{"id":975,"date":"2021-06-24T17:27:12","date_gmt":"2021-06-24T15:27:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=975"},"modified":"2021-06-28T21:12:59","modified_gmt":"2021-06-28T19:12:59","slug":"generale","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.geradezu.de\/?p=975","title":{"rendered":"Generale"},"content":{"rendered":"<p>Zwischen der ersten und zweiten Runde der franz\u00f6sischen Regional- und Kommunalwahl l\u00e4sst die Wahlbeteiligung im politischsten Land des Kontinents aufhorchen. 33,9 Prozent Wahlberechtigte gingen an die Urnen, 66,1 Prozent blieben v\u00f6llig desinteressiert daheim. Man sp\u00fcrt die Sackgasse franz\u00f6sischer Innenpolitik, deren Endpunkt sich nat\u00fcrlich auf Europa niederschlagen wird. Frankreichs B\u00fcrger wissen um ihre Kraft, so sie gelbe Westen tragen und einen Traktor auf der Autobahn quer stellen. Niemand baut enthusiastischer Barrikaden. Diesem Szenario folgen Franzosen ohne Proklamation, spontan und mit dem n\u00f6tigen Zorn. Sie haben darin mehr Vertrauen als in Urneng\u00e4nge, an deren Ausgang ihre Stimmabgabe doch nur umgem\u00fcnzt oder gar missbraucht wird.<\/p>\n<p>Die Regionalwahl ist selbstredend kein Testlauf, aber ein Vorbote. Im n\u00e4chsten Jahr w\u00e4hlen die Franzosen ihren neuen Pr\u00e4sidenten oder die erste Pr\u00e4sidentin. Das Angebot kristallisiert sich heraus. Emmanuel Macron wird antreten, die zweite Amtszeit anstreben. Sein unbestreitbarer Verdienst besteht in der Erkenntnis, dass Frankreichs Parteienstaat sich \u00fcberlebt hat und in der Umsetzung jener Schlussfolgerung. Diese Konsequenz brachte ihm Kandidatur und Pr\u00e4sidentschaft 2017 ein. Jung, eloquent und \u00e4u\u00dferst gebildet personifizierte er einen Aufbruch. Ein neoliberaler Investmentbanker bleibt dennoch immer ein neoliberaler Investmentbanker. Pomp und beeindruckende Reden n\u00e4hren nicht den franz\u00f6sischen Bauern und w\u00e4rmen nicht die H\u00e4user in den Gro\u00dfst\u00e4dten. In Macrons Frankreich gehen Studenten an Essenausgaben f\u00fcr Obdachlose, weil sie sich selber nicht gen\u00fcgend Lebensmittel leisten k\u00f6nnen. Frankreich im Jahre 2021.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-978\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/PublicDomainPictures-auf-Pixabay-2.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/PublicDomainPictures-auf-Pixabay-2.jpg 640w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/PublicDomainPictures-auf-Pixabay-2-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p>Aus Macrons Amtszeit bleibt noch sein Schr\u00f6der-Moment haften. Er wollte Reformen auf den Weg bringen. Sozialabbau wird in unseren Breitengraden immer als \u201eReform\u201c tituliert. H\u00f6rt sich irgendwie auch beruhigender und ungef\u00e4hrlich an. \u201eFreund Hein\u201c war immer eine angenehmere Bezeichnung f\u00fcr den Tod. Fast einladend. Dieser Macron-Sozialabbauversuch scheiterte an den Franzosen der Unterschicht. Die zogen sich gelbe Warnwesten an und legten ein Land lahm. Manchmal regt sich noch der revolution\u00e4re Furor der Sansculotten in Frankreichs Volksseele. Macron ruderte in weiten Teilen gezwungenerma\u00dfen zur\u00fcck, seine zweite Amtszeit dabei fest im Visier. Die Franzosen suchen dennoch l\u00e4ngst nach Alternativen. Allein es fehlt das Angebot.