{"id":2967,"date":"2021-10-01T08:39:08","date_gmt":"2021-10-01T06:39:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=2967"},"modified":"2021-10-04T12:28:29","modified_gmt":"2021-10-04T10:28:29","slug":"berlin-berlin-ignaz-wrobel-21-07-1919","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=2967","title":{"rendered":"Berlin! Berlin! Ignaz Wrobel, 21. 07. 1919"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber dieser Stadt ist kein Himmel. Ob \u00fcberhaupt die Sonne scheint, ist fraglich; man sieht sie jedenfalls nur, wenn sie einen blendet, will man \u00fcber den Damm gehen. \u00dcber das Wetter wird zwar geschimpft, aber es ist kein Wetter in Berlin. Der Berliner hat keine Zeit. Der Berliner ist meist aus Posen oder Breslau und hat keine Zeit. Er hat immer etwas vor, er telefoniert und verabredet sich, kommt abgehetzt zu einer Verabredung und etwas zu sp\u00e4t \u2013 und hat sehr viel zu tun. In dieser Stadt wird nicht gearbeitet \u2013, hier wird geschuftet. (Auch das Vergn\u00fcgen ist hier eine Arbeit, zu der man sich vorher in die H\u00e4nde spuckt, und von dem man etwas haben will.) Der Berliner ist nicht flei\u00dfig, er ist immer aufgezogen. Er hat leider ganz vergessen, wozu wir eigentlich auf der Welt sind. Er w\u00fcrde auch noch im Himmel \u2013 vorausgesetzt, da\u00df der Berliner in den Himmel kommt \u2013 um viere was vorhaben. Manchmal sieht man Berlinerinnen auf ihren Balkons sitzen. Die sind an die steinernen Schachteln geklebt, die sie hier H\u00e4user nennen, und da sitzen die Berlinerinnen und haben Pause. Sie sind gerade zwischen zwei Telefongespr\u00e4chen oder warten auf eine Verabredung oder haben sich \u2013 was selten vorkommt \u2013 mit irgend etwas verfr\u00fcht \u2013 da sitzen sie und warten. Und schie\u00dfen dann pl\u00f6tzlich, wie der Pfeil von der Sehne \u2013 zum Telefon \u2013 zur n\u00e4chsten Verabredung.<\/p>\n<p>Diese Stadt zieht mit gefurchter Stirne \u2013 sit venia verbo! \u2013 ihren Karren im ewig selben Gleis. Und merkt nicht, da\u00df sie ihn im Kreise herumzieht und nicht vom Fleck kommt. Der Berliner kann sich nicht unterhalten. Manchmal sieht man zwei Leute miteinander sprechen, aber sie unterhalten sich nicht, sondern sie sprechen nur ihre Monologe gegeneinander. Die Berliner k\u00f6nnen auch nicht zuh\u00f6ren. Sie warten nur ganz gespannt, bis der andere aufgeh\u00f6rt hat, zu reden, und dann haken sie ein. Auf diese Weise werden viele berliner Konversationen gef\u00fchrt. Die Berlinerin ist sachlich und klar. Auch in der Liebe. Geheimnisse hat sie nicht. Sie ist ein braves, liebes M\u00e4del, das der galante Ortsliederdichter gern und viel feiert.<\/p>\n<p>Der Berliner hat vom Leben nicht viel, es sei denn, er verdiente Geld. Geselligkeit pflegt er nicht, weil das zu viel Umst\u00e4nde macht \u2013 er kommt mit seinen Bekannten zusammen, beklatscht sich ein bi\u00dfchen und wird um zehn Uhr schl\u00e4frig. Der Berliner ist ein Sklave seines Apparats. Er ist Fahrgast, Theaterbesucher, Gast in den Restaurants und Angestellter. Mensch weniger. Der Apparat zupft und zerrt an seinen Nervenenden, und er gibt hemmungslos nach. Er tut alles, was die Stadt von ihm verlangt nur leben &#8230; das leider nicht. Der Berliner schnurrt seinen Tag herunter, und wenns fertig ist, dann ists M\u00fche und Arbeit gewesen. Weiter nichts. Man kann siebzig Jahre in dieser Stadt leben, ohne den geringsten Vorteil f\u00fcr seine unsterbliche Seele. Fr\u00fcher war Berlin einmal ein gut funktionierender Apparat. Eine ausgezeichnet angefertigte Wachspuppe, die selbstt\u00e4tig Arme und Beine bewegte, wenn man zehn