{"id":5296,"date":"2021-12-18T14:41:52","date_gmt":"2021-12-18T13:41:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=5296"},"modified":"2021-12-23T13:31:40","modified_gmt":"2021-12-23T12:31:40","slug":"zum-buch-greifen-geschenk-und-lesetipps","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=5296","title":{"rendered":"Zum Buch greifen (Geschenk- und Lesetipps)"},"content":{"rendered":"<p><span data-offset-key=\"60kke-0-0\">B\u00fccher k\u00f6nnen sich behaupten und haben unsere Aufmerksamkeit weithin verdient. In Zeiten von Weihnachten und Jahreswechsel, eventuell mit einem erneuten Lockdown im Bereich des M\u00f6glichen, k\u00f6nnen sie der Entspannung, der Ablenkung, vielschichtiger Erkenntnis, dem profanen Spa\u00df oder neuen Sichtweisen wie alten Weisheiten dienen. Alles, <\/span><span id=\"decorator-corrected-entity-id-7\" data-entity-key=\"7\" data-offset-key=\"60kke-3-0\"><span data-offset-key=\"60kke-3-0\">was<\/span><\/span><span data-offset-key=\"60kke-4-0\"> das Herz und der Kopf begehren, ist zwischen Buchdeckeln zu finden. Oftmals weniger, manchmal sogar mehr. Auch als Geschenk kann man mit einem Buch Wertsch\u00e4tzung zum Ausdruck bringen. Deswegen folgen hier einige Tipps und Anregungen, bewusst au\u00dferhalb der rauf und runter verbreiteten Bestsellerlisten, die ohnehin jedem zug\u00e4nglich.<\/span><\/p>\n<p><strong>Max Goldt<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-5301\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Goldt-1024x762.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"476\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Goldt-1024x762.jpg 1024w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Goldt-300x223.jpg 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Goldt-768x571.jpg 768w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Goldt-1536x1143.jpg 1536w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Goldt.jpg 1695w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p>Sein ber\u00fchmtes Zitat kennt jeder, es geh\u00f6rt sozusagen zum Kanon der Anst\u00e4ndigen in diesem Land: <em>\u201eDie Bild-Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beitr\u00e4gt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es w\u00e4re verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur h\u00f6flich zu sein. Man muss so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zul\u00e4sst. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun.\u201c<\/em> Nat\u00fcrlich ist dieser Autor wesentlich mehr. Als Schriftsteller und Typ entzieht sich Max Goldt der Selbstbespiegelung eines gaukelnden Literaturbetriebs v\u00f6llig. Er geht dahin, wo ein Schriftsteller hingeh\u00f6rt, zu seinen Lesern. Durchs Land touren und den Leuten aus seinen Geschichten und Alltagsbeobachtungen vorlesen, darin sieht Goldt seine Aufgabe und Berufung. Er tr\u00e4gt so gut vor, wie er schreibt. Allt\u00e4gliches, so profan es sein mag, ist seine gro\u00dfe Meisterschaft. Ob nun ein Kinobesuch am Kinotag oder die Beobachtungen w\u00e4hrend eines Hotelfr\u00fchst\u00fccks, Goldt durchschaut die Menschen und interessiert sich noch f\u00fcr die unscheinbarste Schrulle. Wir Menschen sind letztendlich skurrile und eher l\u00e4cherliche Wesen, die sich in dieser L\u00e4cherlichkeit gerne aufblasen und genau dabei die Geschichten liefern, die Goldt so saftig aufschreiben kann. Wer bei dieser Lekt\u00fcre nicht auch lachen kann, dem ist nicht mehr zu helfen. Gro\u00dfartige Unterhaltung f\u00fcr alle Lebenslagen.<\/p>\n<p><strong>Upton Sinclair und John Dos Passos<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-5303\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Passos-1024x744.