<\/p>\n<p>Das zugespitzte Duell in der zweiten Runde 2022, welches dann \u00fcber den k\u00fcnftigen Pr\u00e4sidenten entscheidet, w\u00e4re eigentlich Marine Le Pen von der konservativen und nationalen Seite gegen Jean-Luc M\u00e9lenchon aus dem linken und internationalistischen Spektrum. Eine echte Richtungswahl. Beide schleppen Lasten in den Wahlkampf. Le Pen kann Macron gef\u00e4hrden, besiegen wohl eher nicht. Das alte Front National Image bekommt man schwerlich aus den Kleidern. M\u00e9lenchon polarisiert bis in den letzten Winkel. Er w\u00e4re mit seiner rhetorischen Kraft wohl einem Danton oder Robespierre im revolution\u00e4ren Konvent ebenb\u00fcrtig gewesen, hat manchmal etwas von einem Jakobiner. Den Kopf des K\u00f6nigs h\u00e4tte auch er sicher gefordert. Aber er schafft es nicht, die franz\u00f6sische Linke auf den Punkt zu einen, wo jeder lieber sein eigenes S\u00fcppchen kocht. Dieses Mitterrand-Gen, die Kr\u00e4fte gerissen zu b\u00fcndeln, hat er nicht in sich. Seine Brillanz und sprachliche Wucht allein wird ihn nicht \u00fcber die H\u00fcrden tragen. Das Duo Le Pen und M\u00e9lenchon elektrisiert nicht und l\u00e4uft aufs kleinste \u00dcbel hinaus. Da wachsen sofort wieder Macrons Chancen. Der verkauft sich noch als Europ\u00e4er, Le Pen und M\u00e9lenchon haben dagegen l\u00e4ngst Br\u00fcssel als Hort allen \u00dcbels im Auge und Ma\u00dfnahmen im Wahlgep\u00e4ck. Die EU-B\u00fcrokraten f\u00fcrchten sich zurecht. Ein Kanzler Laschet wird auf Macron setzen. In Le Pen oder M\u00e9lenchon wird er keine Tandempartner finden, sondern sich strecken m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Der Kampf um den \u00c9lys\u00e9e-Palast beginnt eher schleichend und nicht mit einem Fanfarensto\u00df. Kandidaten bringen sich in Stellung, schauen auf die Resonanz ihrer Kandidatur. Einer k\u00f6nnte noch spielend in das Pr\u00e4sidentenrennen gleiten und alles auf Anfang setzen. Ein General im Ruhestand. Pierre Le Jolis de Villiers de Saintignon. K\u00fcrzer: Pierre de Villiers, von 2014 bis 2017 Generalstabschef der franz\u00f6sischen Streitkr\u00e4fte, einer der besten Armeen der Welt. Pierre de Villiers trat 2017 von seinem Amt zur\u00fcck, er wollte Einsparungen bei den Streitkr\u00e4ften nicht mittragen und geriet dar\u00fcber in Konflikt mit dem Oberbefehlshaber, dem Pr\u00e4sidenten Macron. Der General a. D. genie\u00dft gro\u00dfe Sympathien unter den Franzosen, hat einen tadellosen Lebenslauf und ist ein Sympathietr\u00e4ger. Er twittert nicht, er ist nicht in den sozialen Medien aktiv. Schon daf\u00fcr m\u00f6gen ihn viele Franzosen. In Interviews und seinen Ver\u00f6ffentlichungen, inzwischen zwei B\u00fccher, zeigt sich ein charakterfester Mann mit Grund\u00fcberzeugungen und Charisma. Der Frage nach einer Kandidatur weicht er stets gelassen und mit viel Charme aus. W\u00fcrde Pierre de Villiers antreten, trauen ihm viele Franzosen den zweiten Wahlgang und dort sogar einen Sieg \u00fcber Macron zu.<\/p>\n<figure id=\"attachment_979\" aria-describedby=\"caption-attachment-979\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-979\" src=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/WikiImages-auf-Pixabay-2.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"502\" srcset=\"https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/WikiImages-auf-Pixabay-2.jpg 640w, https:\/\/www.geradezu.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/WikiImages-auf-Pixabay-2-300x235.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-979\" class=\"wp-caption-text\">(Foto: WikiImages auf Pixabay)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Frankreich ist mit Generalen oftmals gut gefahren. Joseph Joffre lie\u00df sich mit seinen Armeen zu Beginn des 1. Weltkrieges nicht von den Deutschen \u00fcberrennen. Er organisierte den Sieg an der Marne. Einige Jahrzehnte sp\u00e4ter h\u00e4tte entscheidungsarmer Parteienhader Frankreich in seinem alten Kolonialsystem und vor allem mit und in Algerien untergehen lassen. Der Pr\u00e4sident und General Charles de Gaulle brachte die Kraft auf, aus Algerien abzuziehen. Die reaktion\u00e4re Terrororganisation OAS wollte ihn daf\u00fcr mehrmals t\u00f6ten. (Frederick Forsyth schreib dar\u00fcber 1972 den Thriller \u201eDer Schakal\u201c, schon 1973 kongenial von Fred Zinnemann f\u00fcrs Kino verfilmt. Bis heute lesens- und sehenswert.) Vielleicht braucht es zwecks Entscheidungsfreude und Durchsetzungsverm\u00f6gen einen ehemaligen General, um Krisen zu bew\u00e4ltigen und das Land nicht weiter zu zersplittern.