{"id":942,"date":"2021-06-22T09:45:21","date_gmt":"2021-06-22T07:45:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=942"},"modified":"2021-06-30T11:35:03","modified_gmt":"2021-06-30T09:35:03","slug":"charles-laughton","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=942","title":{"rendered":"Charles Laughton"},"content":{"rendered":"<p>Seinen Oscar bekam er f\u00fcr \u201eThe Private Life of Henry VIII.\u201c (GB, 1933). Dieser Henry liebte oder k\u00f6pfte am Ende keine Frauen mehr. Vor der letzten Gattin versteckte er in seinem Gewand einen H\u00fchnerfl\u00fcgel, um sp\u00e4ter gierig daran zu nagen. Der Tyrann als sabbernder Kindskopf. So etwas konnte Charles Laughton, dieser begnadete wie bewunderte Schauspieler, der 1899 in England geboren wurde und 1962 in Hollywood verstarb. Ein Sch\u00f6nling war er nie, seine Waffen waren Charakter, Handwerk und K\u00f6nnen. Dem Maler \u201eRembrandt\u201c (GB, 1936) gab er Stimme und Gesicht, spielte ihn so wie dieser malte, mit Besessenheit. Wer erinnert sich nicht an Laughtons Quasimodo im \u201eGl\u00f6ckner von Notre Dame\u201c (USA, 1939)? Nach ihm spielten immerhin Anthony Quinn und Anthony Hopkins diesen Gl\u00f6ckner, Schwergewichte der Schauspielzunft. An Laughton kam niemand heran. Dessen Kreatur litt an seiner Liebe zu Esmeralda wie ein pubertierender Schuljunge und hielt mit den steinernen Wasserspeiern hoch \u00fcber der Kathedrale Zwiesprache. Deren Teufelsfratzen machten ihm keine Furcht, er schmiegte sich hilfesuchend an sie. Wie von Amors Pfeil getroffen sprang er entfesselt auf die Riesenglocken, um seinem inneren Grauen T\u00f6ne zu geben. Was Liebe aus Menschen macht.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-945\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/b780x450.jpg\" alt=\"\" width=\"328\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/b780x450.jpg 328w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/b780x450-219x300.jpg 219w\" sizes=\"auto, (max-width: 328px) 100vw, 328px\" \/><\/p>\n<p>Trotz genialer Maskenbildner bleibt ein furchterregender Laughton im \u00e4u\u00dferen Schrecken auch feinnervig. In diesem maltr\u00e4tierten K\u00f6rper und verwirrten Geist ist das menschliche Element nicht untergegangen. Seine stillen Momente sind anr\u00fchrend. Wird er zum Narrenk\u00f6nig erhoben, ist seine Freude dar\u00fcber f\u00fcr den Zuschauer peinlich wie besch\u00e4mend, man kann kaum hinsehen. Seine Raserei gegen den Mob spielt Laughton auf einsamen H\u00f6hen des Schauspielberufes. Sicher seine spektakul\u00e4rste Rolle.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-947\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/90749b31114229055b73fcc2a631461ef64c9629-198x300.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/90749b31114229055b73fcc2a631461ef64c9629-198x300.jpg 198w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/90749b31114229055b73fcc2a631461ef64c9629-675x1024.jpg 675w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/90749b31114229055b73fcc2a631461ef64c9629-768x1165.jpg 768w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/90749b31114229055b73fcc2a631461ef64c9629-1013x1536.jpg 1013w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/90749b31114229055b73fcc2a631461ef64c9629.jpg 1055w\" sizes=\"auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px\" \/><\/p>\n<p>Sein Kapit\u00e4n der Bounty muss ebenfalls in so eine Verlosung. Dieser William Bligh ist von einer katzenhaften