{"id":19296,"date":"2022-11-02T21:15:42","date_gmt":"2022-11-02T20:15:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=19296"},"modified":"2022-11-20T01:26:06","modified_gmt":"2022-11-20T00:26:06","slug":"samuel-beckett","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=19296","title":{"rendered":"Samuel Beckett"},"content":{"rendered":"<p>Weil er so uneitel in eigenen Dingen und auch in denen seines Werkes war, h\u00e4tte er keine Probleme mit jenen, die seine St\u00fccke und B\u00fccher weder m\u00f6gen noch lesen. Erfolg oder Misserfolg in der \u00d6ffentlichkeit haben ihm laut eigenem Bekunden nie viel bedeutet. Den Literaturnobelpreis nahm er 1969 an, zur Verleihung fuhr er nicht. Jene, die irgendwann der Arbeits- oder gar Lebensbahn von Samuel Beckett (1906 &#8211; 1989) nah waren, kamen immer wieder in einer Wertung \u00fcberein. Der geborene Ire Beckett hat immer Anteil an Menschen genommen, er gab jedem, dem er gegen\u00fcberstand, das Gef\u00fchl, dass dieser Mittelpunkt der Welt sei, wie es sein Biograf James\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Knowlson<\/span> f\u00fcr die Nachwelt festhielt. Der deutsche Schauspieler Klaus Herm erlebte Beckett als Regisseur und erz\u00e4hlte im R\u00fcckblick auf pers\u00f6nliche Begegnungen von dessen <em>\u201eabsoluter Bescheidenheit und Zur\u00fcckhaltung\u201c<\/em>, bewunderte, dass Beckett <em>\u201ekeinen Kastenunterschied machte, keinen D\u00fcnkel kannte\u201c<\/em>. Einer, dem der Stra\u00dfenkehrer oder M\u00fcllmann aus ehrlichem Herzen genauso wichtig war wie der Schauspieler, der Verleger, der K\u00fcnstler oder Intellektuelle, ist gerade in intellektuellen Kreisen eine absolute Seltenheit. Nicht bei Beckett, der keinerlei Aufhebens um sich machte.<\/p>\n<figure id=\"attachment_19344\" aria-describedby=\"caption-attachment-19344\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-19344\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/sbberlin-giraffe-e1668104611878.png\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/sbberlin-giraffe-e1668104611878.png 640w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/sbberlin-giraffe-e1668104611878-300x169.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-19344\" class=\"wp-caption-text\">Beckett im Berliner Lokal Giraffe. 70er-Jahre. (Screenshot: ARTE-Doku)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Als Beckett in den\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Sechziger-<\/span> und Siebzigerjahren aus Arbeitsgr\u00fcnden immer wieder an Berliner Theatern Regie bei seinen eigenen St\u00fccken f\u00fchrte, sa\u00df er am liebsten in der Eckkneipe Giraffe im Hansaviertel. Dort las er Zeitung und trank ein Glas vom einfachen Wein oder ein Wasser, wollte kein Aufheben und nur seine Ruhe. <span class=\"hiddenSpellError\">Schicki-Micki<\/span>\u00a0oder Auftritte beim Nobelitaliener, wie bei heutigen \u201eK\u00fcnstlern\u201c anzutreffen, w\u00e4ren ihm ein Graus und purer Ekel gewesen. Sich wichtigmachen oder gar selber bedeutend nehmen\u00a0<span class=\"hiddenGrammarError\">war<\/span> diesem Menschen v\u00f6llig fremd. Von Interviews hielt er nichts, \u00d6ffentlichkeit mied er. Gestorben ist er in einem bescheidenen Pariser Seniorenheim unter anderen Alten. Gro\u00dfer Bewunderer von Samuel Beckett war Fritz\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Kortner<\/span>. Der inszenierte 1954 Warten auf Godot an den M\u00fcnchner Kammerspielen in legend\u00e4rer Besetzung mit Ernst Schr\u00f6der, Heinz R\u00fchmann, Friedrich\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Domin<\/span>\u00a0und Rudolf Vogel. 1961 spielte\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Kortner<\/span>\u00a0ebenfalls an den Kammerspielen den Krapp (Das letzte Band) und nahm mit der Rolle Abschied von der B\u00fchne. Sein Spiel ein letzter gro\u00dfer Triumph und Publikumserfolg.