{"id":8287,"date":"2022-03-17T00:03:35","date_gmt":"2022-03-16T23:03:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=8287"},"modified":"2022-03-24T10:34:28","modified_gmt":"2022-03-24T09:34:28","slug":"kissinger-und-die-ukraine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=8287","title":{"rendered":"Kissinger und die Ukraine"},"content":{"rendered":"<p>Es soll hier haupts\u00e4chlich um einen gewichtigen Text gehen, der vor langer Zeit am 5. M\u00e4rz 2014 unter dem Titel <strong>\u201eHenry Kissinger: To settle the Ukraine crisis, start at the end\u201c<\/strong> in der Washington Post erschien, \u00fcber die Jahre hinweg fast prophetische Gedanken offenbart und vor Aktualit\u00e4t spr\u00fcht. (Wer sofort zu diesem Kissinger Originaltext in seiner vollst\u00e4ndigen Fassung und deutschen \u00dcbersetzung m\u00f6chte, ohne von biografischen Vorbemerkungen oder einer Autorenmeinung \u00fcber Kissinger gest\u00f6rt zu werden, der scrolle bitte bis unter das Logo-Foto der Washington Post.) Blicken wir zuerst als kleine Ged\u00e4chtnisst\u00fctze auf den inzwischen 98 Jahre alten Henry Kissinger, weil dieser einer j\u00fcngeren Generation langsam aus dem Ged\u00e4chtnis flattert oder in selbigem nie vorhanden. Danach soll es um den genannten Text dieses Jahrhundertdiplomaten gehen, den die politische Klasse im Westen wie im Osten h\u00e4tte beachten und beherzigen sollen. Wom\u00f6glich w\u00e4re aus dem Ukrainekonflikt kein Krieg geworden.<\/p>\n<p>\u201e<span class=\"hiddenSpellError\">D\u00e9tente<\/span>\u201c meint die Entspannung angespannter Beziehungen, insbesondere politischer, durch verbale Kommunikation im Umgang der Gro\u00dfm\u00e4chte untereinander und war immer die Maxime dieses legend\u00e4ren wie umstrittenen Politikers. Henry Kissinger, Jahrgang 1923, geboren in F\u00fcrth\/Deutschland, Harvard-Professor, Autor von \u201eKernwaffen und ausw\u00e4rtige Politik\u201c, <span class=\"hiddenGrammarError\">Nationaler<\/span> Sicherheitsberater (1969-1975) und Au\u00dfenminister (1973-1977) unter den US-Pr\u00e4sidenten Richard Nixon und Gerald Ford. Besonders in den Jahren 1973 bis 1975 mit enormer Machtf\u00fclle ausgestattet. Unter der Fuchtel von Richard Nixon, aber auch als dessen Mephisto betrieb dieser Henry Kissinger schlimme Dinge. Ob das Hochdrehen der wahnwitzigen Kriegsspirale inklusive grausiger Fl\u00e4chenbombardements in Vietnam, Laos und Kambodscha oder der Sturz von Chiles gew\u00e4hltem Pr\u00e4sidenten Salvador Allende. Alles davon darf einen bis zum heutigen Tag entsetzen. Die britische Sunday Times schrieb 1974: <em>\u201eSelbst Nixon d\u00fcrfte nicht ganz verstanden haben, was Kissinger alles in seinem Namen tat.&#8220;<\/em> Moral und Anstand geh\u00f6ren nicht unbedingt zur Ausstattung von Politikern globaler M\u00e4chte. Die letzte positive Ausnahme mag dahingehend Franklin D. Roosevelt gewesen sein, vielleicht Michael Gorbatschow. Nat\u00fcrlich hinkt der Vergleich ein wenig. Roosevelt war ein enorm versierter Politiker, extrem kluger Kopf, Vater des Sozialprogramms \u201eNew Deal\u201c und Sieger \u00fcber Hitler, vielleicht der gr\u00f6\u00dfte US-Pr\u00e4sident der Geschichte. Wogegen Gorbatschow im R\u00fcckblick wohl eher naiver Laienspieler und g\u00fctiger Narr, ein Tr\u00e4umer.