{"id":4115,"date":"2021-12-04T13:44:40","date_gmt":"2021-12-04T12:44:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=4115"},"modified":"2021-12-08T09:27:05","modified_gmt":"2021-12-08T08:27:05","slug":"chandler-marlowe-mitchum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=4115","title":{"rendered":"Chandler, Marlowe, Mitchum"},"content":{"rendered":"<p>Selbstverst\u00e4ndlich war Raymond Chandler manchmal ein Trinker. Er rauchte auch gern Pfeife. Galten Tabak und Alkohol einst als sophisticated sind sie heute verp\u00f6nt und verteufelt. Der kontrollierte Suff, oftmals auch der unkontrollierte, stand Kreativit\u00e4t nie im Weg. Nat\u00fcrlich wankt jedes \u00fcbertriebene Laster immer am Rande des Abgrunds. Schriftsteller hin oder her. Der Krimiautor James M. Cain benannte das Problem n\u00fcchtern wie prosaisch: <em>\u201eNormalerweise k\u00f6nnen Sie an der H\u00f6he seiner Schnapsrechnung erkennen, wann es mit einem Schriftsteller bergab geht.\u201c<\/em> Wer bei Kippe und Schnaps abwinkt und nur edel und n\u00fcchtern durchs Leben, der werfe den ersten Stein. Hier soll nicht gesteinigt, sondern gew\u00fcrdigt werden. Ernest Hemingway und William Faulkner waren Alkoholiker, die ihre Nobelpreise literarisch absolut verdient hatten. Joseph Roth, vielleicht der beste Autor deutscher Zunge, starb im Delirium. Malcolm Lowry trank, was das Zeug hielt und schuf mit \u201eUnter dem Vulkan\u201c das faszinierende Portr\u00e4t des sich Richtung Tod saufenden Konsuls Geoffrey Firmin. Ein literarisches Meisterwerk. Beim Stichwort Meisterwerk sind wir wieder bei Chandler, dem K\u00f6nig im Reich der Kriminalautoren. Chandlers Krimis waren allesamt zudem Literatur. Was er zu Papier brachte, ist l\u00e4ngst in den Kanon der Kriminal- und Weltliteratur eingegangen. M\u00f6gen die Gralsh\u00fcter einer \u00fcberkommenden Hochkultur dar\u00fcber die Nase r\u00fcmpfen, wie und wo sie wollen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4618\" aria-describedby=\"caption-attachment-4618\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-4618\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Recherche-ohne-Handy-1024x576.png\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Recherche-ohne-Handy-1024x576.png 1024w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Recherche-ohne-Handy-300x169.png 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Recherche-ohne-Handy-768x432.png 768w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Recherche-ohne-Handy-1536x864.png 1536w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Recherche-ohne-Handy.png 1703w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4618\" class=\"wp-caption-text\">Noch ohne Handy unterwegs. Marlowe (Robert Mitchum) ermittelt.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Chandler schuf mit dem Privatdetektiv Philip Marlowe jene Art von Figur, die \u00e4hnlich den Figuren seiner Kollegin Agatha Christie, Miss Marple und Hercule Poirot, losgel\u00f6st von ihrem Sch\u00f6pfer, ein unsterbliches Eigenleben annehmen und bis heute lebendig f\u00fchren. Marlowe ist allerdings aus anderem Holz als Agatha Christies Detektivlegenden. Miss Marple, die gebildete alte Dame mit einem hohen Faktor an Neugier und Trotz wie auch Hercule Poirot, der verschrobene Sch\u00f6ngeist mit dem Hang zum Edlen und einer legend\u00e4ren Sp\u00fcrnase, besitzen wie ihr Kollege Marlowe ebenfalls Weltruhm. Miss Marple stolpert eher zuf\u00e4llig in Morde und Verbrechen. Den Belgier Hercule Poirot, der immer f\u00fcr einen Franzosen gehalten wird, engagiert man f\u00fcr viel Geld, damit er seine kleinen grauen Zellen aktiviert. Bei Miss Marple darf die Tee-Zeit nicht