{"id":16847,"date":"2022-09-24T10:24:13","date_gmt":"2022-09-24T08:24:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=16847"},"modified":"2022-09-27T19:23:34","modified_gmt":"2022-09-27T17:23:34","slug":"worte-oder-raketen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=16847","title":{"rendered":"Worte oder Raketen"},"content":{"rendered":"<p>Das Titelbild zeigt eine russische RT-2PM2 \u201e<span class=\"hiddenSpellError\">Topol-M<\/span>\u201c Interkontinentalrakete mit einer Reichweite von 12.000 km als klassische Tr\u00e4gerrakete mit Mehrfachsprengk\u00f6pfen f\u00fcr Nuklearwaffen. Im Western wird die Rakete als SS-27 bezeichnet. Russland verf\u00fcgt angeblich \u00fcber 6.000 Atomsprengk\u00f6pfe. Davon sollen ca. 1.600 einsatzbereit sein, was sich anh\u00f6rt wie bewaffnet bis \u00fcber beide Ohren. Die USA k\u00f6nnen da spielend mithalten, China noch nicht, wobei deren Potenzial von angenommenen 350 atomaren Sprengk\u00f6pfen ebenfalls ausreicht, ein Loch in den Planeten zu sprengen. Jene Zahlen nur zur Erinnerung und Einstimmung. Kommen wir jetzt kurz zum Fu\u00dfball und dann direkt zu Wladimir Putin. Wie beim Fu\u00dfball, wo es Millionen Trainer gibt, wei\u00df (fast) jeder, was los in der Ukraine, was milit\u00e4risch richtig oder falsch. Nat\u00fcrlich wissen (fast) alle genau, was Putin treibt, denkt, will und kann oder eben nicht kann. Dieses Wissen blasen sie dann gerne \u00fcber Twitter in die Welt, jeder nach seinen Bed\u00fcrfnissen und F\u00e4higkeiten, manche nur nach Ego. Daher gibt es, sobald Putin was sagt, mehr Analysen als Sterne am Himmel oder in Hollywood. Deswegen kann man sich getrost daran versuchen und ist nie allein. Widersteht man dieser Versuchung eines eigenen Blicks in die Glaskugel nicht, tippelt man nat\u00fcrlich auf d\u00fcnnem Eis. Ereignisse, zumal in Konflikt- und Kriegszeiten, \u00fcberholen das geschriebene Wort, bevor dieses gedacht.<\/p>\n<p><span data-offset-key=\"3qh9p-0-0\">Trotz aller Bedenken spielen wir an dieser Stelle das alte Spiel der Kreml-Astrologie einfach mal mit. Die Rede von Putin war der Balanceakt eines Politikers, welcher <\/span><span id=\"decorator-corrected-entity-id-2\" data-entity-key=\"2\" data-offset-key=\"3qh9p-1-0\"><span data-offset-key=\"3qh9p-1-0\">versucht, den<\/span><\/span><span data-offset-key=\"3qh9p-2-0\"> Hardlinern im Land zu gefallen, die normale Bev\u00f6lkerung nicht v\u00f6llig zu verlieren und das Milit\u00e4r bei der Stange zu halten, da es aktuell dringend ben\u00f6tigt wird. Nebenher wollte Putin offenbar noch den Eindruck manifestieren, er w\u00fcrde keinen Krieg verlieren. Denen, die in Notzeiten gerne als Volk und Einheit angesprochen werden, musste au\u00dferdem Optimismus vermittelt werden. Wie weit dies gelungen, k\u00f6nnte man wohl nur sagen, wenn man in Russland lebt. Was aktuell in der russischen Politik steckt, bleibt letztlich ein R\u00e4tsel. Leitartikel und Analysen hin oder her.\u00a0<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_16854\" aria-describedby=\"caption-attachment-16854\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-16854\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/ornament-g3a2ee4d1c_640.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"427\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/ornament-g3a2ee4d1c_640.jpg 640w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/ornament-g3a2ee4d1c_640-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/ornament-g3a2ee4d1c_640-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-16854\" class=\"wp-caption-text\">Was in einer Matroschka steckt, wei\u00df man erst nach dem \u00f6ffnen. (Foto: Sabine auf Pixabay)<\/figcaption><\/figure>\n<p>In Putins Rede \u00fcbliches\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Politikerhandwerk<\/span>. Putin beschuldigt die NATO wie diese ihn. Sozusagen ein\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Beschuldigungs-Patt<\/span>. Dass beide Seiten den Konflikt \u00fcber Jahre gesch\u00fcrt oder\/und f\u00fcr sich genutzt haben, davon reden beide Seiten nat\u00fcrlich nicht so gern. In Bezug auf die Kriegsziele hat Putin seinen Kurs beibehalten: <em>\u201eDas Hauptziel dieser Operation, n\u00e4mlich die Befreiung des gesamten Donbass, bleibt unver\u00e4ndert.