<\/p>\n<figure id=\"attachment_19342\" aria-describedby=\"caption-attachment-19342\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-19342\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/lb-kortner-e1668104426864.png\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/lb-kortner-e1668104426864.png 640w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/lb-kortner-e1668104426864-300x169.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-19342\" class=\"wp-caption-text\">Fritz Kortner als Krapp. TV-Aufzeichnung der Theaterinszenierung. Regie: Hans Schweikart<\/figcaption><\/figure>\n<blockquote><p>Vielleicht sind meine besten Jahre dahin. Da noch eine Aussicht auf Gl\u00fcck bestand. Aber ich w\u00fcnsche sie nicht zur\u00fcck. Jetzt nicht mehr, wo dieses Feuer in mir brennt. Nein, ich w\u00fcnsche sie nicht zur\u00fcck. (Krapp, Das letzte Band)<\/p><\/blockquote>\n<p>Becketts erstes Buch \u201eTraum von mehr bis minder sch\u00f6nen Frauen\u201c blieb unvollendet. Das Romanfragment wurde niemals ver\u00f6ffentlicht. Beckett hatte enorme Ma\u00dfst\u00e4be an sich selbst. Sah er diese nicht erf\u00fcllt, dann ab in den Papierkorb. Vor allem hasste er <em>\u201edie zeilenschindende Vulgarit\u00e4t einer Literatur der Beschreibung\u201c<\/em>. Seine Romane sind anspruchsvoll wie kompliziert, keine leichte Lekt\u00fcre. Man muss sich einlassen wollen und Zeit haben, dann k\u00f6nnte es damit etwas werden. Augenmerk soll hier aber kurz auf drei St\u00fccke f\u00fcr das Theater gelegt werden. Diese haben ihn mittlerweile auf den Rang von Shakespeare gehoben, zeitlose Klassiker, mit denen er alle und alles l\u00e4ngst \u00fcberspielt hat.<\/p>\n<blockquote><p>Die Tr\u00e4nen der Welt sind unverg\u00e4nglich. F\u00fcr jeden, der anf\u00e4ngt zu weinen, h\u00f6rt irgendwo ein anderer auf. Genauso ist es mit dem Lachen. Sagen wir also nichts Schlechtes von unserer Epoche. Sie ist nicht ungl\u00fccklicher als die vergangenen. Sagen wir auch nichts Gutes von ihr. (Pozzo, Warten auf Godot)<\/p><\/blockquote>\n<p>Wortsch\u00f6pfungen aus Becketts Theaterst\u00fccken k\u00f6nnen geh\u00f6rt oder gelesen als Kommentar f\u00fcr jede Lebenslage dienen. Der Zugriff auf diese St\u00fccke ist f\u00fcr jedermann einfacher als die Eroberung der Romane. Niemand muss zur\u00fcckschrecken vor dem, was angeblich und wirklich schlaue Menschen dar\u00fcber in vielen Jahrzehnten abgesondert oder in diese St\u00fccke hineingelegt haben. H\u00fcrden f\u00fcr den Zugang zu Beckett hat nie dieser aufgestellt, sondern irgendwelche redenden und schreibenden Wichtigtuer. Also bitte von denen und jenen nicht abschrecken lassen. Bei Gelegenheit einfach selber hineinschauen. Das sogenannte absurde Theater von Beckett ist in seinen zentralen St\u00fccken l\u00e4ngst ein besserer Spiegel unseres Alltags und einer unsicheren Gegenwart wie Zukunft als die realit\u00e4tsnahen Angebote, die es auf B\u00fchnen und zwischen Buchdeckeln so gibt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_19346\" aria-describedby=\"caption-attachment-19346\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-19346\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Caspar_David_Friedrich_-_Zwei_Maenner_in_Betrachtung_des_Mondes-e1668104861266.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"501\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Caspar_David_Friedrich_-_Zwei_Maenner_in_Betrachtung_des_Mondes-e1668104861266.jpg 640w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Caspar_David_Friedrich_-_Zwei_Maenner_in_Betrachtung_des_Mondes-e1668104861266-300x235.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-19346\" class=\"wp-caption-text\">Caspar David Friedrich. Zwei M\u00e4nner in Betrachtung des Mondes. Angeblich f\u00fcr Beckett der Impuls um Warten auf Godot zu schreiben.