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu Henry Kissinger, der im Leben vieles war, aber mit Sicherheit kein verkappter \u201eLinker\u201c und selbst im hohen Alter als Pension\u00e4r und sagenumwobener <span class=\"hiddenSpellError\">Elder<\/span>\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Statesman<\/span> bestimmt kein Freund Wladimir Putins. Kissinger war immer eitel und an Popularit\u00e4t wie ein Popstar interessiert. Gemocht werden wollte er nicht, eher faszinieren. Um echte Zuneigung abzuernten, war er im falschen Job unterwegs. Man muss ihn nicht m\u00f6gen. Der Autor dieser Zeilen tut es jedenfalls in sehr vielen Bereichen nicht und kann doch den erstaunlichen Lebensweg des deutschen Emigranten und j\u00fcdischen Fl\u00fcchtlings bestaunen und respektieren. Teile von Kissingers Politik darf man anerkennen, andere Teile wahrlich ablehnen und verurteilen. Diese fast mythische Gestalt Kissinger war nie ein Heiliger, sondern auch nur ein sterblicher Mensch, was er selber ein ums andere Mal zu vergessen schien. Als der greise Mao <span class=\"hiddenSpellError\">Tse-tung<\/span>\u00a0seinen Gast Kissinger kennenlernte, war die erste Frage des Herrschers der Chinesen:\u00a0<em><span class=\"hiddenGrammarError\">\u201e<\/span>Wie kann ein so kleiner dicker Mann solchen Erfolg bei Frauen haben?<\/em> Kissingers Antwort: <em>\u201eEs ist die Politik, Herr Vorsitzender. Macht ist das gr\u00f6\u00dfte Aphrodisiakum.\u201c\u00a0<\/em>Mao soll sich k\u00f6stlich und wissend am\u00fcsiert haben. (Im Verlauf der Verhandlungen bot Mao dem erstaunten Kissinger angeblich 10 Millionen chinesische Frauen f\u00fcr die USA an, weil die sowieso nur Kinder bek\u00e4men, von denen man schon genug h\u00e4tte. So redet eben ein wahrer Gewaltherrscher, Potentat und \u201eGro\u00dfer Vorsitzender\u201c. Da verschlug es selbst dem abgebr\u00fchten Diplomaten Kissinger f\u00fcr einen Moment die Sprache, bis er dann in einer Form ablehnte, welche dem Gastgeber keinen Gesichtsverlust bescherte. So geht es zu bei Hofe.)<\/p>\n<figure id=\"attachment_8314\" aria-describedby=\"caption-attachment-8314\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-8314\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/CR-1024x576.png\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/CR-1024x576.png 1024w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/CR-300x169.png 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/CR-768x432.png 768w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/CR-1536x864.png 1536w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/CR.png 1685w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8314\" class=\"wp-caption-text\">Kissinger der Welterkl\u00e4rer: Interview mit Charlie Rose. (Screenshot: PBS TV)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Neben Anekdoten und Erfolgen nat\u00fcrlich furchtbare Taten, die ihm den Jubel der Rechten und Konservativen in den USA und dort die Gegnerschaft von Demokraten und Liberalen einbrachten. Kissinger wusste allerdings nicht nur das Schwert drohend zu f\u00fchren. Die Instrumente der Diplomatie gestaltend zu nutzen, war ihm ebenfalls gegeben. Mit Gro\u00dfm\u00e4chten immer wieder reden und niemals den Kontakt einfrieren lassen, auf der anderen Seite kleine Staaten und Einflusssph\u00e4ren eher aus der Sicht eines B-52 Bombers betrachten und behandeln. So umschrieb einmal die SZ-Journalistin Franziska Augstein den ehemaligen US-Au\u00dfenminister, der im pers\u00f6nlichen Umgang charmant, gewinnend und stets freundlich sein soll. In Paris gelang ihm gemeinsam mit seinem Gegen\u00fcber <span class=\"hiddenSpellError\">L\u00ea<\/span>\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">\u0110\u1ee9c<\/span>\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Th\u1ecd<\/span> ein Verhandlungsfrieden f\u00fcr Vietnam. Wackelig, aber