fehlen, bei Poirot nicht das Dinner in feinen Salons. Beide w\u00fcrden in der Welt des Philip Marlowe arg fremdeln. Marlowe trinkt keinen Tee, sondern lieber Whiskey aus der B\u00fcroflasche, er speist nicht edel, isst zwischendurch beim Chinesen um die Ecke. Er wei\u00df sich recht ordentlich zu kleiden, seine Markenzeichen sind der Trenchcoat und breitkrempige H\u00fcte. Marlowe steht im Telefonbuch und bekommt oft Kunden, die selbst 20 Dollar nicht bezahlen wollen. Die Ausbeute des Tages oft sp\u00e4rlich. Des \u00d6fteren ist er daher ziemlich abgebrannt. Seine Selbstbeschreibung lapidar: <em>\u201eIch bin lizenzierter Privatdetektiv und mach das schon eine ganze Weile. Ich bin ein einsamer Wolf, unverheiratet, in mittleren Jahren und nicht reich. Ich war mehr als einmal im Gef\u00e4ngnis und bearbeite keine Scheidungsf\u00e4lle.\u201c<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_4625\" aria-describedby=\"caption-attachment-4625\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-4625\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Kundschaft-beim-Essen-1024x576.png\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Kundschaft-beim-Essen-1024x576.png 1024w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Kundschaft-beim-Essen-300x169.png 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Kundschaft-beim-Essen-768x432.png 768w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Kundschaft-beim-Essen-1536x864.png 1536w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Kundschaft-beim-Essen.png 1709w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4625\" class=\"wp-caption-text\">Kundschaft beim Essen. Marlowe bekommt Besuch von Moose Malloy.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Im ersten Roman (\u201eThe Big Sleep\u201c) der Marlowe-Reihe aus dem Jahr 1939 ist dieser Marlowe 33 Jahre alt. Merkw\u00fcrdigerweise \u00e4ndert Chandler daran nichts mehr, l\u00e4sst Marlowe in keinem der folgenden B\u00fccher altern, deren letztes 1958 (Playback) erscheint. F\u00fcr Geburtstage h\u00e4tte Marlowe auch keine Zeit noch die n\u00f6tige Mu\u00dfe. Er ist ein kr\u00e4ftiger Kerl, der austeilen und einstecken kann, hat wohl dunkelbraunes Haar und braune Augen bei einer Gr\u00f6\u00dfe von 184 cm. Philip Marlowe raucht Pfeife wie sein Sch\u00f6pfer. Vor allem genie\u00dft er Zigaretten und trinkt bevorzugt Whiskey. Der Bourbon liegt im Schubfach des Schreibtisches, als St\u00e4rkung immer in Griffweite. Er spielt ab und an zum Zeitvertreib alte Schachpartien nach. Marlowe ist in einem bestechlichen Umfeld ein Unbestechlicher, ein harter Hund, der sentimentale Sch\u00fcbe hat, sich Melancholie g\u00f6nnt und kleine Fische auch mal laufen l\u00e4sst. Marlowe f\u00fcr einen Moment n\u00e4herzukommen, soll hier an \u201eFarewell, My Lovely\u201c aus dem Jahr 1940 versucht werden. Der zweite Roman um Marlowe vielleicht nicht so legend\u00e4r wie \u201eThe Big Sleep\u201c (1939) und so ausgereift wie \u201eThe Long Goodbye\u201c (1953). F\u00fcr den Verfasser dieser Zeilen allerdings der ultimative und beste Marlowe. Chandler in Hochform. Der deutsche Titel erschien 1958 unter dem Namen \u201eBetrogen und ges\u00fchnt\u201c, seit 1980 dann in der 1zu1 \u00dcbersetzung \u201eLebwohl, mein Liebling\u201c. 1975 eine kongeniale Verfilmung ebenfalls unter dem Buchtitel \u201eFarewell, My Lovely\u201c, im deutschen Verleih rei\u00dferischer \u201eFahr zur H\u00f6lle, Liebling\u201c.