"aplo1-0-0\">Irgendeine Runkel, <\/span><span id=\"decorator-ignored-entity-id-31\" data-entity-key=\"31\" data-offset-key=\"aplo1-1-0\"><span data-offset-key=\"aplo1-1-0\">Rikel, Rankel <\/span><\/span><span data-offset-key=\"aplo1-4-0\">vom heimlichen Politikmagazin der Deutschen, genannt \u201aBunte\u2018, wurde im Angesicht des Paares ganz sabbernd und seicht, faselte was von den Kennedys. Nur Hirnweiche oder ein Blitzschlag? Das Kleid der Braut jedenfalls cremefarben, der Anzug des k\u00fcnftigen Gemahls irgendwas mit blauem Grundton. Sch\u00f6n. Spa\u00dfiges gab es in einem Nebenprogramm. Punks, die neuerdings mit dem 9-Euro-Ticket bevorzugt Sylt ansteuern, wollten irgendwie l\u00e4rmend Putz verbreiten. Allerdings machen weite Anreise und diverse <span class=\"hiddenSpellError\">R\u00e4usche<\/span>\u00a0auch\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Punkbirnen<\/span> weich. So landeten die Punks mit ihrer geplanten Attacke am falschen Ort und im falschen Hotel. Nichts mit Rabatz. Punks sind auch nicht mehr, was sie vielleicht niemals waren. Der Schreiber dieser Zeilen will nicht zu sehr spotten, landete selber schon auf einer falschen Hochzeitsgesellschaft, die ihn bis zur Aufkl\u00e4rung des Irrtums \u00e4u\u00dferst freundlich behandelte. <\/span>Weit weniger lustig nat\u00fcrlich der ausgewiesene Prominentenstatus jener uns hier besch\u00e4ftigenden Sylt-Hochzeit, die als &#8218;Hochzeit des Jahres&#8216; medial verwurstet wird.<\/p>\n<p>Ein Zwischenhalt in den sozialen Medien. Jemand, der sonst von sich, einem Stahlhelm und den Gebr\u00fcdern Klitschko aus Kiew postet, sendet nun ein Selfie von der Traumhochzeit. Was es alles so gibt. Auff\u00e4llig \u00fcbrigens eine gewisse Hochn\u00e4sigkeit von jungen Redakteuren diverser Bl\u00e4tter und Medien. Die verbringen nat\u00fcrlich ihr halbes Leben auf Twitter und sind dort, wie sie versichern, ganz und ausschlie\u00dflich privat. Da nehmen sie nat\u00fcrlich schnell wahr, wohin die Str\u00f6me flie\u00dfen. Gut f\u00fcr den eigenen Job. In Sachen der beschriebenen Hochzeit ist in der sozialen Blase alles dabei. Von Jubel bis Freude \u00fcber die satirische und h\u00e4mische Begleitung bis zu Dummheit und dumpfer Verachtung. Das \u00fcbliche Schicksal solcher Ereignisse, zumal bei Beteiligung von Politikern. So etwas nehmen twitternde Nachwuchskr\u00e4fte wie auch viele gestandene Medienvertreter kaum noch wahr, es ist zu allt\u00e4glich. Was sie wahrnehmen und mit Emp\u00f6rung von oben herab abwertend anmerken, ist der angebliche Neid kleiner oder einfacher Leute, den sie unterstellen. Weil jene sich nicht an der Hochzeit erfreuen k\u00f6nnen und auf Kosten, Kontostand und M\u00f6glichkeiten reicher Menschen hinweisen, die sich solche Art Feste leisten k\u00f6nnen. Dann twittert der journalistische Nachwuchs etwas von Neid und dass es schlie\u00dflich Privatsache sei und niemanden etwa angehe. So setzen erstaunlicherweise gerade Medienarbeiter einer j\u00fcngeren Generation solche oberfl\u00e4chlichen Tweets ab und vergessen dabei v\u00f6llig, dass zeitgleich ihre Arbeitgeber und Br\u00f6tchengeber diese Privatsache laut durchs ganze Land blasen, um Auflage und Quote zu machen. Viel schlimmer ist allerdings der sorglose und falsche Umgang mit dem Begriff Neid.<\/p>\n<figure id=\"attachment_13485\" aria-describedby=\"caption-attachment-13485\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-13485\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/twitter-g338318a48_640.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"205\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/twitter-g338318a48_640.jpg 640w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/twitter-g338318a48_640-300x96.