{"id":5545,"date":"2021-12-30T00:26:55","date_gmt":"2021-12-29T23:26:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=5545"},"modified":"2022-01-01T00:46:09","modified_gmt":"2021-12-31T23:46:09","slug":"eine-neunte-fuer-silvester","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=5545","title":{"rendered":"Eine Neunte f\u00fcr Silvester"},"content":{"rendered":"<p>Aus Gr\u00fcnden des Jubilierens greift der Mensch gerne zu weihevollem oder festlichem Hilfswerkzeug. In F\u00e4llen des Jahreswechsels ist die 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven selbst f\u00fcr klassikferne Ohren mancherorts eine gute Gewohnheit geworden, \u00e4hnlich dem profaneren Silvesterpunsch von Alfred Tetzlaff oder dem Dinner for One. Die letzten beiden Beispiele beziehen sich eher auf unsere Breitengrade und deutschen Humor oder was wir daf\u00fcr halten. Wogegen die Neunte global einschl\u00e4gt, deswegen leider oftmals pflichtschuldig runtergenudelt wird. Was wiederum nicht an Beethoven als vielmehr an den heutigen Interpreten und deren Umfeld liegt. Wer sich der Neunten jedenfalls nicht verweigert und sich die Zeit nimmt, der kann durchaus Bereicherung finden. Da wegen Corona pers\u00f6nliche Konzertbesuche und damit verbundene Live-Erlebnisse eher nicht die Regel sein werden, soll hier f\u00fcr Interessierte eine kleine Hilfestellung versucht werden. Daraus l\u00e4sst sich dann vielleicht Anregung ziehen, welche Neunte man sich \u00fcber Streaming, Tontr\u00e4ger oder andere technische M\u00f6glichkeiten zum Jahreswechsel ins Haus holt und Ohren wie Seele g\u00f6nnt. Jede hier ge\u00e4u\u00dferte Empfehlung ist nat\u00fcrlich v\u00f6llig subjektiv.<\/p>\n<figure id=\"attachment_5583\" aria-describedby=\"caption-attachment-5583\" style=\"width: 720px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-5583\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/20211229_191156.jpg\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"790\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/20211229_191156.jpg 720w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/20211229_191156-273x300.jpg 273w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5583\" class=\"wp-caption-text\">Komponist des Volkes, nicht der Salons: Ludwig van Beethoven<\/figcaption><\/figure>\n<p>Niemand sollte bitte den Fehler machen und die Neunte nur auf den Schlusssatz mit Schillers \u201eFreude sch\u00f6ner G\u00f6tterfunken\u201c reduzieren. Damit bringt man sich nur selbst um ein gro\u00dfes H\u00f6rvergn\u00fcgen. Die Sinfonie ist komplex und doch jedem zug\u00e4nglich, so man sich nicht von Musik- oder Kritikerp\u00e4psten abschrecken und belehren l\u00e4sst, in deren Verwissenschaftlichung hoffnungslos abs\u00e4uft. Beethoven hat f\u00fcrs Volk komponiert, nicht f\u00fcr Eliten. Es ist keine Schande, seinem eigenen Geschmack zu folgen. Was bekommen wir in seiner Neunten also von Beethoven angerichtet? Der 1. Satz (Allegro ma non troppo, un poco maestoso) beginnt zu wachsen, kommt irgendwie aus dem Nichts, steigt wie aus einer Nebelschwade und ist dann pl\u00f6tzlich im abrupten Wechsel von leisen und lauten T\u00f6nen da. Der 2. Satz (Molto vivace \u2013 Presto) vielleicht das Meisterst\u00fcck dieser Sinfonie. Alles ganz klar und durchkonstruiert zwischen harsch und z\u00e4rtlich. Der 3. Satz (Adagio molto e cantabile \u2013 Andante moderato) kommt ruhig und gemessen daher. Durchatmen ist angesagt. Eine Art tiefer Ruhe und geistiger Reinigung vor der Ekstase und dem Sturm. Der 4. Satz (Presto \u2013 Allegro assai \u2013 Andante maestoso \u2013 Allegro energico, sempre ben marcato \u2013 Allegro ma non tanto \u2013 Prestissimo) bereichert den extremen Instrumentenreigen und die prallen Orchesterfarben nun noch durch Sopran-, Alt-, Tenor- und Bassstimme, begleitet von einem riesigen Chor. Wenn alles stimmt und optimal l\u00e4uft, dann entsteht dabei mehr als nur ein Klangerlebnis, dann braust wirklich ein emotionaler Orkan \u00fcber jeden aufnahmebereiten und willigen Zuh\u00f6rer hinweg. Musiker mit ihren Aufnahmen, die solches vermocht und geschafft haben, sollen im folgenden Text genannt und empfohlen werden.