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Beckett mochte den deutschen Maler Caspar David Friedrich sehr, in dessen Bildern er sich wiederfand. Doch Frankreich wurde Beckett gesch\u00e4tzter Lebensort und die franz\u00f6sische Sprache irgendwann Heimat beim Schreiben. In Frankreich geh\u00f6rte er auch der R\u00e9sistance im Kampf gegen die deutsche Besetzung an. Franz\u00f6sische Sprache regte ihn geistig an und befruchtete seiner Kreativit\u00e4t. Mit der deutschen Sprache verhielt es sich anders, obwohl er sp\u00e4ter viel in Deutschland arbeite, die Sprache beherrschte. Doch als er 1936 Deutschland und Berlin besuchte, hielt er fest:<\/p>\n<blockquote><p>Sogar das Zuh\u00f6ren ist anstrengend. Und zu sprechen? Ausgeschlossen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Beckett hat sich einer Interpretation seiner St\u00fccke verweigert und dieses tunlichst unterlassen. Das Publikum und jedes einzelne Individuum sollte selber entscheiden, ob und was es damit anfangen kann und m\u00f6chte. \u00dcber sein St\u00fcck Endspiel schrieb er: <em>\u201eEndspiel will blo\u00dfes Spiel sein, nichts weniger. Von R\u00e4tseln und L\u00f6sungen also kein Gedanke. Es gibt f\u00fcr solches ernste Zeug Universit\u00e4ten, Kirchen usw.\u201c<\/em> Einfacher hat es ein Autor seine Kunden wohl nie gemacht. Hochn\u00e4sigkeit gegen\u00fcber denen, f\u00fcr die er geschrieben, war ihm fremd. Der Elfenbeinturm der angeblich Wissenden und Gebildeten, die herablassend auf die angeblichen Unwissenden und Ungebildeten blickten, widerte ihn nur an. Deswegen muss kein Mensch Schwellenangst vor Beckett haben, kann sich auf diesen einlassen, so oft und so gern er m\u00f6chte. Oder eben nicht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_19335\" aria-describedby=\"caption-attachment-19335\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-19335\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/godot-e1668101408754.png\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/godot-e1668101408754.png 640w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/godot-e1668101408754-300x169.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-19335\" class=\"wp-caption-text\">Ian McKellen als Estragon und Patrick Stewart als Wladimir in einer Broadway Produktion von Waiting for Godot, 2013. (Screenshot: NYT-TV, Theater Talk)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Warten auf Godot<\/strong> umfasst gleicherma\u00dfen Trag\u00f6die und Kom\u00f6die, ist eines der wesentlichsten St\u00fccke der Menschheit. Als Metapher l\u00e4ngst Alltagssprache. Ein echter Klassiker und v\u00f6llig zeitlos. Kaum B\u00fchnenbild, nur ein kleiner Baum, wenige \u00c4ste, noch weniger Bl\u00e4tter. Eine Handlung kaum vorhanden. Karge Sprache, die es vermag, in wenigen Worten alles zu sagen. Zwei Typen warten. Wohl Landstreicher. Estragon und Wladimir. Sie warten auf Godot. W\u00e4hrend sie warten, sagen sie einfache Dinge f\u00fcr die Ewigkeit. Knapp, kurz, pr\u00e4zise und nicht widerlegbar. Wahrheiten durch profane Belanglosigkeit. Man muss nur hinh\u00f6ren.<\/p>\n<blockquote><p>Es ist zu viel f\u00fcr einen allein. (Wladimir, Warten auf Godot)<\/p><\/blockquote>\n<p>Manchmal reden sie wie ein Komikerduo, dann wieder wie zwei Philosophen auf Ausflug oder Nachbarn \u00fcberm Gartenzaun, Vorl\u00e4ufer von <span class=\"hiddenSpellError\">Statler<\/span>\u00a0und Waldorf aus der\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Muppet<\/span> Show. Zwischen Gedanken \u00fcber Kreuzigung und Erl\u00f6sung bis hin zu Alltagsfragen der Traglast eines Stricks, der zum Aufh\u00e4ngen dienen k\u00f6nnte oder ob man Schuhe auszieht oder nicht, wird kaum etwas ausgelassen. Ein Meer von richtigen und passenden Erkenntnissen f\u00fcr alle Lebenslagen \u00f6ffnet sich vor einem. Der erwartete Godot kommt bekannterma\u00dfen nicht und wird nie kommen. Es kommt ein Herr, offensichtlich m\u00e4chtig und reich, der f\u00fchrt einen mit allerlei Gep\u00e4ck beladenen Sklaven an einem Strick mit und treibt diesen mit der Peitsche an. Die Schinderei an seinem Sklaven Lucky kleidet selbiger Herr <span class=\"hiddenSpellError\">Pozzo<\/span> dann in wortreiche Girlanden voller Schrecken. Was Beckett da 1953 auf die B\u00fchne brachte, ist bis heute ein treffendes Bild, wenn man sich die global vorherrschende Menschenverachtung derer da oben gegen\u00fcber denen da unten anschaut. Eben zeitlos.