<\/p>\n<p>Auf diesen Roman und jenen Film soll nun der Blick fallen. Es gibt nat\u00fcrlich Unterschiede in Handlung, Dramaturgie und bei den Personen. Diese verschwimmen allerdings auf wunderbare Weise. Einige Personen l\u00e4sst der Film wegfallen, andere b\u00fcndelt er oder wandelt ihre Story ab. Doch nie werden der Stil und Geist von Chandler missbraucht oder verf\u00e4lscht. Eine gro\u00dfartige Leistung der Drehbuchautoren und des Regisseurs. Chandlers Figuren wirken im Film so glaubhaft und unmittelbar wie in der Romanvorlage. Ein korrupter Polizist wird im Buch von Marlowe st\u00e4ndig als Hemingway verspottet. Der so angesprochene und hart erscheinende Kerl kapiert nichts und wird nur w\u00fctend. Was man durchaus als \u00e4u\u00dferst ironische Spitze Chandlers gegen den Macho und Gro\u00dfwildj\u00e4ger Hemingway verstehen kann. Es gab nicht wenige Zeitgenossen, die es hinter vorgehaltener Hand fl\u00fcsterten, Chandler schreibe besser als Hemingway. In der Sprache von Knappheit und Direktheit sowie dem v\u00f6lligen Verzicht auf Verzierungen und Wortgirlanden \u00e4hneln sie sich in der Tat. Gegeneinander auf- und abw\u00e4gen sollte man zwei Meister ihres Fachs nicht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4620\" aria-describedby=\"caption-attachment-4620\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-4620\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Alkohol-befoerdert-die-Erinnerung-1024x576.png\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Alkohol-befoerdert-die-Erinnerung-1024x576.png 1024w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Alkohol-befoerdert-die-Erinnerung-300x169.png 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Alkohol-befoerdert-die-Erinnerung-768x432.png 768w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Alkohol-befoerdert-die-Erinnerung-1536x863.png 1536w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Alkohol-befoerdert-die-Erinnerung.png 1722w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4620\" class=\"wp-caption-text\">Alkohol bef\u00f6rdert die Erinnerung und lindert den Abstieg. Sylvia Miles als Jessie Florian.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Polizistenfigur Hemingway bei Chandler sagt an einer Stelle: <em>\u201eKeiner kann ehrlich bleiben, auch wenn er sich noch so anstrengt.\u201c<\/em> Genau in dieser verdorbenen Welt versucht Marlowe Auskommen und \u00dcberleben. Auf die Einlassung einer Dame: <em>\u201eMan kann auch ein bisschen allzu unverfroren sein\u201c<\/em> erwidert Marlowe: <em>\u201eNicht in meinem Beruf.\u201c<\/em> Beim einstigen Revuegirl Jessie Florian ist mit der Jugend auch jeder Glanz gewichen. <em>\u201eIhre Stimme kam \u00e4tzend und schwerf\u00e4llig aus ihrer Kehle \u2013 wie ein kranker Mann aus seinem Bett.\u201c<\/em> Die trunks\u00fcchtige Witwe des l\u00e4ngst toten Nachtklubbesitzers, mit ihrem neuen Radio im verwahrlosten Haus spricht die Zeit und die Atmosph\u00e4re an <em>\u201eIch f\u00fchle mich wie das Tal des Todes\u201c<\/em>. Marlowe denkt sich dabei: <em>\u201eSie tut aussehen wie ein toter Maulesel\u201c<\/em> und hegt doch Sympathie f\u00fcr dieses Wrack. Marlowe hat eine Auge f\u00fcr Elend aber nie Verachtung f\u00fcr die Elenden. Das Haus, eher eine Absteige, macht der Optik von Frau Florian alle Ehre: <em>\u201eLampen mit zerschlissenen, einst pomp\u00f6sen Schirmen, die jetzt so fr\u00f6hlich wirkten wie \u00fcberalterte Stra\u00dfenm\u00e4dchen.\u201c<\/em> Es gibt noch ganz andere Frauen in Chandlers Universum. Vor allem die Gattin des m\u00e4chtigen und einflussreichen Mr. Grayle, der allerdings f\u00fcr die junge Ms. Grayle arg alt, hat so ihre T\u00fccken. <em>\u201eMs. Grayle schlug ihre Beine \u00fcbereinander; ein bisschen sorglos. Sie goss uns Scotch nach. Er schien ihr ebenso wenig anzuhaben wie Wasser einem Staudamm.