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"465\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Passos-1024x744.jpg 1024w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Passos-300x218.jpg 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Passos-768x558.jpg 768w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Passos-1536x1116.jpg 1536w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Passos.jpg 1669w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p><strong>\u201eDer Dschungel\u201c<\/strong> zeigt auf, was das industrialisierte Schlachterhandwerk Tieren antut und sagt dabei viel \u00fcber Menschen. Was Upton Sinclair 1905\/06 \u00fcber die Schlachth\u00f6fe von Chicago zu Papier brachte, ist eines der ehrlichsten B\u00fccher der Literaturgeschichte und gleichzeitig fantastisches Panorama von Einwandererfamilien in die USA und deren t\u00e4glichen \u00dcberlebenskampf. Vor allem hat es nicht an Aktualit\u00e4t verloren, wenn wir an diverse Skandale deutscher und internationaler Fleischbarone denken. Sinclair hat den Typus T\u00f6nnies schon vor \u00fcber 100 Jahren entlarvt. Alles, was den Menschen ausmacht, ist im \u201eDschungel\u201c zu finden. Das Leid kaum ertr\u00e4glich und der darin doch nie verzagende Lebensmut faszinierend. Was mit einer gro\u00dfen Hochzeit beginnt, spart die darauf folgenden Schatten nicht aus. Sinclair schreibt nicht f\u00fcrs Gem\u00fct und Seelchen, er schreibt f\u00fcr Menschen \u00fcber reale Menschen in ihrer ganzen Not wie in ihrer bescheidenen Freude. Dieser \u201eDschungel\u201c kann als Anklageschrift gegen Tierqu\u00e4lerei und Ausbeutung, aber auch als gro\u00dfer Unterhaltungsroman gelesen werden. Er wird auf allen Feldern mitrei\u00dfender und spannender Literatur gerecht.<\/p>\n<p>In der <strong>\u201eUSA-Trilogie\u201c<\/strong> von John Dos Passos finden sich die Romane \u201eDer 42. Breitengrad\u201c (1930), \u201e1919\u201c (1932) und \u201eDas gro\u00dfe Geld\u201c (1936). Mit Liebe zu seinen Figuren und einer tollen Gabe der Beschreibung, durchsetzt mit durchaus humoristischen Elementen, bietet uns der Autor einen Blick auf eine Gemeinschaft, die eigentlichen nie ein richtiges Land im herk\u00f6mmlichen Sinne werden konnte. Das Dasein seiner Protagonisten verbindet Dos Passos mit Ereignissen der Zeit, l\u00e4sst daf\u00fcr wie bei einem Dokumentarfilm auch Zeitungsmeldungen \u00fcber gro\u00dfe und kleine Ereignisse einflie\u00dfen. Wer die Gr\u00fcndungsmythen der USA, ihren Weg zur Weltmacht und die heutigen Verwerfungen begreifen und verstehen will, der sollte sich diese B\u00fccher unbedingt aneignen. Die USA und ihre Menschen pur und unverstellt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-5306\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Mantel-1024x496.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"310\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Mantel-1024x496.jpg 1024w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Mantel-300x145.jpg 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Mantel-768x372.jpg 768w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Mantel-1536x745.jpg 1536w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Mantel-2048x993.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p>Noch eine Trilogie. Aber was f\u00fcr eine! Diese kommt in drei gewichtigen B\u00e4nden daher und ist wohl das beste St\u00fcck Literatur, welches im 21. Jahrhundert bisher geschrieben. In der Reihenfolge <strong>\u201eW\u00f6lfe\u201c<\/strong> (2009), <strong>\u201eFalken\u201c<\/strong> (2012) und <strong>\u201eSpiegel und Licht\u201c<\/strong> (2020) erleben wir die atemberaubende Meisterschaft historischer Romankunst. Geschichte und Fiktion vermischen sich zu etwas Grandiosem. F\u00fcr den Autor dieser Zeilen ist Hilary Mantel auf Basis dieser drei B\u00fccher die mit Abstand au\u00dfergew\u00f6hnlichste und beste Schriftstellerin unserer Zeit. Es sind solche B\u00fccher und Autoren, die den Nobelpreis verdienen, ihn aber nie bekommen. In Hilary Mantels Trilogie begegnen wir Thomas Cromwell (1485 &#8211; 1540). Nicht zu verwechseln mit Oliver Cromwell, der hundert Jahre sp\u00e4ter einen englischen Monarchen k\u00f6pfen lie\u00df und in der Republikphase der Insel Lordprotektor von England, Schottland und Irland war. Thomas Cromwell war f\u00fcr England vielleicht sogar folgenreicher. Er bek\u00e4mpfte den Papst und nahm ihm und seinen Pfaffen s\u00e4mtliche L\u00e4ndereien und Besitzt\u00fcmer, verjagte den Katholizismus aus England, schuf eine neue Kirche, stampfte Gesetze und Regeln aus dem Boden, gab diesem brutalen Durcheinander Ordnung. Alles nat\u00fcrlich im Namen seines blutr\u00fcnstigen wie liebestollen Herrschers und K\u00f6nigs Heinrich VIII. Cromwells geistiger Zweikampf bis auf ihren Tod mit Anne\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Boleyn<\/span> ist