{"id":8252,"date":"2022-03-16T00:28:40","date_gmt":"2022-03-15T23:28:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=8252"},"modified":"2022-03-16T18:20:31","modified_gmt":"2022-03-16T17:20:31","slug":"narrenweisheit-des-rdp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=8252","title":{"rendered":"Narrenweisheit des RDP"},"content":{"rendered":"<p>Die Schweizer Zeitung Blick wollte dem Leser etwas Kluges g\u00f6nnen. Daf\u00fcr hatte man allerdings den falschen Gast geladen, den umtriebigen Hans Dampf s\u00e4mtlicher Mediengassen Richard David Precht, der vom Blatt als \u201eBestseller-Philosoph\u201c vorgestellt wurde. Der legte in gewohnter Manier los. Boulevardesk wie immer segelte dieser Schmalspurphilosoph auf gro\u00dfer Fahrt durch die ihm angebotenen Fragen. Eine soll hier herausgegriffen werden, weil sie exemplarisch und Herrn Precht im Licht seiner Oberfl\u00e4chlichkeit zeigt. Der falsche Kern der Antwort bewegt sich auf dem Niveau von Prechts Studierzimmer, dem Podcast mit Markus Lanz. Jener Herr <span class=\"hiddenSpellError\">Lanz<\/span> ist solcher Art Journalist wie <span class=\"hiddenSpellError\">Precht<\/span>\u00a0Philosoph, wenn man\u00a0<span class=\"hiddenGrammarError\">z. B.<\/span> G\u00fcnter Gaus f\u00fcr den Journalisten-Vergleich und Herbert Marcuse f\u00fcr den Philosophen-Vergleich als Ma\u00dfstab heranziehen w\u00fcrde. Lassen wir das lieber und schauen also auf die Blick-Frage und die <span class=\"hiddenSpellError\">Precht-Antwort<\/span>.<\/p>\n<p><strong>Blick<\/strong>: <em>\u201eWenn Karl Marx heute durch zentraleurop\u00e4ische St\u00e4dte flanieren und Tagebuch f\u00fchren w\u00fcrde, was w\u00fcrde darin stehen?\u201c<\/em><\/p>\n<p><strong>Precht<\/strong>: <em>\u201eEr k\u00e4me erst mal aus dem Staunen nicht mehr heraus. Marx w\u00fcrde sich wundern, dass der Kapitalismus solche wirtschaftlichen Segnungen f\u00fcr einen erheblichen Teil seiner Bev\u00f6lkerung geschaffen hat. Und er m\u00fcsste seinem Erzfeind, dem Schweizer \u00d6konomen Jean Charles L\u00e9onard Simonde de Sismondi, den heute leider keiner mehr kennt, recht gegeben: Der Kapitalismus ist lernf\u00e4hig, und wenn man seine Arbeiter anst\u00e4ndig bezahlt, dann erlebt man eine gesellschaftliche und kulturelle Bl\u00fcte.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Bei der Antwort kommt auch der geneigte Leser nicht aus dem Staunen heraus. Viel Unfug in wenigen Zeilen. Daf\u00fcr braucht es wohl der Qualit\u00e4ten eines Podcast-Philosophen. Der von Precht zum staunenden Fu\u00dfg\u00e4nger gemachte Marx sollte bei seinem Stadtbummel besser nicht zu den Geringverdienern, Arbeitssuchenden und Rentnern oder gar in Pflegeheime der Unterschicht gehen, dann k\u00f6nnte Prechts bunte Spazierwelt sich schnell tr\u00fcben. Von dem 2003 hierzulande durch Sozialdemokraten eingef\u00fchrten gr\u00f6\u00dften Niedriglohnsektor Europas hat Precht sicher ebenfalls noch nie geh\u00f6rt, sonst w\u00e4re ihm die Fabel von den \u201eanst\u00e4ndig bezahlten Arbeitern\u201c nicht aus dem Kopf gefallen. Der Kapitalismus samt seiner Segnungen hat nat\u00fcrlich nie etwas gelernt. Ver\u00e4nderungen haben ihm soziale, demokratische, christliche und \u00f6kologische Kr\u00e4fte in oft schweren K\u00e4mpfen abgerungen und aufgezwungen. <span class=\"hiddenSpellError\">Precht<\/span> zeigte jedenfalls deutlich, dass er Karl Marx offensichtlich niemals gelesen hat. Deswegen bieten wir mit dem nachfolgenden Auszug dem Bestseller- und Podcast-Philosophen einen Anreiz auf Marx, vielleicht liest er ihn dann. Marx