{"id":5389,"date":"2021-12-21T07:10:17","date_gmt":"2021-12-21T06:10:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=5389"},"modified":"2021-12-27T08:24:01","modified_gmt":"2021-12-27T07:24:01","slug":"anstand-und-buecher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=5389","title":{"rendered":"Anstand und B\u00fccher"},"content":{"rendered":"<p>Ein Linker mit gro\u00dfem Herz hat uns verlassen. Hochbetagt, wie man es nachruftechnisch so nennt, ist dieser wunderbare Mensch im Alter von 91 Jahren gestorben. Zeit seines Lebens blieb er, was er war, ein aufrechter und anst\u00e4ndiger Linker. Er driftete nicht wie so viele andere ab einem bestimmten Punkt ins rechte Lager oder gar zur Reaktion. Auch eine Lebensleistung. Berliner kannten ihn und lebten mit ihm. Wenn er am Blumenstand in der Knesebeckstra\u00dfe einen frischen Strau\u00df kaufte, den er zu Freude und zum Dank an seiner Mitarbeiterschaft morgens in den Verlag mitbrachte, konnte ihm jeder, der des Weges kam, begegnen und sich an seinem freundlichen wie klugen L\u00e4cheln erfreuen, mit dem der Tag besser wurde.<\/p>\n<p>Klaus Wagenbach (1930 &#8211; 2021) mochte Menschen, besonders jene, die B\u00fccher und Literatur schufen, m\u00f6glich machten und die sie lasen. Der Verlag, der seinen Namen tr\u00e4gt und bis heute seine Unabh\u00e4ngigkeit k\u00e4mpfend verteidigt und bewahrt hat, nicht zur Flie\u00dfbandwelt der Literatur- und Buchindustrie geh\u00f6rt, war immer auf der guten Seite unseres Landes zu finden. \u201e<em>Die kleinen Ungl\u00fccke sind unser t\u00e4glich Brot\u201c<\/em>, beschrieb er einmal l\u00e4chelnd den ewigen Kampf um das verlegerische \u00dcberleben. \u201eLINKS und FREI\u201c, Willy Brandts ber\u00fchmte Sentenz, Klaus Wagenbach lebte sie. <span data-offset-key=\"3ao2c-0-0\">Politisch war Wagenbach immer knapp wie konkret, da \u00e4hnelte er Kafka in der Klarheit der <\/span><span data-entity-key=\"110\" data-offset-key=\"3ao2c-1-0\"><span data-offset-key=\"3ao2c-1-0\">Sprache. <\/span><\/span>Einen aufdringlichen Reporter beschied er mit drei kurzen W\u00f6rtern<span id=\"decorator-corrected-entity-id-110\" data-entity-key=\"110\" data-offset-key=\"3ao2c-1-0\"><span data-offset-key=\"3ao2c-1-0\">:<\/span><\/span><em> \u201eW\u00fcrden Sie sagen, dass sie Kommunist sind? Nein. Sozialist? Ja. Marxist? Ja.\u201c <\/em>Er war theoretisch beschlagen, belesen wie bewandert, dabei dennoch kein ideologischer Linker, sondern einer der weltklugen und sinnenfrohen Lebensart. So jemand liebte Italien, nat\u00fcrlich die Renaissance, guten Wein und gutes Essen. Kein Wunder, dass besonders Italien in seinem Verlag bis heute immer eine wichtige Rolle spielt. Warum Linke nicht auch gut leben und schlemmen sollten, ging ihm nicht ein. Dr\u00f6ge Lustfeindschaft und aufgesetzte Verbissenheit bedachte er gn\u00e4dig mit einem milden L\u00e4cheln. Doch bei aller pers\u00f6nlichen Lebenslust und Freude, Herz und Hirn geh\u00f6rten vor allem den B\u00fcchern und der Literatur. Wagenbach nannte sich selbst scherzhaft <em>\u201edie letzte Witwe Kafkas\u201c. <\/em>Zeit seines Lebens war Franz Kafka ein Autor, mit dem er sich pers\u00f6nlich besch\u00e4ftigte. Er liebte Kafkas klare Sprache, so einfach daf\u00fcr seine Erkl\u00e4rung. Kafkas <em>\u201eJemand musste Josef K. verleumdet haben\u201c<\/em>, war ihm literarische Offenbarung und Wunder zugleich. <em>\u201eKlare Sprache, fantastische Welt, seltsame Inhalte\u201c<\/em>, so beschrieb er Kafka.<\/p>\n<figure id=\"attachment_5397\" aria-describedby=\"caption-attachment-5397\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-5397\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/KW2-1024x577.png\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"361\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/KW2-1024x577.png 1024w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/KW2-300x169.png 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/KW2-768x433.png 768w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/KW2.png 1351w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5397\" class=\"wp-caption-text\">Klaus Wagenbach. Der Verleger und seine B\u00fccher. (Screenshot aus Doku \u201eDas Herz sitzt links.