immerhin. <span class=\"hiddenSpellError\">L\u00ea<\/span>\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">\u0110\u1ee9c<\/span>\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Th\u1ecd und Kissinger bekamen daf\u00fcr beide den Friedensnobelpreis. Der Vietnamese lehnte ab, Kissinger nicht. <\/span>Im Nahen Osten half Kissingers Pendeldiplomatie (1974) nach dem Jom-Kippur-Krieg (1973) einen tragf\u00e4higen, wenn auch fragilen Frieden zu schmieden. Richard Nixons Sprung nach China war eine politische Jahrhunderttat, Kissinger bereitete diese emsig und akribisch vor, wusste er doch schon Anfang der Siebzigerjahre Chinas rasant wachsende Bedeutung in der Welt rational vorauszuahnen.<\/p>\n<p><span data-offset-key=\"9ri94-2-0\">Parallel zum China-Engagement wurde Richtung Russland (Sowjetunion) zwischen 1969 und 1974 trotz tiefgreifender Gegens\u00e4tze eine Politik der Entspannung durch Richard Nixon und Henry Kissinger praktiziert. Auf der Seite der Sowjetunion taten es ihnen die zu diesem Zeitpunkt noch nicht vergreisten und verstockten Leonid Breschnew und Andrei Gromyko gleich. Kalte Krieger auf beiden Seiten, die aus harter Gegnerschaft dennoch keine Feindschaft wachsen lie\u00dfen. (Der grobk\u00f6rnige Kommunistenf\u00fchrer Breschnew raste noch mit einem Lincoln Continental, Geschenk der US-Regierung, robust \u00fcber die Stra\u00dfen von Camp David, dem Wochenendsitz der US-Pr\u00e4sidenten und jagte dem Beifahrer Nixon ob des kreativen Fahrstils einige Angst ein. So nah waren sich einst die Herren der Welt aus Washington und Moskau.) F\u00fcr diese \u201eD\u00e9tente\u201c mit den Sowjets, wurde besonders Kissinger von den Reaktion\u00e4ren in den USA angefeindet. Jene, die dem Krieg von Natur aus immer n\u00e4her als dem Frieden und Kissinger f\u00fcr Bomben auf Vietnam lobten, verteufelten ihn wegen seiner Politik des Ausgleichs mit Russland und China. Kissinger blieb unbeirrbar. Er war nicht etwa vom Falken zu einer Taube mutiert, doch den kriegerischen Aufprall USA-Russland-China wollte dieser k\u00fchle Analytiker unbedingt verhindern. Nicht um jeden Preis, aber solange es irgend geht. Darin ein St\u00fcck weit auch Zyniker der Macht. Texanische \u00d6lbarone, die Oligarchen ihrer Zeit, drohten Richard Nixon, diesem keine Spenden f\u00fcr Wahlk\u00e4mpfe mehr zukommen zu lassen, so er nicht Kissinger entl\u00e4sst. Nixon nahm es gelassen, winkte den Herren im Gegenzug mit der Steueraufsicht und lie\u00df Kissinger im Amt. <\/span><\/p>\n<p><span data-offset-key=\"9ri94-2-0\">Weggef\u00e4hrten, Hasser, Freunde und Gegner Kissingers haben diesem allesamt eines nie abgesprochen, den politischen Blick f\u00fcr globale Zusammenh\u00e4nge und ein treffsicheres Gesp\u00fcr f\u00fcr das Momentum der Diplomatie. Ein intellektueller Politiker, der sein Leben lang Diplomatie im Weltma\u00dfstab als sein eigentliches Terrain sah und betrieb, ob in einem Amt oder ohne. (Egon\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Bahr<\/span> soll gesagt haben, Kissinger geh\u00f6re zu den drei Politikern, mit denen er in seinem Leben am liebsten zu tun gehabt habe.) Kissinger kam Beobachtern oft wie ein Mix aus <span class=\"hiddenSpellError\">Castlereagh<\/span>, Metternich, Talleyrand und Bismarck der Neuzeit vor. Wie diese ist auch Kissinger in seinem tiefsten Innern sicher ein Reaktion\u00e4r gewesen und in manchen Dingen geblieben. Anders w\u00e4re man bestimmt nicht Nationaler Sicherheitsberater und Au\u00dfenminister der USA geworden. Wenige Politiker in der zweiten H\u00e4lfte des letzten Jahrhunderts haben in ihrer aktiven Zeit, im Guten wie im Schlechten, eine Epoche politisch so nachhaltig beeinflusst und mitgepr\u00e4gt wie Henry Kissinger.