\u201c<\/em> Wie, wann und womit das erreicht werden soll, was er Befreiung, seine Gegner Okkupation nennen, lie\u00df sich aus der Rede nicht wirklich ableiten. Die nun angek\u00fcndigte teilweise Mobilisierung wird die Hardliner wahrscheinlich nicht bes\u00e4nftigen und die allgemeine Bev\u00f6lkerung eher ver\u00e4ngstigen. Einfache Menschen wollen rund um den Globus nicht in Kriege ziehen, die sie nach pers\u00f6nlichem Empfinden nichts angehen und die den eigenen Tod zur Folge haben k\u00f6nnen. Der Putin-Satz \u201e<em>Besondere Aufmerksamkeit muss der Organisation der Lieferung von milit\u00e4rischer und anderer Ausr\u00fcstung f\u00fcr Freiwilligeneinheiten und die Volksmiliz des Donbass geschenkt werden\u201c<\/em> h\u00f6rt sich trotz Klarheit dennoch etwas sibyllinisch an. Er l\u00e4sst sich durchaus als Vorwurf gegen\u00fcber den Kr\u00e4ften vor Ort interpretieren. Da sind wir schon beim Interpretieren gelandet und bei Fragen, die niemand zum jetzigen Zeitpunkt richtig beantworten kann. Wie lange dauert ein <span class=\"hiddenSpellError\">Mobilisierungsprozess<\/span> im immer etwas tr\u00e4ge wirkenden Russland? Truppen, die \u00fcber die n\u00e4chsten Monate und den Winter Stellungen behaupten sollen, sind anders aufzustellen und auszur\u00fcsten als solche f\u00fcr Offensivoperationen. Dazu hat Putin nat\u00fcrlich nichts gesagt. Was man bisher von der russischen Armee an Pleiten und Pannen erlebte, hat selbst erfahrene westliche Milit\u00e4rs wie den ehemaligen britischen Generalstabschef Richard <span class=\"hiddenSpellError\">Dannatt<\/span> erstaunt und v\u00f6llig \u00fcberrascht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_16863\" aria-describedby=\"caption-attachment-16863\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-16863\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/cemetary1-e1663920289703.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"289\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/cemetary1-e1663920289703.jpg 640w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/cemetary1-e1663920289703-300x135.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-16863\" class=\"wp-caption-text\">In allen Kriegen sterben Menschen. So war es immer. (Foto: Soldatenfriedhof in den Niederlanden)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Welt\u00f6ffentlichkeit sah zu, wie die russische Armee irgendwie r\u00fcckw\u00e4rts verschwand. Putins Milit\u00e4rs werden diese Scharte auswetzen wollen. K\u00f6nnen sie? Wir sind mit einem Fu\u00dfballvergleich eingestiegen, der sicher etwas zu salopp. Sei es drum. Spieler sind in der zweiten Halbzeit der Verl\u00e4ngerung nie so fit wie beim Anpfiff. Soldaten geht es \u00e4hnlich. Eben Menschen, ob in kurzen Hosen oder Uniform. Milit\u00e4rstrategen sind seit Jahrzehnten der Meinung, nach drei bis vier Monaten ist eine k\u00e4mpfende Streitmacht ersch\u00f6pft und m\u00fcsste ausgewechselt werden. Im Fu\u00dfball spricht man von Rotation und beim Milit\u00e4r ebenfalls. Kann man nicht rotieren, weil niemand da, dann wird es brenzlig, wie jetzt die russische Seite erkennt. Die Ukraine hat au\u00dferdem viel mehr Soldaten mobilisiert, als die Russen es offensichtlich erwartetet hatten. Der Gegner der Russen hat auf seinem eigenen Territorium die besseren M\u00f6glichkeiten zur Rotation und wird von den USA und anderen NATO-Staaten au\u00dferdem massiv mit modernen Waffen beliefert. Durchaus Minuspunkte f\u00fcr Putin und seine Rechnung.