<\/p>\n<p>Bei den bis heute sehr popul\u00e4ren und werbewirksamen Titanen der <span class=\"hiddenSpellError\">Klassikbranche<\/span>\u00a0und\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Klassikgemeinde<\/span> stehen nat\u00fcrlich die Interpretationen, Auff\u00fchrungen, Aufnahmen der Neunten von <strong>Arturo <span class=\"hiddenSpellError\">Toscanini<\/span>, Wilhelm Furtw\u00e4ngler, Leonard Bernstein<\/strong> und <strong>Herbert von Karajan<\/strong> im Zentrum. Nicht nur, weil sie gr\u00f6\u00dftenteils gelungen und mit einem Mythos umgeben, sondern ihre Macher auch ber\u00fchmte Leute \u00fcber den\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Klassikmarkt<\/span> hinaus sind. Wer zu diesen Dirigenten und ihren Aufnahmen greift, macht nichts falsch und wird sicher sehr ordentlich bedient. Aber es gibt eben au\u00dferhalb des Kultes um diese ewigen und in Stein gemei\u00dfelten Legenden doch noch andere Lesarten, die durchaus als eindrucksvoller, \u00fcberzeugender und gewaltiger gewertet werden d\u00fcrfen. Das Wort besser geziemt sich nicht. Es geht hier nicht um schneller, h\u00f6her, weiter. Eher darum, Menschen auf die Neunte und Beethoven zu bringen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_5554\" aria-describedby=\"caption-attachment-5554\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-5554\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/20211229_140221-1024x445.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"278\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/20211229_140221-1024x445.jpg 1024w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/20211229_140221-300x130.jpg 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/20211229_140221-768x334.jpg 768w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/20211229_140221.jpg 1330w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5554\" class=\"wp-caption-text\">Toscanini und Furtw\u00e4ngler. Nicht nur bei Beethoven Rivalen \u00fcber den Tod hinaus.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wer zu <strong>Otto Klemperer<\/strong> greift, der ist bestens aufgehoben. Klemperer hat sein Leben lang Beethoven wie ein Lordsiegelbewahrer aufgef\u00fchrt und das Gef\u00fchl vermittelt, nur so und nicht anders muss es sein. Dabei sind ihm famose Auff\u00fchrungen gelungen. Seine ber\u00fchmteste und beste Neunte ist jene vom 15. November 1957 aus der Royal Festival Hall zu London. Mit dem <span class=\"hiddenSpellError\">Philharmonia<\/span>\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Orchestra<\/span>\u00a0und dessen Chor sowie den Solisten\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Aase<\/span>\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Nordmo<\/span>\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">L\u00f8vberg<\/span>, Christa Ludwig, Waldemar\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Kmentt<\/span>\u00a0und Hans\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Hotter<\/span> schuf er eine festliche wie erhabene Version. Dieser Live-Mitschnitt ist in Ton und Bild (s\/w) f\u00fcr jene Zeit vorz\u00fcglich. Wenige Wochen vorher hatte Klemperer die Neunte in gleicher Besetzung im Studio aufgenommen und f\u00fcr Tontr\u00e4ger der Nachwelt erhalten. Der Klang dieser EMI Produktion nat\u00fcrlich deutlich besser, die Aufnahme l\u00e4ngst eine Legende der Klassik. Dennoch ist das Live-Erlebnis noch einen Tick aufregender und dramatischer.<\/p>\n<figure id=\"attachment_5551\" aria-describedby=\"caption-attachment-5551\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-5551\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Klemperer-1024x921.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"576\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Klemperer-1024x921.jpg 1024w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Klemperer-300x270.jpg 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Klemperer-768x691.jpg 768w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Klemperer.jpg 1107w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5551\" class=\"wp-caption-text\">Legenden auf der H\u00f6he: Die Neunte, Beethoven und Klemperer.