Pfennig oben hineinwarf. Heute kann man viele Zehnpfennigst\u00fccke hineinwerfen, die Puppe bewegt sich kaum \u2013 der Apparat ist eingerostet und arbeitet nur noch tr\u00e4ge und langsam. Denn gar h\u00e4ufig wird in Berlin gestreikt. Warum \u2013? So genau wei\u00df man das nicht. Manche Leute sind dagegen, und manche Leute sind daf\u00fcr. Warum \u2013? So genau wei\u00df man das nicht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3125\" aria-describedby=\"caption-attachment-3125\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-3125\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Alexanderplatz-Screenshot-Doku-Bundesarchiv-1024x576.png\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Alexanderplatz-Screenshot-Doku-Bundesarchiv-1024x576.png 1024w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Alexanderplatz-Screenshot-Doku-Bundesarchiv-300x169.png 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Alexanderplatz-Screenshot-Doku-Bundesarchiv-768x432.png 768w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Alexanderplatz-Screenshot-Doku-Bundesarchiv.png 1035w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3125\" class=\"wp-caption-text\">Alexanderplatz 20er Jahre (Screenshot aus Doku Bundesarchiv)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Berliner sind einander spinnefremd. Wenn sie sich nicht irgendwo vorgestellt sind, knurren sie sich in der Stra\u00dfe und in den Bahnen an, denn sie haben miteinander nicht viel Gemeinsames. Sie wollen voneinander nichts wissen, und jeder lebt ganz f\u00fcr sich. Berlin vereint die Nachteile einer amerikanischen Gro\u00dfstadt mit denen einer deutschen Provinzstadt. Seine Vorz\u00fcge stehen im Baedeker. In der Sommerfrische sieht der Berliner jedes Jahr, da\u00df man auch auf der Erde leben kann. Er versuchte vier Wochen, es gelingt ihm nicht \u2013 denn er hat es nicht gelernt und wei\u00df nicht, was das ist: leben \u2013 und wenn er dann wieder gl\u00fccklich auf dem Anhalter Bahnhof landet, blinzelt er seiner Stra\u00dfenbahnlinie zu und freut sich, da\u00df er wieder in Berlin ist. Das Leben hat er vergessen. Die Tage klappern, der Trott des t\u00e4glichen Getues rollt sich ab und wenn wir nun hundert Jahre dabei w\u00fcrden, wir in Berlin, was dann \u2013? H\u00e4tten wir irgend etwas geschafft? gewirkt? Etwas f\u00fcr unser Leben, f\u00fcr unser eigentliches, inneres, wahres Leben, gehabt? Waren wir gewachsen, h\u00e4tten wir uns aufgeschlossen, gebl\u00fcht, h\u00e4tten wir gelebt \u2013?<\/p>\n<p>Berlin! Berlin! Als der Redakteur bis hierher gelesen hatte, runzelte er leicht die Stirn, l\u00e4chelte freundlich und sagte wohlwollend zu dem vor ihm stehenden jungen Mann: \u00bbNa, na, na! Ganz so schlimm ist es denn aber doch nicht! Sie vergessen, da\u00df auch Berlin doch immerhin seine Verdienste und Errungenschaften hat! Sachte, sachte! Sie sind noch jung, junger Mann!\u00bb Und weil der junge Mann ein wirklich h\u00f6flicher junger Mann war, wegen seiner bescheidenen Artigkeit allgemein beliebt und hochgeachtet, im Besitze etwas eigenartiger Tanzstundenmanieren, die er im vertrauten Kreise f\u00fcr gute Formen ausgab, nahm er den Hut ab (den er im Zimmer aufbehalten hatte), blickte ger\u00fchrt gegen die Decke und sagte fromm und fest: \u00bbGott segne diese Stadt.\u00bb<\/p>\n<p>(Schreibweise des Textes: Original Kurt Tucholsky)<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\"><em>*Titelbild: Achim Scholty auf Pixabay\u00a0<\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber dieser Stadt ist kein Himmel. 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