<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_8312\" aria-describedby=\"caption-attachment-8312\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-8312\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/t_cf4fec19a1154a308e20d4c1896283d7_name_washpost_liveevent_default_thumbnail-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/t_cf4fec19a1154a308e20d4c1896283d7_name_washpost_liveevent_default_thumbnail-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/t_cf4fec19a1154a308e20d4c1896283d7_name_washpost_liveevent_default_thumbnail-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/t_cf4fec19a1154a308e20d4c1896283d7_name_washpost_liveevent_default_thumbnail-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/t_cf4fec19a1154a308e20d4c1896283d7_name_washpost_liveevent_default_thumbnail-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/t_cf4fec19a1154a308e20d4c1896283d7_name_washpost_liveevent_default_thumbnail.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8312\" class=\"wp-caption-text\">Ort der gewichtigen Wortmeldung (2014) Henry Kissingers zum Thema Ukraine.<\/figcaption><\/figure>\n<p>In dem nachfolgenden und mittlerweile acht Jahre alten Kissinger-Beitrag finden wir vieles treffend vorausgedacht, was uns heute im Gesamtbild Ukrainekrieg entsetzt, Tag um Tag mehr besorgt. \u00c4u\u00dferst interessant sind am Ende von Kissingers Ausf\u00fchrungen konkrete Vorschl\u00e4ge (vier Punkte), was h\u00e4tte passieren m\u00fcssen, um zu vermeiden, was wir heute erleben. W\u00e4re man Kissingers Rat gefolgt, h\u00e4tte sich im Ukrainekonflikt h\u00f6chstwahrscheinlich ein anderer Weg finden lassen. (Auf Politiker au\u00dfer Dienst h\u00f6ren allerdings Politiker im Dienst eher selten, selbst wenn diese \u201eEhemaligen\u201c Kissinger hei\u00dfen und auf der richtigen F\u00e4hrte sind.) <span class=\"hiddenGrammarError\">Nun<\/span> geht das Wort nach einem viel zu langen Vorspiel also ausschlie\u00dflich an den zuvor skizzenhaft portr\u00e4tierten Elder Statesman und seinen Washington Post Beitrag aus dem Jahr 2014:<\/p>\n<p><strong>Henry Kissinger: To settle the Ukraine crisis, start at the end<\/strong><\/p>\n<p>\u201eIn der \u00f6ffentlichen Diskussion \u00fcber die Ukraine dreht sich alles um Konfrontation. Aber wissen wir denn, wohin wir gehen? In meinem Leben habe ich vier Kriege erlebt, die mit gro\u00dfem Enthusiasmus und \u00f6ffentlicher Unterst\u00fctzung begonnen wurden, von denen wir alle nicht wussten, wie sie enden sollten, und aus drei davon haben wir uns einseitig zur\u00fcckgezogen. Der Test f\u00fcr die Politik ist, wie sie endet, nicht wie sie beginnt. Viel zu oft wird die ukrainische Frage als Showdown dargestellt: ob sich die Ukraine dem Osten oder dem Westen anschlie\u00dft. Wenn die Ukraine jedoch \u00fcberleben und gedeihen soll, darf sie nicht der Vorposten der einen Seite gegen die andere sein &#8211; sie sollte als Br\u00fccke zwischen beiden Seiten fungieren.