einer der fulminanten H\u00f6hepunkte der Trilogie. Dieser Thomas Cromwell stieg vom armen Sohn eines Hufschmieds zum m\u00e4chtigsten Mann nach dem K\u00f6nig auf. Eigentlich unm\u00f6glich in dieser Zeit der Hofschranzen von Gebl\u00fct und Geburt. Daf\u00fcr hassten ihn nicht nur der Papst in Rom, sondern auch die k\u00f6niglichen H\u00f6fe Europas und vor allem der verdorbene und degenerierte Adel Englands. Selten hatte ein Politiker in der Menschheitsgeschichte wohl mehr Feinde auf sich gezogen und wandelte mitten unter diesen. Dazu ein wankelm\u00fctiger und Frauen mordender K\u00f6nig, dessen geile Gel\u00fcste oft die politischen Erfordernisse bestimmten. Dieser absolute Monarch hatte wenig mit der verkl\u00e4renden Romantik von TV-Serien der Marke \u201eThe Tudors\u201c gemein. Eine Menge Glatteis f\u00fcr jeden, der auf dieses Parkett gelangte. In dem Spannungsfeld machte sich Thomas Cromwell keine Illusionen. Er wusste um die Begrenztheit der ihm verf\u00fcgbaren Zeit. Und so begleiten wir seinen unfassbaren Aufstieg, der einzig seiner Intelligenz zu danken, aus dem Blick seiner Innensicht auf die Ereignisse und Menschen um ihn herum.<\/p>\n<figure id=\"attachment_5308\" aria-describedby=\"caption-attachment-5308\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-5308\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Hilary-Mantel-The-Waterstones-Interview-1024x576.png\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Hilary-Mantel-The-Waterstones-Interview-1024x576.png 1024w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Hilary-Mantel-The-Waterstones-Interview-300x169.png 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Hilary-Mantel-The-Waterstones-Interview-768x432.png 768w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Hilary-Mantel-The-Waterstones-Interview-1536x864.png 1536w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Hilary-Mantel-The-Waterstones-Interview.png 1757w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5308\" class=\"wp-caption-text\">Schuf literarisches Gold und pure Weltliteratur: Hilary Mantel (Screenshot: Waterstones Interview)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wie Hilary Mantel dies bewerkstelligt, ist einmalig in der Weltliteratur und fasziniert auch in der deutschen \u00dcbersetzung. Man sp\u00fcrt es schon von der ersten Seite an, wie man sich in einem kostbaren Meisterwerk befindet. Ihr historisch verb\u00fcrgter Cromwell organisiert alles und jedes. Inklusive nat\u00fcrlich der Ehen und Scheidungen seines K\u00f6nigs. Selbst unter Zuhilfenahme von Henker und Schafott. Am Ende besteigt er selber dieses und verliert durch das Beil auch seinen Kopf. Bis zu dem Zeitpunkt hat er England aber ver\u00e4ndert wie wohl niemand vor und niemand nach ihm. Hilary Mantel hat ihn aus dem historischen Abseits geholt und ein atemberaubendes Denkmal gesetzt. Es lesend zu bestaunen ist ein Privileg und nicht immer ganz einfach. Herausfordernde Literatur, die Aufmerksamkeit und Konzentration erfordert. So man dazu bereit, gibt es eine geistige Bereicherung, die weit \u00fcber ein Buch und Literatur hinausgeht. Hilary Mantel hat in Cromwell ihren Stoff gefunden. Wir sollten daf\u00fcr dankbar sein.<\/p>\n<p><strong>Tageb\u00fccher: Fritz J. Raddatz und Erwin Strittmatter<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-5315\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Raddatz-1024x411.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"257\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Raddatz-1024x411.jpg 1024w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Raddatz-300x120.jpg 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Raddatz-768x308.jpg 768w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Raddatz-1536x617.jpg 1536w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Raddatz.jpg 1803w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p>Beide nicht mehr unter uns. Zwei Tagebuchschreiber aus dem Elfenbeinturm der Literatur und weit weg, wenn sie dies auch beide bestreiten w\u00fcrden, vom Alltag eines Otto Normalverbraucher. Der eine (<strong>Fritz J. Raddatz<\/strong>) K\u00f6nig des Feuilletons, Kritikergenie, Tucholsky-Herausgeber und noch vieles mehr. Der andere (<strong>Erwin Strittmatter<\/strong>) wohl