<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u00dcberhaupt. Live-Aufnahmen wirken oftmals eindringlicher als die manchmal zu perfekten und fehlerlosen Studioproduktionen. Die Gefahr von Fehlern, Unw\u00e4gbarkeiten und das fortw\u00e4hrende Risiko bei Live-Auff\u00fchrungen, die bei erhaltenen Mitschnitten noch viele Jahre sp\u00e4ter Authentizit\u00e4t spr\u00fchen, verschafft einem in den besten Momenten ein atemberaubendes H\u00f6rerlebnis. (Wenn nicht St\u00f6rer, notorische R\u00e4usperer und Hustenfanatiker den Genuss zu sehr tr\u00fcben.) So ein au\u00dfergew\u00f6hnlicher Moment, hier kann man wohl ohne \u00dcbertreibung von Sternstunde sprechen, gelang dem ph\u00e4nomenalen Dirigenten <strong>George Szell<\/strong> am 12. November 1968 in der Royal Festival Hall in London mit dem New Philharmonia Orchestra und Chorus, den beteiligten Solisten Heather Harper, Janet Baker, Ronald Dowd und Franz Crass. Eine bessere Live-Neunte ist schwerlich zu finden. Szell geht aufs Ganze, bringt Feuer unters Dach, Orchester, Chor und Solisten folgen ihm und sind in absoluter Topform. Mehr geht kaum. Ein gro\u00dfer Tag f\u00fcr Beethoven und die Neunte. Wer dem vorhandenen Mitschnitten dieses Konzertes zuh\u00f6rt und nichts daran findet oder daf\u00fcr \u00fcbrig hat, der ist wohl f\u00fcr die Neunte verloren.<\/p>\n<figure id=\"attachment_5557\" aria-describedby=\"caption-attachment-5557\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-5557\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/georg-szell.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"449\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/georg-szell.jpg 800w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/georg-szell-300x168.jpg 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/georg-szell-768x431.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5557\" class=\"wp-caption-text\">Meister seines Fachs: George Szell. Eine Beethoven-Neunte f\u00fcr die Ewigkeit.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ein Einschub sei hier gestattet. London war f\u00fcr Beethoven einst offenbar goldener Boden. Die meisterhaftesten Live-Ereignisse in Sachen Neunter wurden alle an der Themse aus der Taufe gehoben. Nicht nur die beiden bereits erw\u00e4hnten Auftritte von Klemperer und Szell. So geschah auch Gro\u00dfes am 13. November 1947 in der Royal Albert Hall. Der f\u00fcr den Verfasser dieser Zeilen bedeutendste und menschlichste Dirigent, <strong>Bruno Walter<\/strong>, kehrte aus der Emigration und seiner neuen Heimat USA zu Konzerten nach Europa zur\u00fcck. Die Nazis h\u00e4tten Bruno Walter vergast. Was Walter und die Solisten Isobel Baillie, Kathleen Ferrier, Heddle Nash, William Parsons sowie der London Philharmonic Choir und das London Philharmonic Orchestra da 1947 schufen, ist l\u00e4ngst Musikgeschichte. Auch hier eine Sternstunde der Klassik. Mitschnitte von 1947 klingen nicht so nahezu perfekt wie jene von 1968. Die Tonqualit\u00e4t bei Bruno Walter kann daher nicht mit dem George Szell Mitschnitt gleichziehen. In der k\u00fcnstlerischen Umsetzung sind Walter und Szell ebenb\u00fcrtig. Auch diese eine Jahrhundertaufnahme f\u00fcr den Olymp. In jenen Olymp schaffen es auch zwei sp\u00e4tere Mitschnitte. Erneut sind London und wie bei Bruno Walter die Royal Albert Hall Ort des Geschehens.<\/p>\n<figure id=\"attachment_5559\" aria-describedby=\"caption-attachment-5559\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-5559\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Drago-Gazdik-auf-Pixabay.