<\/p>\n<blockquote><p>Pozzo: Je mehr Leute ich treffe, um so gl\u00fccklicher bin ich. Durch die unscheinbarste Kreatur kann man sich fortbilden, reicher werden, sein Gl\u00fcck besser genie\u00dfen lernen.<\/p><\/blockquote>\n<figure id=\"attachment_19338\" aria-describedby=\"caption-attachment-19338\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-19338\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/endspiel-e1668102616688.png\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/endspiel-e1668102616688.png 640w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/endspiel-e1668102616688-300x169.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-19338\" class=\"wp-caption-text\">Ernst Schr\u00f6der (Hamm) und Horst Bollmann (Clov) in Endspiel. Berliner Theatertreffen 1968. Regie: Samuel Beckett (\u00a9 Berliner Festspiele)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Endspiel.<\/strong> Von den vier Figuren kann sich nur noch eine bewegen, drau\u00dfen wie drinnen kein Leben mehr. Gab es eine atomare Katastrophe und wir sehen die letzten Menschen? Beckett ger\u00e4t mit dem St\u00fcck ins Visier britischer Zensoren. Verklemmt und puritanisch nehmen sie Ansto\u00df an W\u00f6rtern wie Hoden und \u00c4rsche. Was hatten Menschen einst f\u00fcr Sorgen. Beckett muss einiges streichen, besteht aber auf dem Wesentlichen. Ein sehr direkter Blick auf die unausweichlichen Dinge des Lebens mithilfe eines kuriosen Quartetts. Hamm, der offensichtlich blind und nicht in der Lage zu gehen. Anfangs ein Tuch \u00fcber dem Kopf. In M\u00fclleimern seine Eltern, <span class=\"hiddenSpellError\">Nagg<\/span>\u00a0und\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Nell<\/span>, die nur \u00fcber den Rand schauen, so man den Deckel hebt. Und einer in voller Bewegung, eine Art Diener namens\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Clov<\/span>. Ein drau\u00dfen scheint es tats\u00e4chlich nicht mehr zu geben. Beckett schafft es, dass dieser Blick auf Schmerz, Leid, Hoffnungslosigkeit und Pessimismus uns dennoch auch zum Lachen bringt, darin liegt eine gro\u00dfe Meisterschaft von ihm. Immer bieten seine Dramen das Momentum der Kom\u00f6die. Das Lachen bei Beckett macht es uns leichter, sich mit der eigenen und unausweichlichen Endlichkeit abzufinden. Beckett bietet keine politischen L\u00f6sungen oder philosophische Schlauheiten an. Die Leute sollen hinh\u00f6ren und sich selber ihren Reim machen. Grenzen zwischen Realit\u00e4t und Schauspiel sind dabei nicht immer erkennbar. Als <span class=\"hiddenSpellError\">Clov<\/span>\u00a0eine T\u00fcr schmei\u00dft, erwacht die Figur des Hamm oder der Schauspieler und beginnt sein Spiel: <em>\u201eIch bin dran. Jetzt spiele ich.\u201c\u00a0<\/em>Was auch immer.<\/p>\n<blockquote><p>Hamm: Es gibt also keinen Grund daf\u00fcr, dass sich etwas \u00e4ndert.<br \/>\nClov: Es kann zu Ende gehen. Das ganze Leben dieselben Fragen, dieselben Antworten.<\/p><\/blockquote>\n<figure id=\"attachment_19336\" aria-describedby=\"caption-attachment-19336\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-19336\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/krapp-e1668101776375.png\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/krapp-e1668101776375.png 640w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/krapp-e1668101776375-300x169.