bedeutendster und meistgelesener Schriftsteller der DDR. Der Westler Raddatz mit Ostanf\u00e4ngen, ein Mann von Welt und Umgang, scharfe Feder und noch sch\u00e4rfere Zunge, basierend auf einem enormen Intellekt. In allem schnell, manchmal zu schnell, dann auch ein schlampiges Genie mit Stockfehlern, die ihm von niederen Geistern gerne vorgerechnet wurden. Der Ostler Strittmatter, ein bed\u00e4chtiger und schlauer Bauerntyp mit Hof und Pferden, ein Naturliebhaber nebst d\u00f6rflicher Gerissenheit. Seine B\u00fccher lasen die Menschen, weil er sich einer einfachen Sprache in vollendeter Sch\u00f6nheit bediente. Der Mann und die Frau von der Stra\u00dfe verstanden und verstehen diesen Autor. Beide geh\u00f6rten zur intellektuellen Elite. Raddatz in Ost und West und Strittmatter im Osten. Beide k\u00f6nnten unterschiedlicher nicht sein. Ihre sehr unterschiedlichen Tageb\u00fccher sind Spiegel deutsch-deutscher Verwerfungen und unserer Teilung, nat\u00fcrlich lebendige Kulturgeschichte, vor allem Einblick in den deutschen Literaturbetrieb der BRD wie der DDR. Da beide nebenher vorz\u00fcgliche L\u00e4sterm\u00e4uler und Tratschtanten, kommt der Leser auf seine Kosten. Raddatz wie Strittmatter bejammern sich gern auch selbst. Manchmal ersaufen sie fast in diesem Selbstmitleid. Den Gehalt der jeweiligen Tageb\u00fccher mindert dieser Sch\u00f6nheitsfehler nicht. Wer etwas \u00fcber unser Land erfahren m\u00f6chte, der ist mit diesen beiden Aufschreibern gut beraten und wird au\u00dferdem auf hohem Niveau abwechslungsreich unterhalten.<\/p>\n<p><strong>Erich Kuby<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-5320\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Kuby-1024x739.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"462\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Kuby-1024x739.jpg 1024w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Kuby-300x217.jpg 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Kuby-768x555.jpg 768w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Kuby-1536x1109.jpg 1536w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Kuby.jpg 1770w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p>Bei Erich Kuby denken viele Leute umgehend an die Edelnutte Rosemarie Nitribitt. Deren reales Leben wie ihren dubiosen Tod im Wirtschaftswunderdeutschland goss der Journalist Kuby unter dem Titel \u201eRosemarie. Des deutschen Wunders liebstes Kind\u201c in einen Roman. L\u00e4ngst Teil der Kollektivgeschichte deutscher Vergangenheitsbew\u00e4ltigung und Entlarvung des Mythos vom Wirtschaftswunder. Hier soll allerdings ein anderer Kuby empfohlen werden. Der legend\u00e4re Autor Kuby als famoser Beobachter, Soldat und Zeitzeuge im 2. Weltkrieg, der in seinem Kriegstagebuch <strong>\u201eMein Krieg\u201c<\/strong> schonungslos zu Papier brachte, was er sah und erlebte. Keine Illusionen, keine Reinwaschung und keine Sch\u00f6nf\u00e4rberei. Fr\u00fch hat Kuby die M\u00f6rder erkannt und sich sp\u00e4ter nicht hinter Floskeln oder dem kollektiven \u201enichts gewusst und nichts gesehen\u201c versteckt. Die gro\u00dfe L\u00fcge von der anst\u00e4ndigen Wehrmacht war mit Erich Kuby nicht zu machen. Wer wissen will, was Krieg bedeutet, der sollte Kuby lesen. Jene, die heute wieder d\u00fcmmlich mit den S\u00e4beln rasseln, sollten zuallererst einen Blick in Erich Kubys Aufzeichnungen werfen. In seiner Artikelsammlung <strong>\u201eMein \u00e4rgerliches Vaterland\u201c<\/strong> begegnen wir einem der besten und au\u00dfergew\u00f6hnlichsten Journalisten, die es nach dem Krieg in Deutschland gab. Seine besten Artikel erneut zu lesen bereitet Vergn\u00fcgen, bildet enorm und ist au\u00dferdem hautnaher Geschichtsunterricht. Zudem bekommt man bei <span class=\"hiddenSpellError\">Kuby<\/span>\u00a0eine Vorstellung, was Journalismus einmal war und mit welcher Qualit\u00e4t dieser daherkam.\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Kuby<\/span> ist einer der ganz wenigen, die den Vergleich mit Tucholsky standhalten. Wer es nicht glaubt, sollte Erich <span class=\"hiddenSpellError\">Kuby<\/span> lesen und wird danach zu keinem anderen Ergebnis kommen.<\/p>\n<p><strong>Ewige Weltliteratur<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-5324\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Celine-1024x574.