\u201c<\/em> Chandler kann Menschen und Erotik mit wenig Worten einfangen, davon profitiert Marlowe, davon profitiert der Leser. Marlowe verliert, falls er ab und an beeindruckt, zumindest nicht den Verstand: <em>\u201eSie warf ihren Kopf zur\u00fcck und brach in schallendes Gel\u00e4chter aus. Ich habe in meinem Leben nur vier Frauen gekannt, die das tun konnten, ohne an Sch\u00f6nheit einzub\u00fc\u00dfen. Sie war eine von ihnen.\u201c<\/em> Daf\u00fcr ben\u00f6tigen gro\u00dfe Autoren manchmal drei Seiten. Chandler erledigt so etwas in drei S\u00e4tzen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4621\" aria-describedby=\"caption-attachment-4621\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-4621\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Ms-Grayle-1024x575.png\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"359\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Ms-Grayle-1024x575.png 1024w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Ms-Grayle-300x168.png 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Ms-Grayle-768x431.png 768w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Ms-Grayle.png 1428w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4621\" class=\"wp-caption-text\">Noch k\u00fchl. Ms. Grayle (Charlotte Rampling) begutachtet Marlowe.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Als im Film Marlowe bei sp\u00e4terer Gelegenheit Ms. Grayle die Frage <em>\u201eWo gehen wir hin?\u201c<\/em> zuwirft, kommt die Antwort der Dame prompt: <em>\u201eWozu? Alles was wir brauchen hast du dabei.\u201c<\/em> Besser h\u00e4tte es Chandler nicht hinbekommen. Wenn Mitchum im Film den Weg der unterk\u00fchlten Charlotte Rampling als Ms. Grayle kreuzt, erhitzt sich die Szenerie und entfalten spr\u00fchende Dialoge eine Art Magie. Ein Fest f\u00fcr jeden Filmfan. (Neben der Kamera mochten sich Mitchum und Rampling nicht sonderlich. Eben zwei Schauspieler und Menschen aus fremden Welten. Sobald die Kamera lief, umgehend Vollprofis.) Die brutale wie furchterregende Puffmutter Amthor wirkt im Film sogar st\u00e4rker als der Quacksalber und Scharlatan Amthor im Buch. Der Kinnhaken, den Marlowe ihr als Gegenwehr f\u00fcr betonartige Ohrfeigen verpasst, der sie dennoch nicht von den Brettern holt, f\u00fchrt Marlow in einen unfreiwilligen Drogenrausch. F\u00fcr Marlowe ein gelebter Albtraum, schlimmer als das sonstige Tagwerk. Im Buch wie im Film ziehen wir mit Marlowe durch das Los Angeles Anfang der Vierzigerjahre. Heruntergekommene Stra\u00dfen mit billigen Absteigen. Philip Marlowe raucht viel, trinkt und wartet. Typisch Raymond Chandler. Sein Archetyp eines Privatdetektivs verfolgt die Schattenseiten dieser Stadt stoisch und ohne jede Illusion. (Die Filmmusik f\u00e4ngt diese Stimmung fantastisch ein.) Die reizende wie neugierige, nur im Roman vorkommende Anne Riordan hat viele Fragen an Marlowe und eine Feststellung: <em>\u201eDie Rechnungen Ihrer Freundinnen f\u00fcr Alkohol m\u00fcssen toll sein.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Wo der Film zur Gr\u00f6\u00dfe der Buchvorlage w\u00e4chst, ist Robert Mitchum als Philip Marlowe der Ausgangspunkt. Mitchum \u00fcberstrahlt alles und l\u00e4sst seinen Mitspielern dabei Platz zur Entfaltung. (Sylvia Miles liefert als Jessie Florian ein Kabinettst\u00fcck, spielt eine der besten Rollen ihrer Karriere.) Wie Marlowe seinen Whiskey trinkt, die Zigarette anz\u00fcndet, alles auf den Punkt. Mitchum schauspielert nicht, er ist Marlowe. Der Film macht \u201eFarewell, My Lovely&#8220; und Chandler lebendig. Die Charaktere viel wichtiger als die Story. Die Leute, denen Marlowe begegnet, sind oft Zerrbilder, manchmal groteske Figuren, fast immer zwischen gef\u00e4hrlich und