<\/p>\n<p>Russland muss akzeptieren, dass der Versuch, die Ukraine in einen Satellitenstatus zu zwingen und damit die Grenzen Russlands erneut zu verschieben, Moskau dazu verdammen w\u00fcrde, seine Geschichte der sich selbst erf\u00fcllenden Zyklen des gegenseitigen Drucks im Verh\u00e4ltnis zu Europa und den Vereinigten Staaten zu wiederholen. Der Westen muss verstehen, dass die Ukraine f\u00fcr Russland niemals nur ein fremdes Land sein kann. Die russische Geschichte begann in der sogenannten Kiewer Rus. Von dort aus verbreitete sich die russische Religion. Die Ukraine ist seit Jahrhunderten Teil Russlands, und die Geschichte der beiden L\u00e4nder war schon vorher miteinander verflochten. Einige der wichtigsten Schlachten f\u00fcr die Freiheit Russlands, angefangen mit der Schlacht von\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Poltawa<\/span>\u00a0im Jahr 1709, wurden auf ukrainischem Boden geschlagen. Die Schwarzmeerflotte<span class=\"hiddenGrammarError\">\u00a0&#8211;\u00a0<\/span>Russlands Machtmittel im Mittelmeer<span class=\"hiddenGrammarError\">\u00a0&#8211;\u00a0<\/span>ist langfristig in Sewastopol auf der Krim stationiert. Selbst so ber\u00fchmte Dissidenten wie Alexander\u00a0<span class=\"hiddenSpellError\">Solschenizyn<\/span> und Joseph Brodsky betonten, dass die Ukraine ein integraler Bestandteil der russischen Geschichte und sogar Russlands sei. Die Europ\u00e4ische Union muss erkennen, dass ihre b\u00fcrokratische Tr\u00e4gheit und die Unterordnung des strategischen Elements unter die Innenpolitik bei den Verhandlungen \u00fcber die Beziehungen der Ukraine zu Europa dazu beigetragen haben, dass aus einer Verhandlung eine Krise wurde. Au\u00dfenpolitik ist die Kunst, Priorit\u00e4ten zu setzen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-8323\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/ukraine-politische-karte-max.jpg\" alt=\"\" width=\"740\" height=\"532\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/ukraine-politische-karte-max.jpg 740w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/ukraine-politische-karte-max-300x216.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 740px) 100vw, 740px\" \/><\/p>\n<p>Die Ukrainer sind das entscheidende Element. Sie leben in einem Land mit einer komplexen Geschichte und einer polyglotten Zusammensetzung. Der westliche Teil wurde 1939 in die Sowjetunion eingegliedert, als Stalin und Hitler die Beute aufteilten. Die Krim, deren Bev\u00f6lkerung zu 60 Prozent russisch ist, wurde erst 1954 Teil der Ukraine, als Nikita Chruschtschow, ein geb\u00fcrtiger Ukrainer, sie im Rahmen der 300-Jahr-Feier eines russischen Abkommens mit den Kosaken sie der Ukraine zusprach. Der Westen ist weitgehend katholisch, der Osten weitgehend russisch-orthodox. Im Westen wird Ukrainisch gesprochen, im Osten \u00fcberwiegend Russisch. Jeder Versuch eines Fl\u00fcgels der Ukraine, den anderen zu dominieren<span class=\"hiddenGrammarError\">\u00a0&#8211;\u00a0<\/span>wie es bisher der Fall war<span class=\"hiddenGrammarError\">\u00a0&#8211;\u00a0<\/span>w\u00fcrde letztendlich zu einem B\u00fcrgerkrieg oder zum Auseinanderbrechen des Landes f\u00fchren. Die Ukraine als Teil einer Ost-West-Konfrontation zu behandeln, w\u00fcrde jede Aussicht, Russland und den Westen &#8211; insbesondere Russland und Europa <span class=\"hiddenGrammarError\">&#8211; <\/span>in ein kooperatives internationales System zu bringen, f\u00fcr Jahrzehnte zunichtemachen. Die Ukraine ist erst seit 23 Jahren unabh\u00e4ngig; zuvor stand sie seit dem 14. Jahrhundert unter einer Art Fremdherrschaft. Es \u00fcberrascht nicht, dass ihre F\u00fchrer die Kunst des Kompromisses nicht gelernt haben und noch weniger die historische Perspektive. Die Politik der Ukraine nach ihrer Unabh\u00e4ngigkeit zeigt deutlich, dass die Wurzel des Problems in den Bem\u00fchungen der ukrainischen Politiker liegt, widerspenstigen Teilen des Landes ihren Willen aufzuzwingen, erst von der einen, dann von der anderen Seite. Das ist der Kern des Konflikts zwischen Viktor Janukowitsch und seiner wichtigsten politischen Rivalin, Julia Timoschenko. Sie repr\u00e4sentieren die beiden Fl\u00fcgel der Ukraine und waren nicht bereit, die Macht zu teilen. Eine kluge US-Politik gegen\u00fcber der Ukraine w\u00fcrde einen Weg suchen, wie die beiden Teile des Landes miteinander kooperieren k\u00f6nnen. Wir sollten uns um Vers\u00f6hnung bem\u00fchen, nicht um die Vorherrschaft einer Fraktion.