{"id":155,"date":"2021-05-29T12:53:58","date_gmt":"2021-05-29T10:53:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=155"},"modified":"2021-06-05T18:11:41","modified_gmt":"2021-06-05T16:11:41","slug":"gendern-und-wahlkampf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=155","title":{"rendered":"Gendern und Wahlkampf"},"content":{"rendered":"<p>Ob ehrbare Schreibmaschinenhersteller schon an die Genderei dachten? Die Tastatur als Schlachtfeld. Tucholsky benutzte das Wort als Florett, selten als S\u00e4bel. Churchill rief es gar zu den Fahnen und Waffen. Lang ist es her. Wer sich noch erinnert, ist sowieso au\u00dfen vor weil \u201ealter wei\u00dfer Mann&#8220;. In Deutschland werden gerne Nebenkriegsschaupl\u00e4tze er\u00f6ffnet, damit der dortige Gefechtsl\u00e4rm die wirklichen Probleme \u00fcberdeckt. Derer gibt es viele, die unbedingt auf die Agenda geh\u00f6ren. Die Gendersprache ist nicht jedermanns Sache, der Schreiber dieser Zeilen gesteht es f\u00fcr sich freim\u00fctig ein. Soll jeder nach seiner Fa\u00e7on selig werden, so es der Wahrheitsfindung dient, um einen Berliner Sponti aus bunter Zeit zu zitieren. Mit Monika Maron, Reiner Kunze oder Harald Martenstein l\u00e4sst es sich gut in einem Boot sitzen. Bei der plappernden Blaubl\u00fcterin von Thurn und Taxis oder dem Amateurpapst Peter Hahne wird einem dagegen \u00fcbel. Sich mit Friedrich Merz auf einer Seite der Barrikade wiederzufinden, verursacht ebenfalls kein Gl\u00fccksgef\u00fchl. Der Kanzlerkandidat der Bild-Zeitung ist ein personifizierter, anachronistischer Zug unserer Zeit. Die Reaktion winkt mit ihm aus alten Gr\u00e4ben. Merz eingeschr\u00e4nktes Ironiepotential via Twitter der Welt mitgeteilt, l\u00e4sst tief blicken. \u201eGr\u00fcne und Gr\u00fcninnen? Frauofrau statt Mannomann? Einigkeit und Recht und Freiheit f\u00fcr das deutsche Mutterland? H\u00e4hnch*Innen-Filet? Spielpl\u00e4tze f\u00fcr Kinder und Kinderinnen? Wer gibt diesen #Gender-Leuten eigentlich das Recht, einseitig unsere Sprache zu ver\u00e4ndern?&#8220; So sprudelten seine oder seines Social Media Teams (So etwas, hat man heute.) Einf\u00e4lle in die \u00d6ffentlichkeitsblase. Ein bisschen lustig, aber wirklich nur ein bisschen. Humor der Marke Fips Asmussen, keine Satire im Stil Tucholskys. Merz Rochaden Richtung \u201ecooler Typ\u201c fallen bekannterma\u00dfen oftmals ins Wasser.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Als dieser in eigener Sache stets ambitionierte CDU-Mann sich vor zwei Jahrzehnten in Erinnerung an das eigene Jugenddasein zum wilden Kerl mit M\u00e4hne stilisierte, schmunzelten Mitsch\u00fcler \u00f6ffentlich. Ein Bekannter aus fr\u00fchen Tagen tat es sogar auf den Seiten der Wochenzeitung Zeit \u201eUnser Kumpel hatte schon immer die Frisur, die er heutzutage tr\u00e4gt. Daf\u00fcr h\u00e4tte der alte Merz schon gesorgt, dass die Haare nicht zu lang wurden! \u00dcberhaupt hatte der ihn ganz gut im Griff, wie man immer noch sehen kann, denn Friedrich vertritt offensichtlich nach wie vor die Original-Weltanschauung des Herrn Oberamtsgerichtsrats.&#8220; Die Ansichten des Oberamtsgerichtsrats scheinen in der Tat noch sehr lebendig, jedenfalls Friedrich Merz weiter zu befeuern. In Zeiten einer Welt voller ernster und lebensbedrohender Entwicklungen mit den einhergehenden Zukunfts\u00e4ngsten einer wachsenden Bev\u00f6lkerungsschicht aus dem Genderstern einen Wahlkampfplaneten zu machen, zeugt von der eindimensionalen Wahrnehmung eines Populisten mit Blackrock-Vergangenheit und nicht von der F\u00e4higkeit, Zukunftsgestaltung abzuliefern. Der k\u00fcnftige Superminister mag vieles sein, frischer Wind oder gar Erneuerung ist dieser Politiker nicht.