wehrlos, dabei korrupt und moralisch h\u00e4sslich. Die Frauen um Marlowe sind klug wie sch\u00f6n, manche von Alter und Leben gezeichnet, bei jeder Skrupellosigkeit halten sie eiskalt mit. \u201eFarewell, My Lovely&#8220; beginnt mit Liebe, die bedrohlich daherkommt. Der frisch aus dem Knast kommende H\u00fcne Moose Malloy sucht seine Velma und beauftragt Marlowe mit der Findung. Suchhinweis <em>\u201eVelma ist s\u00fc\u00df&#8220;<\/em>. Es erw\u00e4chst daraus allerhand Schlamassel f\u00fcr den Privatdetektiv Marlowe. Die Schatten hinter ihm mehren sich, viele suchen mit nach Velma und haben dabei alle den Tod im Schlepptau. Mehr soll hier nicht verraten werden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4622\" aria-describedby=\"caption-attachment-4622\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-4622\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Mitchum2-1024x575.png\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"359\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Mitchum2-1024x575.png 1024w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Mitchum2-300x169.png 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Mitchum2-768x432.png 768w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Mitchum2.png 1509w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4622\" class=\"wp-caption-text\">Robert Mitchum wird zu Philip Marlowe.<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u201eFarewell, My Lovely&#8220; bleibt eine zeitlose Kriminalstory und geht weit dar\u00fcber hinaus. Als Film kommt er etwas altmodisch daher und ist dennoch gro\u00dfartiges Kino. Robert Mitchum zelebriert ein wahres Fest der Schauspielkunst. Ohne Aktion ist er einfach da und das Zentrum von allem. So etwas nannte man einst Leinwandpr\u00e4senz. Sein Marlowe wirkt m\u00fcde, ausgelaugt und dennoch auf dem Sprung. Ein Mann, der allerhand erlebt und darin \u00fcberlebt hat. Marlowe\/Mitchum werden eins. Damit \u00fcberfl\u00fcgelt Robert Mitchum sogar seinen alten Freund Humphrey Bogart, der 1946 in \u201eThe Big Sleep\u201c einen unwiederholbaren Marlowe f\u00fcr den Schauspiel-Olymp kreierte. So dachte man. Bis Mitchum diesem Marlowe neues Leben einhauchte. \u201eFarewell, My Lovely&#8220; wurde 1975 in Szene gesetzt und liegt damit eine Ewigkeit hinter uns. Seither ist kein glaubw\u00fcrdiger Leinwand-Marlowe in Film oder Kino mehr aufgetaucht, die Latte liegt vielleicht zu hoch. Schwer vorstellbar, wer diesen Sprung noch einmal wagen k\u00f6nnte. Chandler (gest. 1959), Bogart (gest. 1957), Mitchum (gest. 1997), sie sind seit langer Zeit tot. Nur Marlowe lebt und wird dies weiter tun. \u00dcber ihn und sich sagte Chandler: <em>\u201eWir sind so ehrlich, wie man es von M\u00e4nnern in einer Welt erwarten kann, in der Ehrlichkeit aus der Mode gekommen ist.\u201c<\/em><\/p>\n<p><strong>Hinweis:<\/strong> Raymond Chandlers Romane um den Privatdetektiv Philip Marlowe gibt es im Diogenes Verlag. Den Film \u201eFahr zur H\u00f6lle, Liebling\u201c bekommt man als DVD und Blu-ray im Handel. Manchmal ist der Film auch im Angebot von Streamingdiensten.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\"><em>*Die im Beitrag enthalten Screenshots stammen s\u00e4mtlich aus der englischsprachigen Originalversion des Films \u201eFarewell, My Lovely\u201c von 1975, produziert von der E. K. CORPORATION f\u00fcr United Artists.<\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Selbstverst\u00e4ndlich war Raymond Chandler manchmal ein Trinker. Er rauchte auch gern Pfeife. Galten Tabak und Alkohol einst als sophisticated sind sie heute verp\u00f6nt und verteufelt. 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