<\/p>\n<p>Russland und der Westen, und am wenigsten die verschiedenen Fraktionen in der Ukraine, haben nicht nach diesem Prinzip gehandelt. Jeder hat die Situation verschlimmert. Russland w\u00e4re nicht in der Lage, eine milit\u00e4rische L\u00f6sung durchzusetzen, ohne sich in einer Zeit zu isolieren, in der viele seiner Grenzen bereits prek\u00e4r sind. F\u00fcr den Westen ist die D\u00e4monisierung von Wladimir Putin keine Politik, sondern ein Alibi f\u00fcr das Fehlen einer Politik. Putin sollte begreifen, dass eine Politik der milit\u00e4rischen Zumutungen &#8211; ungeachtet seiner Beschwerden &#8211; zu einem neuen Kalten Krieg f\u00fchren w\u00fcrde. Die Vereinigten Staaten ihrerseits m\u00fcssen vermeiden, Russland als einen Abweichler zu behandeln, dem man geduldig die von Washington aufgestellten Verhaltensregeln beibringen muss. Putin ist ein ernst zu nehmender Stratege &#8211; unter den Pr\u00e4missen der russischen Geschichte. Amerikanische Werte und Psychologie zu verstehen, ist nicht seine St\u00e4rke. Das Verst\u00e4ndnis der russischen Geschichte und Psychologie war auch nicht die St\u00e4rke der US-Politiker.<\/p>\n<figure id=\"attachment_8327\" aria-describedby=\"caption-attachment-8327\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-8327\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/HK2-1024x577.png\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"361\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/HK2-1024x577.png 1024w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/HK2-300x169.png 300w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/HK2-768x432.png 768w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/HK2.png 1188w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8327\" class=\"wp-caption-text\">Kissinger: Hochbetagt. Analysestark. Mit konkreten Vorstellungen. (Screenshot: TV Doku Kissinger)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die f\u00fchrenden Politiker aller Seiten sollten sich wieder auf die Pr\u00fcfung von Ergebnissen konzentrieren, anstatt sich in Posen zu ergehen. Hier ist meine Vorstellung von einem Ergebnis, das mit den Werten und Sicherheitsinteressen aller Seiten vereinbar ist:<\/p>\n<p><span data-offset-key=\"3l06b-0-0\">1. Die Ukraine sollte das Recht haben, ihre wirtschaftlichen und politischen <\/span><span id=\"decorator-corrected-entity-id-25\" data-entity-key=\"25\" data-offset-key=\"3l06b-1-0\"><span data-offset-key=\"3l06b-1-0\">Verbindungen auch<\/span><\/span><span data-offset-key=\"3l06b-2-0\"> mit <\/span><span id=\"decorator-corrected-entity-id-27\" data-entity-key=\"27\" data-offset-key=\"3l06b-3-0\"><span data-offset-key=\"3l06b-3-0\">Europa frei<\/span><\/span><span data-offset-key=\"3l06b-4-0\"> zu w\u00e4hlen.<\/span><\/p>\n<p>2. Die Ukraine sollte nicht der NATO beitreten, eine Position, die ich vor sieben Jahren vertrat, als sie das letzte Mal zur Sprache kam.