<\/p>\n<p>Der Nachfolger von Pierre de Villiers als Generalstabschef, Francois Lecointre, tritt, wie unl\u00e4ngst bekannt wurde, vor der Pr\u00e4sidentschaftswahl vorzeitig zur\u00fcck. Es gibt Ger\u00fcchte, er und Macron wollen verhindern, dass Marine Le Pen, so sie die Wahl gewinnt und Lecointre in den planm\u00e4\u00dfigen Ruhestand geht, einen Generalstabschef ernennen kann. Sofort geht in Frankreich die Ger\u00fcchtek\u00fcche an, auch dieser General w\u00e4re ein despektierlicher Pr\u00e4sidentschaftskandidat mit guten Aussichten. Lecointre kommt schneidig und beeindruckend daher, wie ein Marschall von Frankreich der Napoleon-\u00c4ra. De Villiers erscheint wie ein guter Hausvater, solide, vertrauenerweckend und freundlich, eine echte Respektperson. Beide sind also auch f\u00fcr jedes Duell in Sachen Bildsprache ger\u00fcstet. Wobei eine Kandidatur de Villiers greifbar, eine von Lecointre eher unwahrscheinlich. Beide w\u00e4ren nicht ger\u00fcstet in Sachen Parlament. Da fehlte ihnen, so sie antr\u00e4ten, jeweils die politische Gruppe oder Partei um auch in der Nationalversammlung eine Mehrheit zu bekommen. Aber Macron hat f\u00fcr solche F\u00e4lle mit \u201eLa R\u00e9publique en Marche!\u201c bereits die Blaupause geliefert. Der Hang oder gar die Sehnsucht der Franzosen zu Ex-Milit\u00e4rs ist jedenfalls eine vernichtende Zeugnisausgabe f\u00fcr die politische Klasse Frankreichs und deren Hauptakteure. Es f\u00e4llt im Ergebnis \u00e4hnlich d\u00fcrftig aus wie die Wahlbeteiligung bei den Regionalwahlen. Auf die Abschlusszeugnisse im n\u00e4chsten Jahr darf man also gespannt sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen der ersten und zweiten Runde der franz\u00f6sischen Regional- und Kommunalwahl l\u00e4sst die Wahlbeteiligung im politischsten Land des Kontinents aufhorchen. 33,9 Prozent Wahlberechtigte gingen an die Urnen, 66,1 Prozent blieben v\u00f6llig desinteressiert daheim.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":977,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[816,817,802,780,810,822,801,813,815,528,551,805,452,807,814,812,800,821,593,803,819,352,449,799,553,798,808,809,591,804,823,430,818,811,820,806],"class_list":["post-975","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gesellschaft","tag-amtszeit","tag-angebot","tag-brillanz","tag-bruessel","tag-buerokraten","tag-chancen","tag-danton","tag-duell","tag-duo","tag-eu","tag-frankreich","tag-front","tag-furor","tag-gen","tag-general","tag-hort","tag-jakobiner","tag-kandidatur","tag-kanzler","tag-konvent","tag-kraft","tag-land","tag-laschet","tag-le-pen","tag-macron","tag-melenchon","tag-mitterrand","tag-punkt","tag-reformen","tag-robespierre","tag-stellung","tag-tod","tag-visier","tag-wahlgepaeck","tag-warnwesten","tag-winkel"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/975","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=975"}],"version-history":[{"count":16,"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/975\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":994,"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/975\/revisions\/994"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/977"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=975"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=975"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.geradezu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=975"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}