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"426\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Drago-Gazdik-auf-Pixabay.jpg 640w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Drago-Gazdik-auf-Pixabay-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Drago-Gazdik-auf-Pixabay-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5559\" class=\"wp-caption-text\">Guter Ort f\u00fcr Beethoven. London. Royal Albert Hall mit 8.400 Pl\u00e4tzen. (Foto: Drago Gazdik auf Pixabay)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Im Sommer 1986 f\u00fchrte <strong>Georg Solti<\/strong> mit dem London Philharmonic Orchestra in der riesigen Royal Albert Hall die Neunte von Beethoven mit dem S\u00e4ngerensemble Jessy Norman, Sarah Walker, Reiner Goldberg und Hans Sotin auf. Den Chor-Part \u00fcbernahmen die BBC Singers und der Welsch National Opera Chorus, unterst\u00fctzt von London Voices. Von diesem Konzert gibt es auch einen Bildmitschnitt, der die besondere Atmosph\u00e4re der Royal Albert Hall einf\u00e4ngt und den emotionalen Funken, der zwischen Publikum und Musikern umherfliegt, begreifbar macht. Ein Genus f\u00fcr Auge und Ohr. An gleicher Stelle, hier nur als Tonmitschnitt erhalten, gab <strong>Klaus <span class=\"hiddenSpellError\">Tennstedt<\/span><\/strong>\u00a0am 31. August 1991 ebenfalls mit dem London\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Philharmonic<\/span>\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Orchestra<\/span>, den Solisten Jane\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Eaglen<\/span>, Kathleen Kuhlmann, Anthony\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Rolfe<\/span>\u00a0Johnson und John\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Tomlinson<\/span>\u00a0sowie dem\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Philharmonic<\/span>\u00a0Chorus eine Neunte, die das Publikum mit dem Schlussakkord von den Sitzen holte. Beim Dirigenten\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Tennstedt<\/span> ging es irgendwie immer um Leben und Tod. Dieser zerbrechlich wirkende Mann musizierte meistens an der Grenze des alles oder nichts. Der Schlusssatz geht hier wirklich unter die Haut. Ein explodierender Jubel mit einem ausrastenden Publikum wie bei einem Popkonzert hauen einen selbst heute noch vor den Lautsprechern vom Stuhl. Ein Ereignis der Marke G\u00e4nsehaut.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es auch famose Studioaufnahmen, die nicht unter den Tisch fallen sollen. Da sind wir erneut bei<strong> Georg Solti<\/strong>, allerdings nicht mehr in London. Die DECCA produzierte 1972 in den USA mit dem Chicago Symphony Orchestra and Chorus eine Neunte und holte daf\u00fcr die Solisten Pilar Lorengar, Yvonne Minton, Stuart Burrows und Martti Talvela an Bord. Unter dem Dirigenten Georg Solti entstand die wohl beste Studioaufnahme der Neunten. Ein wirkliches Meisterwerk. Es zieht einen sofort in den Bann und fesselt f\u00fcr aufregende und emotionale 77 Minuten. Solti macht jedes Detail h\u00f6rbar, ohne Feuer und Dynamik zu verlieren. Ein Muss f\u00fcr jede Klassiksammlung. Zu jener Zeit war das Chicago Symphony Orchestra unter seinem Chefdirigenten Sir Georg Solti zumindest im Tonstudio allen Orchestern der Welt \u00fcberlegen. Bei Aufnahmen konnten selbst die Wiener und Berliner Philharmoniker mit Bernstein und Karajan denen in Chicago mit Solti nicht ganz das Wasser reichen. Diese Aufnahme ist wohl eines jener Meisterst\u00fccke der Zusammenarbeit Chicago und Solti, die bis heute hoch im Kurs stehen. Ein absolutes Beethoven-Highlight, welches in keiner Klassiksammlung fehlen darf. Auch die Tontechniker der DECCA haben zu diesem Stereo-Juwel beigetragen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_5567\" aria-describedby=\"caption-attachment-5567\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-5567\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Solti-1024x502.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"314\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Solti-1024x502.jpg 1024w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Solti-300x147.jpg 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Solti-768x376.jpg 768w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Solti.jpg 1317w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5567\" class=\"wp-caption-text\">Meisterwerk der Klassik und Meilenstein einer Studio-Neunten. Purer Beethoven.