Brutalit\u00e4t. Ein Sadist aus Pflichtgef\u00fchl und Lust streift er in die \u201eMeuterei auf der Bounty\u201c (USA, 1935) mit den Augen \u00fcber das Deck, h\u00e4lt Ausschau nach Opfern. Setzt er sich in Bewegung, werden die Schritte dieser gedrungenen Gestalt federnd, sobald er die Chance auf Bestrafung wittert. Man verachtet diesen Schinder und schaut ihm dennoch im Zentrum jeder Widerw\u00e4rtigkeit gebannt zu. Dank Laughton ist diese Verfilmung ihren Nachfolgern \u00fcberlegen. Trevor Howard und Marlon Brando m\u00f6gen bitte Nachsicht mit diesem Urteil haben. In \u201eDas Gespenst von Canterville\u201c (GB, 1944) zeigt Laughton Spiellust in einer Kom\u00f6die. Sein feiger und spukender Ritter ist ein Juwel in diesem Genre.<\/p>\n<p>War die beste Rolle in Laughtons Berufsleben doch der Anwalt Sir Wilfrid Robarts aus \u201eZeugin der Anklage\u201c (USA, 1957)? Laughtons verbales Duell mit Marlene Dietrich ist l\u00e4ngst Legende. Der Plot genial, die Schauspieler exzellent in ihren Rollen. Ein abseitiges Highlight bis heute die aufdringliche Krankenschwester Miss Plimsoll, die dem Anwaltsfuchs den Cognac und die Zigarren verbietet. Gespielt von Elsa Lanchester, der Ehefrau von Charles Laughton. Regisseur Billy Wilder schw\u00e4rmte danach in h\u00f6chsten T\u00f6nen von Laughton. Laut Wilder war schon jede erste Szene von diesem perfekt und nicht zu verbessern. Doch Laughton wollte dem Regisseur stets Alternativen anbieten. Bei jeder dieser Wiederholungen \u00fcbertraf sich Laughton selbst, war anders und stets besser. Keine Facette war ihm fremd oder zu anstrengend. Wilder arbeitete mit den gr\u00f6\u00dften Schauspielern seiner Zeit, so etwas hatte er weder vorher noch danach erlebt. Er hielt Laughton f\u00fcr den besten Schauspieler jener \u00c4ra. In Wilders Kom\u00f6die \u201eDas M\u00e4dchen Irma la Douce\u201c (USA, 1963), wollte Laughton unbedingt den Wirt der Nutten und Zuh\u00e4lter im \u201eChez Moustache\u201c spielen. Wilder hatte von der Krebserkrankung Laughtons geh\u00f6rt, wollte sich einen Eindruck vom Freund machen. Laughton empfing Wilder am Pool. Er hatte sich die Todesbl\u00e4sse weggeschminkt und spielte einen Gesunden. Wilder war fasziniert, sah den kommenden Tod dennoch hinter der fulminanten Leistung durchschimmern. Die Rolle musste an einen anderen Schauspieler gehen. Laughton starb kurz nach dieser letzten Begegnung mit Wilder.<\/p>\n<p>Charles Laughton konnte auch das klein Format. Jede Nebenrolle wurde durch ihn geadelt. In Kubricks \u201eSpartacus\u201c (USA, 1960) ist er ein alter und gerissener Senator Sempronius Gracchus, der sich dem Machtmenschen Marcus Crassus entgegenstellt. In ihren Rollen standen sich dabei Laughton und Laurence Olivier gegen\u00fcber. Nach landl\u00e4ufiger Meinung die bedeutendsten Mimen ihrer Zeit. Beide waren sich in herzlicher Abneigung zugetan. Der dickliche und kleine Laughton und der schneidige wie selbstbewusste Olivier, da lag Branchensprengstoff in der Luft. Schauspielkollege Peter Ustinov, der ebenfalls zur Besetzung jenes Films geh\u00f6rte, gestaltet sp\u00e4ter ganze Soloabende mit Parodien auf die Begegnung dieser beider Gro\u00dfmeister ihrer Zunft und spielte deren Nicklichkeiten gen\u00fcsslich nach. In Hitchcocks \u201eFall Paradine\u201c (USA, 1947) spielt Laughton einen Richter, der die Angeklagte auf beunruhigende Weise anglotzt und der Anwaltsgattin die fleischige Hand t\u00e4tschelnd aufdr\u00e4ngelt. Laughton brauchte hier nur einen Augenaufschlag, um den Zuschauer anzuwidern.