{"id":17919,"date":"2022-10-10T00:14:59","date_gmt":"2022-10-09T22:14:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=17919"},"modified":"2022-10-12T19:56:33","modified_gmt":"2022-10-12T17:56:33","slug":"fussball-republik-vs-oel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=17919","title":{"rendered":"Fu\u00dfball: Republik vs. \u00d6l"},"content":{"rendered":"<p>Nat\u00fcrlich h\u00f6rt sich der Titel nach einem gleichen Kampf an. Aber die Republik l\u00e4ngst schwach, die \u00d6ldiktaturen immer st\u00e4rker. In Frankreich, dem Land der Revolution und des amtierenden Fu\u00dfballweltmeisters, r\u00fchrt und formiert sich die Abneigung gegen eine Fu\u00dfball-WM in der \u00d6l-Diktatur mehr und mehr. Die Signale nicht mehr wegzureden und un\u00fcberh\u00f6rbar. Der Geist der Republik, in vielen Winkeln Frankreichs lebt er noch und manchmal begehrt er auf. Mehrere B\u00fcrgermeister von Gro\u00dfst\u00e4dten aller politischen Couleur haben seit der Ank\u00fcndigung von Martine Aubry kein Blatt vor den Mund genommen, um die Weltmeisterschaft in Katar ebenfalls als \u201eUnsinn\u201c abzutun und scharfe Kritik zu \u00e4u\u00dfern. Arroganz und Ignoranz der katarischen Despoten, deren Motto offenbar \u201euns geh\u00f6rt sowieso die Welt\u201c und die Korruptheit und Borniertheit eines Gianni Infantino, dessen Motto offenbar \u201emir geh\u00f6rt die Fu\u00dfballwelt\u201c haben das republikanisch gesinnte Herz einiger Franzosen ziemlich in Rage gebracht. Zu den in Frankreich genannten Gr\u00fcnden der St\u00e4dte f\u00fcr diesen Boykott geh\u00f6ren die Behandlung von Gastarbeitern und die Zahl der Todesf\u00e4lle beim Bau der acht WM-Stadien. W\u00e4hrend die offizielle Zahl der Todesopfer nur drei betr\u00e4gt, berichtete die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) in einem Bericht, dass 50 Arbeiter bei Arbeitsunf\u00e4llen in Katar im Jahr 2020 starben und 500 schwer verletzt wurden, eine Zahl, die ihrer Meinung nach aufgrund von bekannten M\u00e4ngeln durchaus noch h\u00f6her sein k\u00f6nnte. Die erste ernst zu nehmende Protestaktion gegen Katar und die FIFA und deren WM begann jedenfalls mit einer Mitteilung der B\u00fcrgermeisterin von Lille, der Sozialistin Martin Aubry am 1. Oktober 2022:<\/p>\n<blockquote><p>Einstimmig hat der Stadtrat von Lille heute Abend eine Erkl\u00e4rung verabschiedet, in der er die Austragung der Fu\u00dfballweltmeisterschaft in Katar missbilligt, da sie in Bezug auf Menschenrechte, Umwelt und Sport unsinnig ist. Wir werden kein einziges Spiel auf Gro\u00dfbildschirmen \u00fcbertragen.<\/p><\/blockquote>\n<figure id=\"attachment_17721\" aria-describedby=\"caption-attachment-17721\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-17721\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/martine-aubry-echarpe-960x640-1-e1665079897554.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"427\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/martine-aubry-echarpe-960x640-1-e1665079897554.jpg 640w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/martine-aubry-echarpe-960x640-1-e1665079897554-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/martine-aubry-echarpe-960x640-1-e1665079897554-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-17721\" class=\"wp-caption-text\">Martine Aubry. B\u00fcrgermeisterin von Lille. (Foto: Stadtverwaltung Lille)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Seither wanken in Frankreich alle Vorstellungen und Planungen von Public Viewing, man k\u00f6nnte auch sagen, ihr Kurs f\u00e4llt ins Bodenlose. Es meldet sich Protest, vielleicht auch Anstand. Warum erst jetzt? Die Frage muss man sich in Lille und anderswo schon gefallen lassen. Zu einem fr\u00fcheren Zeitpunkt w\u00e4re jedes Signal st\u00e4rker und deutlicher gewesen. Das Land des Weltmeisters, geschlossen gegen die WM. Politik, Fu\u00dfball, Gesellschaft, Medien schon vor Jahren in Front gegen die ge- oder verkaufte Katar-WM. Das w\u00e4re ein starkes Zeichen gewesen, h\u00e4tte vielleicht auch andere Nationen animiert, den Anstand zu mobilisieren. Vielleicht. Fu\u00dfball und Anstand wirken als Kombination zugegebenerma\u00dfen vielleicht doch etwas hoch gegriffen. Es reagiert auch nicht der Fu\u00dfball mit dem franz\u00f6sischen Fu\u00dfballverband, seinen Vereinen oder Nationalspielern. Aber es reagiert wenigstens, wenn auch arg sp\u00e4t, Frankreichs Hort des republikanischen B\u00fcrgertums in Form seiner St\u00e4dte, die immer das Aufbegehren gegen eine falsche Obrigkeit beheimateten und bis heute in sich tragen. Daher passiert nun wenigstens etwas und ger\u00e4t mehr und mehr in Bewegung. Im Land der ewigen \u201eMitmacher\u201c (Deutschland) passiert nichts. Insofern ist das Engagement in Frankreich immerhin ein kleiner Tropfen.