{"id":4853,"date":"2021-12-03T13:59:01","date_gmt":"2021-12-03T12:59:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=4853"},"modified":"2021-12-06T18:22:55","modified_gmt":"2021-12-06T17:22:55","slug":"aufrecht-ins-ziel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=4853","title":{"rendered":"Aufrecht ins Ziel"},"content":{"rendered":"<p>Der Gro\u00dfe Zapfenstreich wirkt etwas antiquiert, muss nicht jedermanns\/jedefraus Sache sein. Zu milit\u00e4rischen Paradeterminen bedarf es vielleicht doch einer K\u00f6nigin und alter Uniformen, die beide Geschichte atmen. Somit ist London als Ort solcher Zeremonien wohl der geeignetste Platz dieser Welt. Wir haben keine K\u00f6nigin und mit alten Uniformem g\u00e4be es hier sofort verbales Theater zwischen Politik, Feuilleton- und Sportseiten. Wer zwei Weltkriege angezettelt und \u00fcble Dinge getan, sollte sich mit tschingderassabum sowieso etwas zur\u00fcckhalten. Alles in allem ist uns diese Zur\u00fcckhaltung ja ordentlich gelungen. Die j\u00e4hrliche Siegesparade in Moskau, die franz\u00f6sischen Truppen am 14. Juli vor ihrem Pr\u00e4sidenten auf der Avenue des Champs-\u00c9lys\u00e9es sind sowieso nicht zu toppen. Von London und der K\u00f6nigin redeten wir schon. Deren Geburtstagsparade Trooping the Colour setzt romantisch auf Pferde, w\u00e4hrend man in Paris und Moskau auch mal eine fahrbare Atomrakete bestaunen darf. Die Briten haben auch Atomraketen, doch mit so profanem Blech muss die K\u00f6nigin sich nicht dicke machen, sie hat eine Kutsche. Genug von den Nachbarn. Schauen wir wieder ins heimische St\u00fcbchen. Was wir am Wachbataillon der Bundeswehr haben, ist ordentlich und ein St\u00fcck zivil, trotz Uniform, Blech und Schie\u00dfgewehr. Daf\u00fcr muss man sich nicht sch\u00e4men, die paradierenden und musizierenden Soldaten machen einen guten Job. Der Geehrten, der bald Ex-Kanzlerin Angela Merkel, scheint es gefallen zu haben. Vor, w\u00e4hrend und nach dem Gro\u00dfen Zapfenstreich, wie in den letzten Wochen weltweit, hat man dieser Frau tonnenweise Lorbeerkr\u00e4nze gebunden. Da muss ihr ganz schwindelig geworden sein. Merkel wird damit umgehen k\u00f6nnen, wie sie immer mit allem umgehen konnte. Lobhudelei scheint sie so kaltzulassen wie glei\u00dfender Zorn. Unter anderem mit solcher St\u00e4rke h\u00e4lt man sich \u00fcber anderthalb Jahrzehnte im Amt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4859\" aria-describedby=\"caption-attachment-4859\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4859\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/akitada31-auf-Pixabay.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"453\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/akitada31-auf-Pixabay.jpg 640w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/akitada31-auf-Pixabay-300x212.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4859\" class=\"wp-caption-text\">Zeichen der Merkel-Jahre. Symbol einer \u00c4ra. (Bild: akitada31 auf Pixabay)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Im Abschied bewies Merkel ihre Art Gr\u00f6\u00dfe selbst denen gegen\u00fcber, die sie oder\/und ihre Politik nicht mochten. In Harmonie geht sie vom Hof. Bevor und w\u00e4hrend Helmut Schmidt Elder Statesman wurde und war, verachtete er seinen Nachfolger Helmut Kohl, behielt aber Disziplin und Fassung. Dieser Kohl wiederum polterte nach seiner Abwahl wie ein gekr\u00e4nkter Monarch durch die Hauptstadt. Nicht mehr Kanzler zu sein war f\u00fcr ihn bis ans Ende seiner Tage Majest\u00e4tsbeleidigung. Seinen Nachfolger Gerhard Schr\u00f6der verachtete er wohl noch mehr als Schmidt ihn. Schr\u00f6der polterte auch. Allerdings nur in einer TV-Runde. Dann war es politisch mit ihm vorbei und er wurde Lobbyist. Einer der schamlosen Sorte. Auch der alte Adenauer konnte es nicht lassen, mobbte seinen Nachfolger Ludwig Erhard, der nie wusste, wie ihm geschah und verbittert wie unr\u00fchmlich von den eigenen Truppen weggejagt wurde. Kurt Georg Kiesinger, der sich als Kanzler von oben berufen sah, verlie\u00df das Amt wie ein vom Hof gefegter Gro\u00dff\u00fcrst, der fr\u00fchere SZ-Journalist Hans Ulrich Kempski dr\u00fcckte es so aus: \u201eEr (Kiesinger) hat es als einen Vertreibungsakt angesehen.