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"359\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Celine-1024x574.jpg 1024w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Celine-300x168.jpg 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Celine-768x431.jpg 768w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Celine-1536x862.jpg 1536w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Celine.jpg 2020w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p>Es gibt B\u00fccher, die sollte man besitzen oder zumindest einmal im Leben gelesen haben. Zeitlose Weltliteratur, ewig g\u00fcltig und von einer Qualit\u00e4t, die alles \u00fcberdauert. Vielleicht bis ans Ende unserer Tage.<\/p>\n<p>John Steinbecks <strong>\u201eFr\u00fcchte des Zorns\u201c<\/strong> von 1939 zeigt uns Ausbeutung auf der untersten Stufe, das Schicksal von Wanderarbeitern und deren t\u00e4glichen Kampf ums nackte \u00dcberleben. Das Ph\u00e4nomen kennen wir bis heute. Wir sind nicht in Katar auf einer WM-Baustelle, die Szene spielt in den USA der Depression. Was dort der Familie Joad zust\u00f6\u00dft, wegen nicht mehr zahlbarer Zinsen alles zu verlieren, ist in unserer heutigen Welt lebendig wie eh und je. Welch kalte Brutalit\u00e4t, die an den Tag legen, die Geld und das Land besitzen und welch Erniedrigungen jene erdulden, die nichts haben, wird von Steinbeck gro\u00dfartig auf die Seiten gebracht. Seine Sprache fasziniert und wirkt wie ein Sog. Die menschliche W\u00e4rme und den Anstand, der sich bei den Armen finden l\u00e4sst, den beschreibt Steinbeck fast z\u00e4rtlich, die Rohheiten des Lebens ersch\u00fctternd, die Kargheit von Landschaft mit biblischer Emphase. Ein besserer Roman ist in der Geschichte der USA vielleicht nie geschrieben worden. Ein Buch von Wucht und Gr\u00f6\u00dfe.<\/p>\n<p><strong>\u201eReise ans Ende der Nacht\u201c<\/strong> von Louis-Ferdinand C\u00e9line f\u00fchrt uns in die Gr\u00e4ben und auf die Stra\u00dfen des 1. Weltkrieges in Frankreich, aber auch in eine Irrenanstalt. Bei C\u00e9line ist der Mensch selten edel, hilfreich und gut, sondern vielmehr des Menschen \u00e4rgster Feind. Der Roman aus dem Jahr 1932 ist aufgebaut wie eine TV-Serie und kommt eher im\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Episodenformat\u00a0<\/span>daher als in einer durchgehend schl\u00fcssigen Handlung. Zu bewundern ist die Sprachgewalt dieses sehr umstrittenen Autors. Nat\u00fcrlich seine F\u00e4higkeit, jeder verlogenen B\u00fcrgerlichkeit die Maske vom Gesicht zu rei\u00dfen. Dieser Unhold C\u00e9line konnte schon gut schreiben.<\/p>\n<p>Mit dem <strong>\u201eRadetzkymarsch\u201c<\/strong> hat Joseph Roth 1932 wohl die \u00f6sterreichischen Buddenbrooks geschrieben. Seine Familie Trotta spiegelt das Habsburger Reich in seinem Verfall und Untergang, die letzten Zuckungen der Monarchie. Alle haben das morbide k. u. k. Reich in den Knochen und der Seele. Aufhalten k\u00f6nnen sie nichts. Wollen nicht erkennen, was unvermeidlich. Deshalb gehen sie einem Alltag nach, der vor ihren Augen zerbr\u00f6selt und machen gehorsamste Miene zum b\u00f6sen Untergangsspiel in allen verf\u00fcgbaren und l\u00e4ngst \u00fcberkommenen Ritualen der Habsburger. Nie ist der schleichende, aber unaufhaltsame Verfall einer Gesellschaft und eines Staatswesens plastischer beschrieben worden. Nicht laut polternd, sondern still und leise geht das Land und die Monarchie dem Grab entgegen. Wie Roth dieses langsame Siechtum beschreibt und dabei jede Person seines Romans vor unseren Augen lebendig macht, hat eine H\u00f6he, die in der Literaturgeschichte so nur wenige erreichten. Ein gro\u00dfer Roman, ein gro\u00dfes europ\u00e4isches Buch. Der Begriff Weltliteratur greift bei diesem Werk fast zu kurz. Unserem Europa von heute sollte es zur Mahnung gereichen.<\/p>\n<blockquote><p>Ein Verstand braucht B\u00fccher, wie ein Schwert den Schleifstein.<\/p><\/blockquote>\n<p>(George R. R. Martin)<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\"><em>*Titelbild: Luisella Planeta Leoni auf Pixabay<\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>B\u00fccher k\u00f6nnen sich behaupten und haben unsere Aufmerksamkeit weithin verdient. 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