&#8220;)<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u00dcber Klaus Wagenbach und seinen wunderbaren Verlag k\u00f6nnte man Romane schreiben, dies soll hier nicht angedroht werden oder gar geschehen. Es ist ihm aber zu danken f\u00fcr viele Jahrzehnte toller B\u00fccher, f\u00fcr einen progressiven Verlag und viele Wortmeldungen, sobald in diesem Land etwas in die falsche, also die rechte Richtung lief. Mit Wagenbach verlieren Anstand und Integrit\u00e4t einen der besten Anw\u00e4lte auf Erden. Dieser alte und im Kopf immer junge Linke wird fehlen, an vielen, vielleicht allen Ecken. Sein Haus, also den Klaus Wagenbach Verlag, hatte er schon lange gut bestellt. Eine Geschichte, die viel \u00fcber Klaus Wagenbach sagt, soll hier noch erinnert werden, in seinen Worten wiedergegeben. Nebenbei war dieser Mann auch noch ein gl\u00e4nzender und pointierter Erz\u00e4hler. Was gleich folgt, wurde in einem Dokumentarfilm \u00fcber ihn (\u201eDas Herz sitzt links. Klaus Wagenbach\u201c; Autoren: Margit <span class=\"hiddenGrammarError\">Knapp<\/span>\u00a0und\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Arpad<\/span>\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Bondy<\/span>; 2005) von ihm selbst erz\u00e4hlt. Ende der F\u00fcnfziger, Anfang der Sechziger war der junge Linke Klaus Wagenbach Lektor des Samuel Fischer Verlages, die aus dem Exil zur\u00fcckgekehrten Besitzer lie\u00dfen ihn machen. Dann verkauften sie den Verlag und nun \u00fcbernimmt Wagenbach die Geschichte:<\/p>\n<blockquote><p>Ich habe miterlebt, wie sie sich aus dem Verlag zur\u00fcckzogen und ihn am Ende verkauften. An einen \u2013 da bleibe ich h\u00f6flich, wenn ich das sage \u2013 sehr konservativen Herrn Georg von Holtzbrinck. Der hat dann den Verlag mal durchgesehen und da war ich f\u00e4llig. Dann wurde ich in den Frankfurter Hof zitiert, niedergebr\u00fcllt und gefeuert. Also ich sa\u00df da als 33-J\u00e4hriger, aber schon mit drei T\u00f6chtern und wusste nicht weiter.<\/p><\/blockquote>\n<p>Aus dem \u201enicht weiter wissen\u201c und nach Beratung mit Freunden, zu denen auch G\u00fcnter Grass und Hans Werner Richter geh\u00f6rten, kam die Erkenntnis, ein arbeitsloser linker Intellektueller hat im CDU-Staat Bundesrepublik wenig bis keine Chancen. So wurde die Idee des eigenen Verlages geboren und in ihrer Konsequenz stand dann die Gr\u00fcndung \u201eVerlag Klaus Wagenbach\u201c. Daf\u00fcr und f\u00fcr so viel mehr bleiben wir Klaus Wagenbach \u00fcber den Tod hinaus dankbar. Abschlie\u00dfend ein Zitat, fast ein Lebensmotto von Klaus Wagenbach aus der Feder des Wagenbach-Autors Robert Pinget:<\/p>\n<blockquote><p>Der Optimismus ist ebenso ungewiss wie der Pessimismus, aber seine Gesellschaft ist angenehmer.<\/p><\/blockquote>\n<figure id=\"attachment_5396\" aria-describedby=\"caption-attachment-5396\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-5396\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Wagenbach-Signet-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Wagenbach-Signet-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Wagenbach-Signet-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Wagenbach-Signet-768x767.jpg 768w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Wagenbach-Signet.jpg 775w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5396\" class=\"wp-caption-text\">Signet Verlag Klaus Wagenbach<\/figcaption><\/figure>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\"><em>*Titelbild: Screenshot aus Doku-Film \u201eDas Herz sitzt links. Klaus Wagenbach\u201c (2005)<\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Linker mit gro\u00dfem Herz hat uns verlassen. Hochbetagt, wie man es nachruftechnisch so nennt, ist dieser wunderbare Mensch im Alter von 91 Jahren gestorben. 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