<\/p>\n<blockquote><p>Ich h\u00e4tte wirklich den Eindruck, wenn Bordeaux diese \u201eFanzonen\u201c schaffen w\u00fcrde, w\u00e4ren wir ein Komplize dieses Sportereignisses, das alle humanit\u00e4ren, \u00f6kologischen und sportlichen Verirrungen repr\u00e4sentiert. Es w\u00e4re auch inkoh\u00e4rent in Bezug auf die von der franz\u00f6sischen Bev\u00f6lkerung geforderten Bem\u00fchungen in Angelegenheiten der \u201eEnergiesparsamkeit\u201c. Sie k\u00f6nnen Ihre Mitb\u00fcrger nicht zur Sparsamkeit aufrufen und sich selbst an einer Energieverirrung dieser Art mitschuldig machen. (Pierre Hurmic, B\u00fcrgermeister von Bordeaux)<\/p><\/blockquote>\n<p>Eine gewichtige Kritik, wie sie die beteiligten St\u00e4dte teilen, formulierte die Verwaltung der Stadt Nancy nicht nur Richtung Veranstalter Katar sondern auch an die FIFA:<\/p>\n<blockquote><p>Die Nutzung klimatisierter Stadien w\u00e4hrend dieser Weltmeisterschaft hat nichts mit den Herausforderungen des \u00f6kologischen Wandels zu tun. Au\u00dferdem m\u00fcsse bei der Entscheidung und Vergabe bez\u00fcglich der n\u00e4chsten Weltmeisterschaftsturniere ernsthaft gepr\u00fcft werden, wie die Achtung der Menschenrechte als fester Bestandteil dieser Vergabe integriert wird.<\/p><\/blockquote>\n<p>Nach Lille k\u00fcndigten jedenfalls Bordeaux und Marseille und nun auch Paris an, die Weltmeisterschaft in Katar zu boykottieren und im Zusammenhang mit der WM keinerlei \u00f6ffentliche Veranstaltungen abzuhalten oder verf\u00fcgbar zu machen. Es wird keine WM-Spiele auf Gro\u00dfbildleinw\u00e4nden geben, es werden auch keine \u201eFanzonen\u201c zur Verfolgung des Turniers eingerichtet. Der Boykott k\u00f6nnte, so salbadern wieder Fu\u00dfballexperten, potenzielle Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen der Stadt Paris und dem Verein PSG haben, dessen Eigent\u00fcmer aus Katar kommen. Dies scheint den Abgeordneten der Stadt Paris keine Furcht zu machen. Inzwischen sind auch Nancy, Reims, Rodez und Stra\u00dfburg beim Boykott mit dabei. Pierre Hurmic, der B\u00fcrgermeister von Bordeaux, ist \u00fcberzeugt, <em>\u201edass andere B\u00fcrgermeister und St\u00e4dte in den kommenden Tagen identische Entscheidungen treffen werden.\u201c<\/em> Viele begeisterte Fu\u00dfballfans tragen einen Boykott in \u00f6ffentlichen \u00c4u\u00dferungen mit.<\/p>\n<figure id=\"attachment_17719\" aria-describedby=\"caption-attachment-17719\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-17719\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/hotel-de-ville_vignette_768x529-e1665079738122.png\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"441\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/hotel-de-ville_vignette_768x529-e1665079738122.png 640w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/hotel-de-ville_vignette_768x529-e1665079738122-300x207.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-17719\" class=\"wp-caption-text\">Rathaus von Marseille. (Website der Stadt Marseille.)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der B\u00fcrgermeister von Marseille, Beno\u00eet Payan, spricht f\u00fcr eine Mehrheit im Stadtrat und fand in Richtung Katar-WM ebenfalls deutliche Worte:<\/p>\n<blockquote><p>Dieser kommende Wettbewerb, der erstmals im Winter ausgetragen wird, verwandelt sich allm\u00e4hlich in eine menschliche und \u00f6kologische Katastrophe, die mit den Werten unvereinbar ist, die wir durch den Sport und insbesondere den Fu\u00dfball getragen sehen wollen. Marseille, das den Werten des Teilens und der Solidarit\u00e4t im Sport stark verbunden ist und sich f\u00fcr den Aufbau einer gr\u00fcneren Stadt einsetzt, kann nicht zur F\u00f6rderung dieser Fu\u00dfballweltmeisterschaft 2022 in Katar beitragen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Franz\u00f6sische Medien vermuten, dieser Boykott der St\u00e4dte k\u00f6nnte in den n\u00e4chsten Wochen durchaus eine Bewegung werden, die dazu bestimmt ist, an Fahrt zu gewinnen. Wohin diese f\u00fchrt, vermag noch niemand zu sagen. Der Profifu\u00dfball macht derweil, was er in der ganzen Welt am liebsten macht, er schweigt. Dabei wird ein bekannter Eindruck verst\u00e4rkt, wobei die Fu\u00dfballverb\u00e4nde von D\u00e4nemark und Norwegen bitte ausgenommen sind, weil mit vernehmlichen Protesten unterwegs, dass hinter der Fassade Fu\u00dfball au\u00dfer Geld nichts von Interesse. Wie gehabt.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\"><em>*Titelbild: Fanproteste in Frankreich gegen WM in Katar.\u00a0 (Foto: \u00a9 Philippe Renault \/ MAXPPP \/ France Info)<\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nat\u00fcrlich h\u00f6rt sich der Titel nach einem gleichen Kampf an. Aber die Republik l\u00e4ngst schwach, die \u00d6ldiktaturen immer st\u00e4rker. 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