{"id":5125,"date":"2021-12-13T00:11:55","date_gmt":"2021-12-12T23:11:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=5125"},"modified":"2021-12-17T09:33:10","modified_gmt":"2021-12-17T08:33:10","slug":"king-lear","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=5125","title":{"rendered":"King Lear"},"content":{"rendered":"<p>Die politische Kopie kommt meistens als Farce daher. Zwischen 1605 und 1608 erblickte das legend\u00e4re B\u00fchnenst\u00fcck \u201eKing Lear\u201c von William Shakespeare das Licht der Welt. Ein alter K\u00f6nig, der in die Senilit\u00e4t driftet und polternd und gro\u00dfkotzig sein Reich unter drei T\u00f6chtern aufteilt. Dabei kann er Liebe von L\u00fcge nicht unterscheiden, liefert sich zwei Furien aus, verst\u00f6\u00dft ein mitf\u00fchlendes Kind und beh\u00e4lt sich nat\u00fcrlich einen Zipfel seiner Macht. Dieser karge Rest zerrinnt ihm allerdings im Sanduhrtempo. Am Ende bleiben Trauer, Wahnsinn, vielerlei Verderben und der Tod. Typisch klassische Trag\u00f6die. Shakespeare hielt immer, was man sich von ihm versprach. Lear rutscht in den Sumpf aus Machtlosigkeit und Irrsinn. Darin st\u00e4ndig einen Narren an seiner Seite. \u00dcber die Stationen Machtrausch, Fehlurteil, Betrug und Ohnmacht, gef\u00f6rdert durch eigene Torheit, f\u00e4hrt dieser K\u00f6nig aus der Haut, w\u00fctet und droht in seinem hausgemachten Abstieg gegen\u00fcber zwei T\u00f6chtern, die ihn gerade zu einem querulantischen Rentner degradierten:<\/p>\n<p><em>\u201eIch will mir nehmen solche Rach&#8216; an euch,<\/em><br \/>\n<em>Da\u00df alle Welt \u2013 will solche Dinge tun \u2013<\/em><br \/>\n<em>Was, wei\u00df ich selbst noch nicht; doch soll&#8217;n sie werden<\/em><br \/>\n<em>Das Grau&#8217;n der Welt.\u201c<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_5130\" aria-describedby=\"caption-attachment-5130\" style=\"width: 1401px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-5130\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/KL4.png\" alt=\"\" width=\"1401\" height=\"788\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/KL4.png 1401w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/KL4-300x169.png 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/KL4-1024x576.png 1024w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/KL4-768x432.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1401px) 100vw, 1401px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5130\" class=\"wp-caption-text\">Falsche Lagebeurteilung in Sachen Menschenkenntnis und Zeitl\u00e4ufe. (Screenshot: Anthony Hopkins als Lear, TV, 2018)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Lear ist Traumrolle und Sehnsucht vieler ernsthafter Schauspieler. Mehr geht nicht. Viele Giganten der B\u00fchne haben sich daran versucht. Charles Laughton, Paul Scofield, Ian McKellen, Laurence Olivier, Derek Jacobi, Anthony Hopkins, Albert Bassermann, Rolf Boysen, Gert Voss, Klaus Maria Brandauer, um nur einige Unvergessene zu nennen. Die Gr\u00f6\u00dften der B\u00fchne gaben ihm Statur und Stimme, Herz und Hirn in diese Rolle. Nicht immer ging es gut. Selbst ein Meister seines Fachs wie Anthony Hopkins erkannte sein eigenes Debakel selbstkritisch und war erst mit seinem zweiten Versuch einverstanden, den er Jahrzehnte sp\u00e4ter f\u00fcr den Film in einer TV-Version brillant t\u00e4tigte. Immer wieder scheitern vor allem mittelm\u00e4\u00dfige und schlechte Darsteller an dieser Rolle und zerst\u00f6ren sich selbst auf offener B\u00fchne, weil sie ihre Finger nicht vom Lear lassen k\u00f6nnen. Zu allem \u00dcberfluss geben sich manchmal auch noch Laiendarsteller der Versuchung hin. Ob aus Unkenntnis heraus, einer Bildungsl\u00fccke wegen oder gar bewusst nahm nun Joe Biden den Ball Lear auf und kopierte, wo er lieber eigenen Verstand h\u00e4tte walten lassen. Er spielte ihn nat\u00fcrlich nicht auf der B\u00fchne, er gab ihn im Leben und was noch schlimmer, auf dem Feld der Politik. Allerdings machen hohes Alter und Popularit\u00e4t diese Rolle nicht zur Realit\u00e4t und seinen Interpreten auch nicht automatisch zu einem K\u00f6nner. Joe Biden (79), seines Zeichens immerhin Pr\u00e4sident der Vereinigten Staaten von Amerika, konnte jedenfalls nicht widerstehen. Er w\u00fctete allerdings nicht im Theater oder gar gegen\u00fcber unbotm\u00e4\u00dfigen T\u00f6chtern, sondern schleuderte seine Wortkaskaden gegen einen gewissen Wladimir Putin (69). Jener Herr ist Pr\u00e4sident