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Eine Studioaufnahme der au\u00dfergew\u00f6hnlichen Qualit\u00e4t, auch die des Dirigenten<strong> Charles Munch<\/strong> mit dem Boston Symphony Orchestra, den Solisten Leontyne Price, Maureen Forrester, David Poleri, Giorgio Tozzi und dem Chor New England Conservatory. Diese Mono-Aufnahme, was dem Klang und dem Erlebnis keinerlei Abbruch tut, ist ein Parforceritt. Unter emotionalem Dauerfeuer f\u00fcr die Ohren, treibt Munch Orchester, Chor und S\u00e4nger voran, ohne dabei zu hetzen. Beethoven lebendig, explosiv und temperamentvoll, ein Genuss und Muntermacher zu jeder Jahreszeit. Man denkt, Beethoven steht pers\u00f6nlich am Pult. Gediegener, im Tempo langsamer, aber nicht weniger faszinierend erleben wir die Staatskapelle Berlin unter Leitung des Dirigenten <strong>Otmar Suitner<\/strong> in der ETERNA Studioaufnahme von 1982. Suitners Ensemble ist eine Wonne f\u00fcr deutsche Ohren, jedes Wort ist verst\u00e4ndlich. Manchmal st\u00f6ren sich deutsche Zuh\u00f6rer bei einigen der bereits genannten Aufnahmen eventuell ein wenig am Idiom z. B. englischer oder italienischer S\u00e4nger. Diese k\u00f6nnen, was v\u00f6llig normal und verst\u00e4ndlich, im Schlusssatz mit den Worten von Schiller nicht jeden deutschen Laut wie ein Muttersprachler treffen. (Auch deutsche Ten\u00f6re klingen mit italienischen Opernarien manchmal sehr deplatziert.) Die Solisten Magdalena Hajossyova, Uta Priew, Eberhard B\u00fcchner, Manfred Schenk erf\u00fcllen jedenfalls bei Suitner jeden Anspruch auf Verst\u00e4ndlichkeit, kongenial begleitet vom Rundfunkchor Berlin. Die Aufnahme gilt unter Beethoven Kennern und Freunden klassischer Musik v\u00f6llig zurecht als Geheimtipp f\u00fcr beste Qualit\u00e4t.<\/p>\n<figure id=\"attachment_5572\" aria-describedby=\"caption-attachment-5572\" style=\"width: 527px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-5572\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/image-1.jpg\" alt=\"\" width=\"527\" height=\"508\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/image-1.jpg 527w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/image-1-300x289.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 527px) 100vw, 527px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5572\" class=\"wp-caption-text\">Geheimtipp in Sachen Beethoven. Die Neunte von Otmar Suitner.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Eine \u00e4u\u00dferst temporeiche Neunte lieferte der Dirigent und Komponist <strong>Rene Leibowitz<\/strong> gemeinsam mit dem Royal Philharmonic Orchestra 1961 im Studio ab. Live und mit wesentlich langsameren Tempi ist <strong>Sergiu Celibidache<\/strong> mit den M\u00fcnchner Philharmonikern in einem Mitschnitt vom 17. M\u00e4rz 1989 zu h\u00f6ren. Durchaus zu empfehlen sind auch Neunte unter den Dirigenten <strong>Rafael Kubelik, Rudolf Kempe<\/strong> und <strong>Carlo Maria Giulini<\/strong>. Eine Neunte der anderen Art schuf <strong>Leopold Stokowski<\/strong> 1969 mit dem London Symphonie Orchestra, im Studio wie auch live. Stokowski griff gern in die Orchestrierung ein, da kannte er nichts und lie\u00df dabei Streicher- und Bl\u00e4serkl\u00e4nge verst\u00e4rken. Er galt ja als Meister eines besonderen Klangs, von Puristen gehasst, von Fans verg\u00f6ttert. Gleichg\u00fcltig lassen Stokowski Aufnahmen jedenfalls niemanden. Irgendwie schafft er es, Magie ins Ohr zu bringen. Der Tontr\u00e4ger der Stokowski-Einspielung bei DECCA ist sogar in der seltenen Aufnahmetechnologie \u201ePhase4-Stereo\u201c vorhanden. Deswegen diese Aufnahme auch wegen des Sounds zus\u00e4tzlich interessant.<\/p>\n<p>Wenn wir schon bei der Technologie angekommen sind, noch ein Einschub in Sachen technische Seite der Musikgeschichte. Die Klassik und darin speziell Beethovens Neunte spielten bei einem technologischen Quantensprung eine wesentliche Rolle. Als die Compact Disc 1979 von Sony und Philips auf den Markt geworfen wurden, hatte besonders der Dirigent Herbert von Karajan, ein bevorzugter Partner von Sony, daf\u00fcr geworben, die CD gr\u00f6\u00dfer zu machen als geplant. Beide Weltkonzerne hatten sich urspr\u00fcnglich auf eine kleinere CD Version geeinigt. Karajans Argument war vor allem f\u00fcr die Konzernbosse von Sony ausschlaggebend. Die 9. Sinfonie von Beethoven m\u00fcsse mit ihren ca. 75 bis 78 Minuten Spielzeit unbedingt auf eine Scheibe passen, so der Welt ber\u00fchmtester Dirigent. Damit wurde die Neuerung CD eben etwas gr\u00f6\u00dfer