ging nicht staunend durch St\u00e4dte, sondern erkennend und verstehend, von tiefem Wissen um die Dinge angetrieben. (Noch lieber als durch St\u00e4dte ging Marx allerdings in die Bibliothek des British Museum in London und sog die Welt in sich auf.) Wie sein Kumpel Friedrich Engels war Marx 1848 schon wesentlich weiter, als <span class=\"hiddenSpellError\">Precht<\/span> je kommen wird. Marx war au\u00dferdem etwas, was <span class=\"hiddenSpellError\">Precht<\/span> gerne w\u00e4re: ein ernsthafter Philosoph. Und was f\u00fcr einer.<\/p>\n<p>Karl Marx\/Friedrich Engels (Kommunistisches Manifest, 1848, Auszug)<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Bourgeoisie hat das Land der Herrschaft der Stadt unterworfen. Sie hat enorme St\u00e4dte geschaffen, sie hat die Zahl der st\u00e4dtischen Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber der l\u00e4ndlichen in hohem Grade vermehrt, und so einen bedeutenden Teil der Bev\u00f6lkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen. Wie sie das Land von der Stadt, hat sie die barbarischen und halbbarbarischen L\u00e4nder von den zivilisierten, die Bauernv\u00f6lker von den Bourgeoisv\u00f6lkern, den Orient vom Okzident abh\u00e4ngig gemacht.\u201c (&#8230;) \u201eDie Bourgeoisie hat in ihrer kaum hundertj\u00e4hrigen Klassenherrschaft massenhaftere und kolossalere Produktionskr\u00e4fte geschaffen, als alle vergangenen Generationen zusammen. Unterjochung der Naturkr\u00e4fte, Maschinerie, Anwendung der Chemie auf Industrie und Ackerbau, Dampfschifffahrt, Eisenbahnen, elektrische Telegraphen, Urbarmachung ganzer Weltteile, Schiffbarmachung der Fl\u00fcsse, ganze aus dem Boden hervorgestampfte Bev\u00f6lkerungen \u2013 welch fr\u00fcheres Jahrhundert ahnte, dass solche Produktionskr\u00e4fte im Scho\u00df der gesellschaftlichen Arbeit schlummerten.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n<figure id=\"attachment_8267\" aria-describedby=\"caption-attachment-8267\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-8267\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/socialist-ge7c9c11f2_640.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"426\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/socialist-ge7c9c11f2_640.jpg 640w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/socialist-ge7c9c11f2_640-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/socialist-ge7c9c11f2_640-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8267\" class=\"wp-caption-text\">Karl Marx. Die ihn nie gelesen, benutzen ihn besonders gern. (Foto: Mary Blank auf Pixabay)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Weil wir ihn schon erw\u00e4hnt, sei f\u00fcr die Lernkurve von Herrn Precht diesem noch eine Passage von Herbert Marcuse (\u201eVernunft und Revolution\u201c, 1962) mit auf den Weg gegeben:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Marx\u2019schen Kategorien zielten auf eine neue Form der Gesellschaft ab, selbst wenn sie ihre herk\u00f6mmliche beschreiben. Ihrem Wesen nach wenden sie sich einer Wahrheit zu, die nur durch die Abschaffung der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft zu erreichen ist. Marx zufolge besteht die richtige Theorie im Bewusstsein einer Praxis, die auf die Ver\u00e4nderung der Welt abzielt.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\"><em>*Titelbild: Richard David Precht (Screenshot Schweizer TV)<\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schweizer Zeitung Blick wollte dem Leser etwas Kluges g\u00f6nnen. 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