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-19336\" class=\"wp-caption-text\">John Hurt als Krapp. Krapp&#8217;s Last Tape. Verfilmung von 2001. Regie: Atom Egoyan (Screenshot)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Das letzte Band. <\/strong>Hier spielt nur noch einer, obwohl der eher h\u00f6rt als spielt. In einer rumpeligen Kammer mit Schreibtisch und Tonband lauscht ein erfolgloser Schriftsteller, Krapp, 69 Jahre, seinen Erinnerungen nach, die er ein Leben lang auf Tonband aufgenommen hat. (Anmerkung: Wer kein Tonband mehr kennt, findet sicher bei Wikipedia eine Erkl\u00e4rung.) Krapp begegnet auf den B\u00e4ndern sich selbst. Schachtel drei und darin Spule f\u00fcnf sind sein Begehr. Da war er 39 und h\u00f6rt sich nun an, was und wie er vor 30 Jahren erz\u00e4hlte, was er dachte und f\u00fchlte. Ein Spagat, seine Vergangenheit zu beleben und ihr doch zu entfliehen. In den Notizen zur Spule f\u00fcnf aus Schachtel drei findet er so unterschiedliche Dinge wie <em>\u201eleichte Besserung der Darmt\u00e4tigkeit\u201c<\/em> und <em>\u201edenkw\u00fcrdiges \u00c4quinoktium\u201c<\/em>, aber auch <em>\u201eAbschied von der Liebe\u201c<\/em>. Von dieser Liebe und von der Einsamkeit, auch vom <em>\u201eMond angebellt\u201c<\/em> h\u00f6ren wir dann von den B\u00e4ndern. Laster in Form von Alkoholgenuss und dem \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Verzehr von Bananen werden schnell offensichtlich. Krapp lacht sich schlapp, als er h\u00f6rt, wie schon der 39-j\u00e4hrige gute Vors\u00e4tze hatte, aber sie nie eingehalten hat. <span data-offset-key=\"658vt-0-0\">(In Fritz Kortners Darstellung von <\/span><span id=\"decorator-corrected-entity-id-5\" data-entity-key=\"5\" data-offset-key=\"658vt-1-0\"><span data-offset-key=\"658vt-1-0\">Krapp ist<\/span><\/span><span data-offset-key=\"658vt-2-0\"> dies ein wunderbarer Moment des puren Humors.) Wie <\/span><span data-offset-key=\"658vt-4-0\">weit man die Begegnung mit seinem fr\u00fcheren Ich besteht, muss sich jeder selbst fragen. Krapp dabei zu beobachten und zu h\u00f6ren ist jedenfalls etwas sehr Spannendes und regt zum Nachdenken an. Auch in dieser Tristesse bietet Beckett Momente von Ironie und Komik.<\/span><\/p>\n<blockquote><p>Krapp: H\u00f6rte mir soeben den albernen Idioten an, f\u00fcr den ich mich vor drei\u00dfig Jahren hielt, kaum zu glauben, dass ich je so bl\u00f6de war.<\/p><\/blockquote>\n<p>In keinem der Werke von Beckett eine Deutung. Beckett mochte es nicht, wenn man seine St\u00fccke ausdeuten oder etwas in sie hinein interpretieren wollte. Er schwieg \u00fcber sein Werk und \u00fcber sein Leben. Beckett w\u00e4re auch heute weder \u00f6ffentliche Person noch\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Interviewkasper<\/span> oder gar Besucher von Talkshows. Wie der Schauspieler Horst Bollmann in einer Dokumentation \u00fcber Beckett erz\u00e4hlte, sagte der Dramatiker in einer Probe:<\/p>\n<blockquote><p>Wir reden \u00fcber Situationen, wir zeigen ein Spiel. Und wir reden nicht \u00fcber Philosophie. Das Publikum soll in den M\u00f6glichkeiten seiner Assoziationen dazu keineswegs eingeengt werden.<\/p><\/blockquote>\n<figure id=\"attachment_19349\" aria-describedby=\"caption-attachment-19349\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-19349\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/samuel-beckett_9783518412213_cover-e1668105119568.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"1015\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/samuel-beckett_9783518412213_cover-e1668105119568.jpg 640w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/samuel-beckett_9783518412213_cover-e1668105119568-189x300.jpg 189w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-19349\" class=\"wp-caption-text\">Meisterhafte Beckett Biografie von James Knowlson, die jeden Superlativ verdient.<\/figcaption><\/figure>\n<blockquote><p>Nein, ich bedaure nichts, ich bedaure nur, geboren zu sein, Sterben ist eine so lange, m\u00fchselige Sache, fand ich immer. (Samuel Beckett, Interview mit schwedischem TV)<\/p><\/blockquote>\n<p>Der deutsche Schauspieler Ernst Schr\u00f6der spielte unter Kortners Regie den Wladimir im Godot und sp\u00e4ter unter der Regie von Samuel Beckett in dessen Endspiel den Hamm. In seinen Lebenserinnerungen hielt Schr\u00f6der \u00fcber Beckett fest:<\/p>\n<blockquote><p>Dieser Schriftsteller, mit dem Kopf eines Erzengels, ist f\u00fcr mich nicht der Dramatiker, nicht der Philosoph und schon gar nicht der Regisseur, f\u00fcr den man ihn h\u00e4lt. Er ist Samuel, der erste Heilige des atheistischen Zeitalters.