als angedacht und dadurch mehr Minutenvolumen auf der Scheibe m\u00f6glich. Die CD sozusagen f\u00fcr die Neunte passend gemacht. Es gab in der Geschichte des technischen Fortschritts wahrlich schon schlechtere Argumente. Die Neunte unter dem Dirigenten Munch dauert \u00fcbrigens 63 Minuten, die unter Celibidache 77 Minuten, Soltis bahnbrechende Aufnahme ben\u00f6tigt 76 Minuten und der legend\u00e4re Szell Mitschnitt 69 Minuten. Es gibt viele Arten von Interpretationen und Tempi im Mysterium dieser 9. Sinfonie des Ludwig van Beethoven. Vielleicht liegt darin auch ein St\u00fcck weit ihre ewige G\u00fcltigkeit und Zeitlosigkeit begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Mit der kleinen Hoffnung f\u00fcr Geneigte, Neugierige und Interessierte war etwas dabei, geht ein ewiger Dank an den Macher der 9. Sinfonie in d-Moll op. 125. Beileibe, dies sei hier auch gesagt, nicht das einzige Meisterwerk dieses grandiosen und genialen Ludwig van Beethoven. Herzliche Gr\u00fc\u00dfe und beste W\u00fcnsche f\u00fcr einen friedvollen und vor allem gesunden Jahreswechsel gehen an alle, egal ob nun mit oder ohne Interesse an der Neunten. Guten Rutsch, Wohlergehen, viel Gl\u00fcck und alles Gute.<\/p>\n<figure id=\"attachment_5575\" aria-describedby=\"caption-attachment-5575\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-5575\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Richard-Mcall-auf-Pixabay.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"452\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Richard-Mcall-auf-Pixabay.jpg 640w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Richard-Mcall-auf-Pixabay-300x212.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5575\" class=\"wp-caption-text\">Hauswand, Tontr\u00e4ger oder Streaming. Beethoven stets unter uns. (Foto: Richard Mcall auf Pixabay)<\/figcaption><\/figure>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\"><em>*Titelbild: Originalpartitur der Sinfonie in d-Moll op. 125 von Ludwig van Beethoven mit dessen Handschrift.<\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus Gr\u00fcnden des Jubilierens greift der Mensch gerne zu weihevollem oder festlichem Hilfswerkzeug. In F\u00e4llen des Jahreswechsels ist die 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven selbst f\u00fcr klassikferne Ohren mancherorts eine gute Gewohnheit<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":5578,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2816,2826,1111,2811,2823,2800,2729,2812,2700,2825,2824,2810,2821,2802,1770,2201,1297,103,2804,2814,1120,104,2805,385,2809,490,10,2819,2820,1545,116,2817,2798,1098,2200,412,1614,2827,2813,2161,2818,2808,1803,2806,2799,2815,2807,2822,99,2801,2803],"class_list":["post-5545","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-leben","tag-auffuehrungen","tag-aufnahmen","tag-beethoven","tag-besetzung","tag-cd","tag-celibidache","tag-chicago","tag-chor","tag-dank","tag-dirigent","tag-dirigenten","tag-erlebnis","tag-funken","tag-furtwaengler","tag-gaensehaut","tag-giulini","tag-jubel","tag-karajan","tag-kempe","tag-klang","tag-klassik","tag-klemperer","tag-kubelik","tag-leben","tag-live","tag-london","tag-mann","tag-meilenstein","tag-meisterstueck","tag-meisterwerk","tag-musik","tag-nachwelt","tag-neunte","tag-olymp","tag-partitur","tag-publikum","tag-saenger","tag-silvester","tag-solisten","tag-solti","tag-sternstunde","tag-studio","tag-stuhl","tag-suitner","tag-szell","tag-tennstedt","tag-themse","tag-tontechniker","tag-tontraeger","tag-toscanini","tag-walter"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5545","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5545"}],"version-history":[{"count":101,"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5545\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5658,"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5545\/revisions\/5658"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/5578"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5545"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5545"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5545"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}