\u201c Selbst der einzig geliebte Kanzler, \u201eWilly w\u00e4hlen\u201c, fiel in ein tiefes Loch, zu schmachvoll kam ihm die Art des Abganges vor. \u00dcber einen DDR-Spion zu stolpern, musste f\u00fcr einen Kanzler der Auss\u00f6hnung mit dem Osten nun wirklich der lebendig gewordene Albtraum sein. Brandt fiel in eine seiner Depressionen, fing sich und machte dann politisch weiter. Dabei blieb er der gro\u00dfe Staatsmann und ein weltweit geachteter und gefragter Ratgeber und Menschenfreund. Das unr\u00fchmliche Ende der Kanzlerschaft machte ihm dennoch immer mal wieder zu schaffen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4870\" aria-describedby=\"caption-attachment-4870\" style=\"width: 617px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4870\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/AM.jpg\" alt=\"\" width=\"617\" height=\"476\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/AM.jpg 617w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/AM-300x231.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 617px) 100vw, 617px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4870\" class=\"wp-caption-text\">L\u00e4cheln und Tsch\u00fcs. (ZDF-Screenshot)<\/figcaption><\/figure>\n<p>So gesehen hat Angela Merkel etwas Neues vollbracht, einen w\u00fcrdevollen Ab- und \u00dcbergang. Was einst mit dem Gedr\u00f6hne und Poltern von Schr\u00f6der begann, endete eher still, trotz milit\u00e4rischer Pauken und Trompeten, an einem k\u00fchlen Abend. Der letzte Akt n\u00e4chste Woche im Bundestag und im Kanzleramt, dann Tsch\u00fcs und Ruhestand. Vorher stellte sie noch in n\u00fcchterner Selbstverst\u00e4ndlichkeit ihren Nachfolger auf dem politischen Weltparkett vor. Gedr\u00f6hne machte sie darum nicht. \u00dcber die \u00c4ra Merkel, ihre Politik und Person wird sich gerade weltweit wund geschrieben. Bald und k\u00fcnftig wird es unendliche Publikationen dazu geben. Wobei man sich gut vorstellen kann, Merkel wird einfach schweigen und auch als Pension\u00e4rin nicht den Drang versp\u00fcren, in die Reihen der Wichtigmacher oder peinlichen Politrentner zu gleiten. In die Dr\u00e4ngelei der wenigen Berufenen und so vieler Unberufener zum Thema Merkel muss man sich weder jetzt noch sp\u00e4ter einreihen. Nach 16 Jahren kann und sollte sich jeder m\u00fcndige und denkende Mensch selbst ein Bild machen k\u00f6nnen und wird dieses auch tun. Viele werden ein Licht- und Schattenfazit ziehen, den Stab nur wenige brechen. Heute gilt es einfach nur Chapeau Richtung Angela Merkel f\u00fcr das gelungene Endspielverhalten zu bekunden, wo vor ihr so viele gewackelt oder versagt haben. Der Gro\u00dfe Zapfenstreich passte dazu. Keinerlei Weinerlichkeit. Die Tr\u00e4ne im Knopfloch eines Gerhard Schr\u00f6der bei \u201eMy Way\u201c, die bei diesem Zyniker der Macht sowieso deplatziert wirkte, w\u00e4re Merkel nicht im Traum eingefallen. Kontrolle und Beherrschtheit bleiben bis zum Schluss die Begleiter ihres Amtsverst\u00e4ndnisses. Darin ist sie Helmut Schmidt und dessen n\u00fcchterner Leidenschaft zur praktischen Vernunft sehr \u00e4hnlich.<\/p>\n<p>Am Abend des Gro\u00dfen Zapfenstreiches gab es nur einen Schatten. Der \u00fcbertragende Sender ZDF h\u00e4tte der Moderation Bettina Schausten, immerhin stellvertretende Chefredakteurin des Senders, einfach den Wert des Schweigens vermitteln sollen. Selten ist in so kurzer Zeit so viel verquatscht und unn\u00fctz geplappert worden. Solch plumpe Gschaftlhuberei hat nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt nichts mit Angela Merkel zu tun, von der Frau Schausten nicht nur f\u00fcr diesen Abend viel h\u00e4tte lernen k\u00f6nnen. Angela Merkel soll von dieser Stelle hier alles Gute f\u00fcr ihre pers\u00f6nliche Zukunft gew\u00fcnscht werden.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\"><em>*Titelbild: Screenshot aus ZDF-\u00dcbertragung \u201eGro\u00dfer Zapfenstreich f\u00fcr Angela Merkel&#8220;<\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Gro\u00dfe Zapfenstreich wirkt etwas antiquiert, muss nicht jedermanns\/jedefraus Sache sein. 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