<\/p>\n<p>3. Die Ukraine sollte die Freiheit haben, jede Regierung zu bilden, die mit dem ausdr\u00fccklichen Willen ihres Volkes vereinbar ist. Kluge ukrainische F\u00fchrer w\u00fcrden sich dann f\u00fcr eine Politik der Vers\u00f6hnung zwischen den verschiedenen Teilen ihres Landes entscheiden. Auf internationaler Ebene sollten sie eine Haltung einnehmen, die mit der Finnlands vergleichbar ist. Dieses Land l\u00e4sst keinen Zweifel an seiner starken Unabh\u00e4ngigkeit aufkommen und kooperiert in den meisten Bereichen mit dem Westen, vermeidet aber sorgf\u00e4ltig eine institutionelle Feindschaft gegen\u00fcber Russland.<\/p>\n<p>4. Es ist mit den Regeln der bestehenden Weltordnung unvereinbar, dass Russland die Krim annektiert. Aber es sollte m\u00f6glich sein, das Verh\u00e4ltnis der Krim zur Ukraine auf eine weniger belastete Grundlage zu stellen. Zu diesem Zweck w\u00fcrde Russland die Souver\u00e4nit\u00e4t der Ukraine \u00fcber die Krim anerkennen. Die Ukraine sollte die Autonomie der Krim durch Wahlen st\u00e4rken, die im Beisein internationaler Beobachter abgehalten werden. Im Rahmen dieses Prozesses sollten auch alle Unklarheiten \u00fcber den Status der Schwarzmeerflotte in Sewastopol beseitigt werden.<\/p>\n<p>Es handelt sich um Grunds\u00e4tze, nicht um Verordnungen. Wer die Region kennt, wei\u00df, dass nicht alle von ihnen allen Parteien schmecken werden. Der Test ist nicht absolute Zufriedenheit, sondern ausgewogene Unzufriedenheit. Wenn eine L\u00f6sung, die auf diesen oder vergleichbaren Elementen beruht, nicht erreicht wird, wird sich das Abdriften in Richtung Konfrontation beschleunigen. Die Zeit daf\u00fcr wird fr\u00fch genug kommen.\u201c<\/p>\n<p>Autor: Henry Kissinger, Washington Post, 5. M\u00e4rz 2014<\/p>\n<p>(Landkarte und Foto im Text von Kissinger stammen nicht aus dem Originalbeitrag der Washington Post.)<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\"><em>*Titelbild: Henry Kissinger in TV Diskussion (Screenshot)<\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es soll hier haupts\u00e4chlich um einen gewichtigen Text gehen, der vor langer Zeit am 5. M\u00e4rz 2014 unter dem Titel \u201eHenry Kissinger: To settle the Ukraine crisis, start at the end\u201c in der<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":8289,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[231],"tags":[2158,3312,1971,2086,3320,3222,107,1654,1874,3313,198,3310,2149,3314,796,385,3325,3326,501,3321,1038,31,377,476,3316,365,1914,3315,66,701,1526,695,3322,3311,122,2332,3059,3319,3318,1408,3317],"class_list":["post-8287","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-interessantes","tag-augstein","tag-aussenminister","tag-charlie","tag-chile","tag-detente","tag-diplomatie","tag-frage","tag-frauen","tag-gast","tag-gestalt","tag-kinder","tag-kissinger","tag-klasse","tag-konservativen","tag-krieg","tag-leben","tag-lebensweg","tag-linker","tag-macht","tag-mao","tag-mensch","tag-millionen","tag-nixon","tag-osten","tag-pensionaer","tag-politik","tag-putin","tag-roosevelt","tag-rose","tag-russland","tag-sicherheit","tag-sowjets","tag-stratege","tag-sturz","tag-teile","tag-text","tag-ukraine","tag-vietnam","tag-welterklaerer","tag-westen","tag-wortmeldung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8287","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8287"}],"version-history":[{"count":142,"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8287\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8465,"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8287\/revisions\/8465"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/8289"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8287"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8287"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8287"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}