{"id":913,"date":"2021-06-21T12:26:43","date_gmt":"2021-06-21T10:26:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=913"},"modified":"2021-06-25T19:51:03","modified_gmt":"2021-06-25T17:51:03","slug":"gezaenk-am-abgrund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=913","title":{"rendered":"Gez\u00e4nk am Abgrund"},"content":{"rendered":"<p>Sarah Wagenknecht, hervorstechende Pers\u00f6nlichkeit der Linkspartei im Abseits, dachte \u00fcber den Zustand der Welt und das Wahlverhalten vieler B\u00fcrger hierzulande nach. Dieses legte sie auf die Waage der Alltagstauglichkeit von Politik und Phrase. Das Ergebnis landete zwischen Buchdeckeln. Die ehemalige Frontfrau der Bundestagsfraktion der Linken wird von Freund und Feind gleicherma\u00dfen als \u00e4u\u00dferst klug eingestuft. Sie innerhalb und au\u00dferhalb ihrer Partei an den Rand zu dr\u00e4ngen, dabei keine pers\u00f6nliche Verunglimpfung und Durchstecherei auszulassen, war 2018\/2019 ein gro\u00dfes B\u00fcndnis aus Medien, rechten und linken Zwergen in allen Parteien von erheblicher Zahl n\u00f6tig. Seither ist sie dem Gatten Oskar Lafontaine oder der wandelnden One-Man-Show Gregor Gysi nicht un\u00e4hnlich. Eher eine argumentierende Ich-AG als eine Parteik\u00e4mpferin. Man kann es ihr nicht verdenken. \u00dcbel nehmen darf man ihr schon die Funktion einer Focus-Kolumnistin, so man die politische Richtung dieses Blattes vor Augen. Darin wieder Oskar Lafontaine nicht un\u00e4hnlich, der sich problemlos wie besch\u00e4mend der Bildzeitung andiente.<\/p>\n<p>In ihrem Buch trifft Wagenknecht den Ton und tritt dem Zeitgeist und seinen Predigern auf die F\u00fc\u00dfe. Das angeblich so heikle Thema Diskussionskultur sparte sie ebenfalls nicht aus. Ein mittlerweile rauf und runter zitierter Satz des Buches lautet: \u201eWenn auch die linksliberalen Akademiker unserer Zeit einsehen w\u00fcrden, dass sie kein Recht haben, ihren Lebensentwurf zum Ma\u00dfstab progressiven Lebens zu machen und auf alle herabzuschauen, die anderen Werten folgen und eine andere Sicht auf die Welt haben, w\u00e4re viel gewonnen.\u201c Genau so etwas sorgt umgehend f\u00fcr vorhersehbaren Talkshowtrubel und dementsprechend hei\u00dfe Luft. Der Satz ist richtig und auch falsch. Es gibt vielerlei Akademiker aus allen politischen F\u00e4rbungen, die gerne auf andere herunter schauen. Bei Weitem kein linkes Alleinstellungsmerkmal. Wobei in Zeiten des Neoliberalismus Begrifflichkeiten wie links, rechts und Mitte l\u00e4ngst zur puren Ges\u00e4\u00dfgeografie verkommen sind, weil nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df. Junge Leute k\u00f6nnen mit solchen Schubladen und Zuordnungen schon lange nichts mehr anfangen.<\/p>\n<p>Lautmalerisch klingt es aktuell von Titelseiten, die Gesellschaft sei in Sachen Genderstern und Lebensstil tief gespalten in \u201eEntdecker\u201c und \u201eVerteidiger\u201c. Wahlk\u00e4mpfer und Parteien nutzen diese Spaltung und marschieren damit thematisch in die Bundestagswahl. Wie auf Bestellung liegt zum Thema nat\u00fcrlich eine passende Studie vor, wir sind schlie\u00dflich im Land der revolution\u00e4ren Bahnsteigkarte. Diese fasst jenen vorgeblichen Trend in Worte, welche dann von Experten medial aufgeblasen \u00fcber unseren K\u00f6pfen flattern. Ziehen wir die Menschen ab, die berufsbedingt vor Mikrofone und an Pulte treten oder laut Arbeitsvertrag Seiten f\u00fcllen und dabei t\u00e4glich erkl\u00e4ren, was die Deutschen so denken oder bitte zu denken haben, bleiben nicht mehr sehr viele Akteure an dieser Diskussion \u00fcber.<\/p>\n<p>Es gibt vor allem Menschen, die gar keine Wahl haben, ein progressives Leben zu f\u00fchren. Weder als \u201eEntdecker\u201c noch \u201eVerteidiger\u201c. Sie sind \u201eAusgeschlossene\u201c. Nach Erhebungen der Bertelsmann-Stiftung leben im Durchschnitt 2,8 Mio. Kinder und Jugendliche unter 18 in Armutsbedrohung. Rechnet man bescheiden nur einen Elternteil dazu, welcher das Umfeld bildet und ebenfalls arm ist, haben wir schon 5,6 Millionen Menschen, denen eine Gendersterndebatte keine Erl\u00f6sung bringt, die vom gro\u00dfen Spiel \u201eprogressiv leben\u201c per Armut ausgeschlossen sind. Nicht nur vom progressiv leben, sondern eben auch von abwechslungsreichen und gesunden Lebensmitteln, vor allem von Bildung. Ein neoliberales Glanzst\u00fcck f\u00fcr eine f\u00fchrende Wirtschaftsnation.