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-949\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/41tqKemhLL._SX323_BO1204203200_.jpg\" alt=\"\" width=\"325\" height=\"499\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/41tqKemhLL._SX323_BO1204203200_.jpg 325w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/41tqKemhLL._SX323_BO1204203200_-195x300.jpg 195w\" sizes=\"auto, (max-width: 325px) 100vw, 325px\" \/><\/p>\n<p>Auf der B\u00fchne muss er in Stratford ein legend\u00e4rer Lear gewesen sein. Der Beruf des Theaterschauspielers ist f\u00fcr den Moment und fl\u00fcchtig. Nichts davon l\u00e4sst sich bewahren. Nur Erz\u00e4hlungen \u00fcber eine Glanzleistung haben sich bis heute gehalten. Im Sommer 1947 spielt er in Hollywood und am Broadway Brechts \u201eGalileo Galilei\u201c auf der B\u00fchne. Brecht war da schon im Fokus von FBI und politischen Hexenj\u00e4gern. Der Kommunismusverdacht gegen jeden und alles raste durch die USA, auch ehemalige Emigranten waren pl\u00f6tzlich Verfolgte und Bespitzelte. Laughton lie\u00df sich nicht beirren, hielt zu Brecht. Am Premierenabend auch Brecht-Hasser und Spitzel im Publikum. Laughton verwandelt diesen historischen Theaterabend in einen Triumph f\u00fcr das St\u00fcck, den Dichter und f\u00fcr sich und seine Rolle. Das Haus tobte. Selbst die Brechtver\u00e4chter kapitulieren vor Laughtons Kunst. Ein Sieg des K\u00fcnstlers \u00fcber den Unverstand. So stellte Brecht sich die Welt vor. Dank Laughton erlebte er es nun. Ein kurzer Triumph. Wenige Monate nach der Premiere muss Brecht vor den \u201eAusschuss f\u00fcr unamerikanische Umtriebe\u201c, verl\u00e4sst danach die USA f\u00fcr immer. Laughton bleibt in seiner Wahlheimat und geht auf Tournee, sobald Rollenangebote unzureichend oder ihm nicht passen. Allein auf der B\u00fchne rezitiert er Tennyson, liest aus der Bibel, spricht die Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung oder gibt Shakespeare. S\u00e4le immer voll, das Publikum au\u00dfer Atmen, das Ende stets ein Triumph unter Jubelgeschrei.<\/p>\n<p>Fragment blieb \u201eI, Claudius\u201c (GB, 1935). Laughton als ein stotternder und hinkender Kaiser Claudius von anderer Leute Gnaden. Der Film schaffte nur einige gedrehte Einstellungen. Regisseur Josef von Sternberg musste aufgeben, das Werk blieb unvollendet. Die noch erhaltenen Szenen mit Laughton lassen sofort ahnen, was das Kino und seine Anh\u00e4nger f\u00fcr immer verloren. 1955 dreht Laughton seine einzige Regiearbeit \u201eDie Nacht des J\u00e4gers\u201c. Kongenialer Partner sein Hauptdarsteller Robert Mitchum. Der Film wird vom Publikum nicht begriffen und von der Kritik zerrissen. Laughton war seiner Zeit zu weit vorausgeeilt und erholte sich nie von diesem Schlag. Heute gilt der Streifen als Meisterwerk, wird in Kritikerumfragen stets zu den besten Filmen alle Zeiten gerechnet. Als diese Lesart sich endlich durchgesetzt hatte, war Laughton schon lange auf dem Friedhof Forest Lawn in den Hollywood Hills begraben. Die Erinnerung an diesen Ausnahmeschauspieler bleibt im Angesicht einiger seiner gr\u00f6\u00dften Rollen unvergessenen bis zum heutigen Tag. Laughton Filme lohnen. Hinsehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seinen Oscar bekam er f\u00fcr \u201eThe Private Life of Henry VIII.\u201c (GB, 1933). Dieser Henry liebte oder k\u00f6pfte am Ende keine Frauen mehr. 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