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wie Beckett auch ein Nobelpreistr\u00e4ger f\u00fcr Literatur, verehrte der Brite Harold\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Pinter<\/span>\u00a0den irischen Kollegen \u00fcber alle Ma\u00dfen. Ein besseres Schlusswort als jene S\u00e4tze, welche Harold\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Pinter<\/span>\u00a0einst zu Samuel Beckett und dessen Arbeit fand, l\u00e4sst sich schwerlich finden:<\/p>\n<blockquote><p>Je weiter er geht, desto mehr tut es mir gut. Ich will keine Philosophien, Traktate, Dogmen, Glaubensbekenntnisse, Auswege, Wahrheiten, Antworten, nichts aus dem Billigkeller. Er ist der mutigste und unerbittlichste Autor, den es gibt, und je mehr er mich mit der Nase in die Schei\u00dfe st\u00f6\u00dft, desto dankbarer bin ich ihm. Er verarscht mich nicht, er f\u00fchrt mich nicht auf irgendeinen Gartenweg, er zwinkert mir nicht zu, er verscherbelt mir kein Heilmittel oder einen Weg oder eine Offenbarung oder eine Sch\u00fcssel voller Brotkrumen. Er verkauft mir nichts, was ich nicht kaufen will \u2013 es ist ihm schei\u00dfegal, ob ich kaufe oder nicht \u2013 er hat seine Hand nicht auf seinem Herzen. Nun, ich werde seine Waren kaufen, Haken, Schnur und Senkblei, weil er nichts unversucht l\u00e4sst und keine Made einsam l\u00e4sst. Er bringt einen K\u00f6rper voller Sch\u00f6nheit hervor. Seine Arbeit ist sch\u00f6n.<\/p><\/blockquote>\n<figure id=\"attachment_19358\" aria-describedby=\"caption-attachment-19358\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-19358\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/samuel-e1668106365912.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"855\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/samuel-e1668106365912.jpg 640w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/samuel-e1668106365912-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-19358\" class=\"wp-caption-text\">Samuel Beckett<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weil er so uneitel in eigenen Dingen und auch in denen seines Werkes war, h\u00e4tte er keine Probleme mit jenen, die seine St\u00fccke und B\u00fccher weder m\u00f6gen noch lesen. Erfolg oder Misserfolg in<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":19334,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4,305],"tags":[1683,4659,826,979,2024,59,485,4661,1254,1362,4658,4668,4656,4653,4652,4660,4650,4649,4655,3751,869,4288,4141,1773,4662,4663,4651,4669,2022,4665,387,4648,472,4664,194,4667,4654,4666,3484,1810,74,4657],"class_list":["post-19296","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kultur","category-zwei","tag-alten","tag-ausflug","tag-band","tag-baum","tag-beckett","tag-berlin","tag-buch","tag-clov","tag-dinge","tag-drama","tag-endlichkeit","tag-erzengel","tag-estragon","tag-giraffe","tag-glas","tag-hamm","tag-herm","tag-ire","tag-komoedie","tag-kortner","tag-liebe","tag-lucky","tag-massstaebe","tag-mond","tag-nagg","tag-nell","tag-papierkorb","tag-pinter","tag-pozzo","tag-rand","tag-romane","tag-samuel","tag-schroeder","tag-spagat","tag-sprache","tag-spule","tag-stuecke","tag-tonband","tag-tragoedie","tag-traum","tag-tuer","tag-wladimir"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19296","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=19296"}],"version-history":[{"count":71,"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19296\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":19462,"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19296\/revisions\/19462"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/19334"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=19296"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=19296"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=19296"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}