<\/p>\n<p>Die Sache mit dem Gendern k\u00f6nnte man einfach halten, wie der Journalist Ralf Heimann es in einem Tweet anregte: \u201eVorschlag zur G\u00fcte: Die einen gendern, die anderen nicht.\u201c Mehr muss man dazu nicht sagen. In Beh\u00f6rden- und Amtsstuben k\u00f6nnte dies sicher zu einigem Durcheinander in \u00f6ffentlichen Verlautbarungen f\u00fchren. Allerdings lassen sich amtliche Dokumente sowieso nur von wenigen Menschen verstehen, ob nun mit oder ohne Genderstern. Mit dem Fr\u00fchst\u00fccksei sind wir doch l\u00e4ngst allesamt flexibler. Der eine mag\u2019s gekocht, der andere ger\u00fchrt, viele setzen aufs klassische Spiegelei. Wer anderen Fr\u00fchst\u00fccksgewohnheiten fr\u00f6nt oder es gar ges\u00fcnder mag, kommt auch lebend durch den Tag. Lockerheit und Abr\u00fcstung in Sachen Sprache t\u00e4te uns allen gut. Der Wahlkampf sollte jedenfalls endlich zu den wichtigen Themen abdrehen und sich nicht an Sternchen nebst Doppelpunkten festbei\u00dfen.<\/p>\n<p>Zum Thema Gendern eine Stimme, die Geh\u00f6r finden sollte und keinem alten wei\u00dfen Mann geh\u00f6rt. Die ehemalige S\u00e4ngerin Edda Moser*, eine Legende unter den Sopranistinnen ihrer Zeit, sprach es deutlich aus: \u201eDie Gender-Sprache ist Schwachsinn, eine absolute Schande.\u201c Letztendlich ist die Genderei eine Elite- und Oberschichtdiskussion in einer Wohlstandsregion. Wer t\u00e4glich von Alltagssorgen bedr\u00fcckt, eine Zahl, die stetig steigt, wer Angst um Miete\/Wohnung, wer den Leuten rund um die Uhr Pakete ins Haus schuftet, dies in unterbezahlten Jobs tun muss, wer den Wohlstandsm\u00fcll der satten B\u00fcrger Tag um Tag entsorgt oder diejenigen, die im ewigen Kreislauf der Hartz 4 Welt gefangen, sie sind allesamt von der Genderei entfernt wie die Erde vom Mond. Wer im Alter von seiner Rente nicht leben kann, dessen Ende in Unw\u00fcrde bevorsteht, auch jenen ist die Gendersprache kein Rettungsanker. Leider hat die Eliten und Themensetzer noch nie interessiert, was die Plebejer so umtreibt. Eliten haben ihre eigenen Spiele, leben in ihrer Welt und geben den Takt vor. Nun wollen sie auch Sprache und Ton vorgeben. Vielleicht sollte dieser Mummenschanz etwas tiefer gehangen werden. Eiferer auf beiden Seiten m\u00fcssen abr\u00fcsten und den Blick auf dr\u00e4ngende Probleme richten, den aufkommenden Wahlkampf mit Themen f\u00fcllen, die den Menschen gerecht werden und diese zur Wahl animieren und nicht von der Urne vertreiben.<\/p>\n<p><strong>Anmerkung<\/strong><\/p>\n<p><strong>*<\/strong>Edda Mosers Stimme saust durchs Universum. Wer kann so etwas noch von sich behaupten. Als man der Raumsonde Voyager menschliche Gaben mit auf die Reise gab, weil diese eines Tages vielleicht auf fremdes Leben st\u00f6\u00dft, wollte man Glanzst\u00fccke der Menschheit vorf\u00fchren. Dazu geh\u00f6rt neben Bachs Goldbergvariationen auch Mozarts schwerste Arie, die der K\u00f6nigin der Nacht mit ihrer \u201eH\u00f6lle Rachen\u201c aus der Zauberfl\u00f6te. Die Wahl fiel unter Dutzenden Einspielungen auf die famose Version von Edda Moser, die Mozart damit auch alle Ehre machte. (Was Au\u00dferirdische bei den Themen Rache und H\u00f6lle empfinden, wird sich zeigen.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob ehrbare Schreibmaschinenhersteller schon an die Genderei dachten? Die Tastatur als Schlachtfeld. Tucholsky benutzte das Wort als Florett, selten als S\u00e4bel. Churchill rief es gar zu den Fahnen und Waffen. 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