von Russland und in unseren Breitengraden das B\u00f6se dieser Welt schlechthin. Es tremolierte also Herr Biden: Er und die USA w\u00fcrden Putin und Russland bei weiter zunehmender Spannung um die Ukraine mit Sanktionen <em>\u201ewie er sie noch nie gesehen hat<\/em>\u201c \u00fcbersch\u00fctten und k\u00fcndigte <em>\u201ebeispiellose Strafma\u00dfnahmen\u201c<\/em> an. Man vergleiche bitte. Ist doch nun wirklich Lear pur. Au\u00dferdem droht hier einer mit 1.750 atomaren Sprengk\u00f6pfen (Biden) einem mit 1.570 atomaren Sprengk\u00f6pfen (Putin). Sp\u00e4testens jetzt muss auch der letzte Naivling begriffen haben, der Kalte Krieg zwischen West und Ost ist l\u00e4ngst zur\u00fcck. Weswegen sich China freudig die H\u00e4nde reibt und profitiert. Solche Art Geopolitik kann im Verderben enden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_5132\" aria-describedby=\"caption-attachment-5132\" style=\"width: 1336px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-5132\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/KL6.png\" alt=\"\" width=\"1336\" height=\"751\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/KL6.png 1336w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/KL6-300x169.png 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/KL6-1024x576.png 1024w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/KL6-768x432.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1336px) 100vw, 1336px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5132\" class=\"wp-caption-text\">Lear (Anthony Hopkins) gleitet in Wahnsinn, Verderben, Untergang und Tod. (Screenshot: King Lear, TV, 2018)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Joe Biden trommelt in der Au\u00dfenpolitik, weil die Innenpolitik ihm nicht gelingt. Sein Anliegen, die tiefen Gr\u00e4ben der eigenen Gesellschaft zuzusch\u00fctten, die das Land vielfach durchziehen, ist zum Scheitern verurteilt. Was allerdings, so fair sollte jeder Betrachter sein, nicht an ihm liegt, sondern an eben jener Gesellschaft der USA. Der 2020 verstorbene Stephen F. Cohen, ehemals Historiker und Professor an der Princeton University und der New York University, hat zum Komplex Russland\/USA\/Ukraine ein Jahr vor seinem Tod ein \u00e4u\u00dferst aufkl\u00e4rerisches Buch geschrieben. \u201eWar with Russia\u201c (Verlag: Hot Books; 1. Ausgabe). Darin wird klar und belegbar aufgezeigt, wie die USA 2014 halfen, die gew\u00e4hlte Regierung in der Ukraine zu st\u00fcrzen, die dortige Region zu destabilisieren, alte Politikwerkzeuge ihrer Weltenlenkermentalit\u00e4t anzuwenden. Prof. Cohen erinnert auch daran, dass es die USA waren, die einem gewissen Michael Gorbatschow versprachen, die NATO w\u00fcrde nicht \u00fcber Berlin hinaus expandieren. L\u00e4ngst vergessen. Die NATO steht mittlerweile an der Westgrenze Russlands. Ist Europas Frieden dadurch sicherer? Das erhellende Buch von Stephen F. Cohen ist jedenfalls eine empfehlenswerte Lekt\u00fcre und kann unter einem Weihnachtsbaum sogar als Geschenk dienen. Wahrlich keine Entspannungslekt\u00fcre, aber erhellende Aufkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Wer sich erstmals oder erneut an \u201eKing Lear\u201c geistig bereichern m\u00f6chte, sollte dies unbedingt tun. Shakespeare steht ja in fast jedem B\u00fccherregal. Einfach mal wieder hineinschauen lohnt auch wegen der Zeitbez\u00fcge, die gleicherma\u00dfen aktuell und dadurch fast unheimlich wirken. So man lieber einen Film bevorzugt, um dem Barden aus Stratford-upon-Avon in seinem Meisterst\u00fcck n\u00e4herzukommen, dem sei die legend\u00e4re Filmfassung \u201eKing Lear\u201c von 1970 mit Paul Scofield in der Titelrolle unter der Regie von Peter Brooke ans Herz gelegt. Es gibt auch eine im Film festgehaltene Theaterinszenierung des Wiener Burgtheaters mit Gert Voss als Lear, die 2007 Luc Bondy auf die B\u00fchne brachte. Gert Voss in einer seiner gr\u00f6\u00dften Rollen in Bestform. Die TV-Version \u201eKing Lear\u201c von Anthony Hopkins aus dem Jahr 2018 ist auf einigen Livestreams erh\u00e4ltlich und zu kaufen. Mit diesen Empfehlungen haben wir nun doch noch die Kurve vom gef\u00e4hrlichen Laienspiel der Politik zur echten Kunst gekriegt.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\"><em>*Titelbild: BarBus auf Pixabay<\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die politische Kopie kommt meistens als Farce daher. 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