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-13485\" class=\"wp-caption-text\">Kein Ereignis ohne Tweet. (Collage: Gerd Altmann auf Pixabay)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Neid ist l\u00e4ngst ein neoliberaler Kampfbegriff, mit dem die Unterschicht von ihrem Ruf nach einem Mindestma\u00df an sozialer Gerechtigkeit abgehalten werden soll. Indem man den Armen und sozial Schwachen mit solchen Begriffen wie Neid verbal nachstellt, will man ihnen niedere Motive unterjubeln und damit eine peinliche Scham aufzwingen. Eine Scham, die eigentlich die Oberschicht bei ihren Lebensformen und Festivit\u00e4ten viel mehr empfinden sollte, wird hier umgekehrt und gegen jene Unterschicht instrumentalisiert, die man sich damit vom Leibe halten will. Die Unterst\u00fctzer des \u201evom Leibe halten\u201c sind jene, die sich als kleine Handlanger, und sei es auf Twitter, f\u00fcr solche Art Manipulationsversuche hergeben, weil sie mit flotter Hand Dinge ausquatschen, bevor sie diese durchdacht haben. Der hierzulande gern zitierte Jesus steht in der Bergpredigt nicht an der Seite der Edlen und Reichen, sondern der Armen. Jener Menschen, die sich abm\u00fchen und dennoch verachtet werden. Er wettert gegen Ma\u00dflosigkeit und V\u00f6llerei. So erz\u00e4hlt uns zumindest die Bibel. (Bert Brecht empfahl \u00fcbrigens die Bibel seiner Tochter Barbara zur unbedingten Lekt\u00fcre.) Neid jedenfalls hat man Jesus in den letzten 2000 Jahren nicht unterstellt. Kann selbstverst\u00e4ndlich noch kommen.<\/p>\n<p><span data-offset-key=\"232hp-0-0\">Zur\u00fcck zum Prominentenstatus. Was deutscher Provinzgeist so f\u00fcr Glanz und Gloria <\/span><span id=\"decorator-corrected-entity-id-18\" data-entity-key=\"18\" data-offset-key=\"232hp-1-0\"><span data-offset-key=\"232hp-1-0\">h\u00e4lt, durfte<\/span><\/span><span data-offset-key=\"232hp-2-0\"> besichtigt werden, jedenfalls bei Anfahrt. Die Braut fuhr mit Vater im offenen Porsche vor. Was f\u00fcr eine Meldung! Derweil sammelten sich an den Wegen die Plebejer\u00a0 eintr\u00e4chtig mit denen, die sich f\u00fcr sch\u00f6n halten und reich sind, um einen gemeinsamen Blick auf die Welle der Promis zu erhaschen, die da nun \u00fcber sie schwappen werde. Und wer kommt dann in der Promi-Spur des Weges und in den Blick der Erwartungsvollen? Wolfgang Kubicki. Jener? Ja, genau dieser. Man muss schon in einen Bergwerksstollen kriechen und die Eing\u00e4nge verrammeln, will man in diesem Land Wolfgang Kubicki entrinnen. Die armen Gaffer. Wer auf G\u00f6tter wartet und nur einen s\u00e4uselnden Landpfarrer zu Gesicht bekommt, darf zurecht \u00fcbellaunig die Heimreise antreten. Ein kleiner Trost f\u00fcr den Heimweg. Bundeskanzler Olaf Scholz ereilte ein \u00e4hnliches Schicksal. Selbst der Regierungschef konnte Kubicki nicht entrinnen. Das Foto, welches die Runde macht und den Kanzler und seine Ehefrau als Hochzeitsg\u00e4ste zeigt, wird wie selbstverst\u00e4ndlich vom unvermeidlichen Wolfgang Kubicki geziert. Ob Kubicki jetzt als Conf\u00e9rencier, Empfangschef, Hofnarr oder gew\u00f6hnlicher Gast mit offizieller Einladung an dieser Hochzeit teilnahm, l\u00e4sst sich nicht v\u00f6llig kl\u00e4ren. Es ist auch egal. <\/span>Was vergessen? Sicher. Aber irgendwann ist es wirklich genug.<\/p>\n<p><em><span style=\"font-size: 10pt;\">*Titelbild: SplitShire auf Pixabay<\/span><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was f\u00fcr Tage. Und wir alle dabei und mittendrin. Als\u00a0Hempel noch unter das Sofa schaute, stellte er sich wohl so das Paradies vor. 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