<\/p>\n<figure id=\"attachment_16862\" aria-describedby=\"caption-attachment-16862\" style=\"width: 320px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-16862\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/z-sco-logo.gif\" alt=\"\" width=\"320\" height=\"320\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-16862\" class=\"wp-caption-text\">Shanghaier Organisation f\u00fcr Zusammenarbeit.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Offenbar d\u00e4mmert Putin wie auch seinen Milit\u00e4rs, dass sie diesen Krieg m\u00f6glicherweise verlieren k\u00f6nnen. Da gilt es Vorsorge zu betreiben und Allianzen zu schmieden oder zu festigen. Putin traf letzte Woche auf dem Gipfel der \u201eShanghaier Organisation f\u00fcr Zusammenarbeit\u201c, der immerhin 40 Prozent der Weltbev\u00f6lkerung repr\u00e4sentiert, auf Chinas Staatschef Xi Jinping und Indiens Ministerpr\u00e4sidenten\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Narendra<\/span> Modi. Russland hat in China wie in Indien noch Verb\u00fcndete. Beide Politiker haben ihm nicht signalisiert oder aufgetragen, den Feldzug zu beenden. Eines wird dem russischen Zaren deutlich geworden sein, dass er diesen Verb\u00fcndeten nur im Falle eines Sieges weiterhin auf Augenh\u00f6he begegnen kann. Modi und Xi haben nichts gegen den aktuellen Krieg, zumal beide Nationen dem st\u00e4ndig belehrend auftretenden sogenannten Westen zutiefst misstrauen. Doch sie h\u00e4tten sicher einiges gegen den Verlierer dieses Krieges. Aktuell sind diese drei Gro\u00dfm\u00e4chte stabile und feste Partner. Da sollte der sogenannte freie Westen sich nichts vormachen oder sch\u00f6nreden. Die \u201eShanghaier Organisation f\u00fcr Zusammenarbeit\u201c ist l\u00e4ngst eine gewichtige und nicht mehr an den Rand zu dr\u00e4ngende Gr\u00f6\u00dfe im globalen Politikspiel.<\/p>\n<figure id=\"attachment_16866\" aria-describedby=\"caption-attachment-16866\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-16866\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/guerre_nucleaire-e1663920927122.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/guerre_nucleaire-e1663920927122.jpg 640w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/guerre_nucleaire-e1663920927122-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-16866\" class=\"wp-caption-text\">Nuklearwaffen. Fortsetzung von Krieg und Politik mit anderen Mitteln? (Foto: ARTE-Doku zur Geschichte der Atombombe, Screenshot)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Was ist mit der atomaren Drohung? <em>\u201eIm Falle einer Bedrohung der territorialen Integrit\u00e4t unseres Landes, werden wir selbstverst\u00e4ndlich alle uns zur Verf\u00fcgung stehenden Waffensysteme einsetzen.\u201c<\/em> So Wladimir Putin. Deutlicher geht es wohl kaum noch. Wie immer sich die Dinge des Krieges entwickeln, eines steht wohl unabdingbar schon jetzt fest. Egal was kommt, es werden auf beiden Seiten noch sehr viel mehr Menschen sterben m\u00fcssen, bevor die Gr\u00e4uel des Krieges ein Ende hat und einer Form von Frieden weicht. Au\u00dferdem bleiben weiterhin die Fragen, wie ein ukrainischer Sieg final eigentlich aussehen wird und wie ein russischer Sieg aussehen k\u00f6nnte? F\u00fcr beides braucht es viel Fantasie. In dieser Fantasie kommen in allen denkbaren Varianten umgehend eine Menge Albtraumszenarien hoch, die weit \u00fcber Russland und die Ukraine hinausgehen. Es w\u00e4re daher an der Zeit, endlich Diplomatie zu betreiben, wo bisher nur Waffen sprechen. Ansonsten m\u00fcssen wir uns allesamt mit einem Brecht-Zitat auf Dauer einrichten:<\/p>\n<blockquote><p>Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Titelbild zeigt eine russische RT-2PM2 \u201eTopol-M\u201c Interkontinentalrakete mit einer Reichweite von 12.000 km als klassische Tr\u00e4gerrakete mit Mehrfachsprengk\u00f6pfen f\u00fcr Nuklearwaffen. Im Western wird die Rakete als SS-27 bezeichnet. 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