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-920\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/41N6Uh8eTPL._SX350_BO1204203200_-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/41N6Uh8eTPL._SX350_BO1204203200_-212x300.jpg 212w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/41N6Uh8eTPL._SX350_BO1204203200_.jpg 352w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/p>\n<p>Diese Menschen leben in einer Welt, wo ein gendergerechter Duden kein Thema und der Bio-Markt und vegane Kost nicht erschwinglich. Welche Bezeichnung ein Ketchup tragen muss, damit dieser politisch korrekt, ist bei knurrendem Magen ebenfalls kein s\u00e4ttigender Gedanke. Im Unterschied zum knurrenden Magen schafft es die Ketchup-Flasche allerdings spielend in jede Talkshow. Sarah Wagenknecht st\u00f6rt diese Verschiebung in Richtung Abseitsthemen, die eine notwendige Diskussion \u00fcber soziale Unausgewogenheit, Renten, prek\u00e4re Arbeitsverh\u00e4ltnisse usw. in diesem Land immer weiter in den Hintergrund schiebt und unsichtbar macht. Es wird sich eben viel lieber um des Kaisers Bart gestritten, nicht um die Verh\u00e4ltnisse in seinem Reich. In NRW sind \u00fcbrigens einige Mitglieder der dort v\u00f6llig bedeutungslosen Linkspartei auf den Trichter gekommen, Sarah Wagenknecht aus der Linkspartei auszuschlie\u00dfen. Ihre Gedanken seien zu k\u00fchn und weit weg von der Parteilinie. Hat diese Linkspartei im Osten ihre Funktion als K\u00fcmmerer nachhaltig verspielt, so hat sie im Westen eher den Verstand verloren. Sektierer in ideologischer Verbohrtheit mit einer Menge Soziologengequatsche benehmen sich in der NRW-Linken, als h\u00e4tte man die Weltrevolution gewonnen und k\u00f6nne nach Moskauer Muster Schauprozesse f\u00fchren. Es fehlt noch ein Wyschinski und das Spektakel kann steigen.<\/p>\n<p>Eine linke Kanzlerkandidatin Wagenknecht machte keinerlei Sinn und w\u00e4re selbst in ihrer Partei weder durchsetzbar noch gew\u00fcnscht. Die Linkspartei steht am Abgrund, sp\u00fclt sich gerade im Klo der Geschichte selber herunter. Ins Trio Laschet, Baerbock, Scholz w\u00fcrde der Intellekt der Sarah Wagenknecht wie ein Fuchs in den H\u00fchnerstall fahren. Welch erfrischender Gedanke. Wobei, im Volk h\u00e4tte Wagenknecht auch keinen wirklichen Anklang. Wer analytisch denkt, ist auf deutschem Boden nicht wohl gelitten. Der letzte Zeitgenosse, der es sich auf dem Kanzlerstuhl noch erlaubte, war Helmut Schmidt. Er war dazu allerdings auch brillant in der Lage. Es brachte auch ihn in die Bredouille. Oskar Lafontaine, da k\u00f6nnte Sarah Wagenknecht am heimischen K\u00fcchentisch nochmals nachfragen, erkl\u00e4rte den Ostdeutschen en d\u00e9tail die Folgen der W\u00e4hrungsunion und der Einheit des Kohl-Weges. Die h\u00f6rten ihm zu, hielten dann Schilder hoch \u201eHelmut, nimm uns an die Hand, f\u00fchr uns ins Wirtschaftswunderland.\u201c Nun ja.<\/p>\n<p>Im Umgang mit Wagenknecht und dem angestrengten Versuch, diese in den eigenen Reihen klein zu halten oder final\u00a0 wegzufegen, k\u00f6nnte man der Linken einen Satz von Talleyrand in Erinnerung bringen: \u201eDas ist mehr als ein Verbrechen, das ist ein Fehler!&#8220; Weil die Linkspartei sich n\u00e4her an Marx w\u00e4hnt als an Talleyrand, sollte man diesem den Schlussvorhang lassen: \u201eHegel bemerkte irgendwo, dass alle gro\u00dfen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzuf\u00fcgen: das eine Mal als Trag\u00f6die, das andere Mal als Farce.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sarah Wagenknecht, hervorstechende Pers\u00f6nlichkeit der Linkspartei im Abseits, dachte \u00fcber den Zustand der Welt und das Wahlverhalten vieler B\u00fcrger hierzulande nach. 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