Gesellschaft

Von Merz über Amthor zu Hegel

Sogar in Glaubensfragen steht die CDU sich mit dem Hang zum schnöden Mammon mittlerweile selbst im Weg. Unser Titelbild gibt ein offizielles Social Media Profil der Partei wieder, bevor der freudsche Fehler bemerkt wurde. Vielleicht war es gar kein Fehler. Freud wohl sowieso nicht. Heißt es doch schon in Goethes Faust:

Nach Golde drängt,
Am Golde hängt
Doch alles! Ach wir Armen!

Armen? Da werden manche durch krumme Maskendeals zu Millionären gewordene CDUler (CSUler nicht zu vergessen!) mächtig in sich hineingrinsen. Von wegen arm! Der Parteitag der CDU glänzte nicht, hatte keine glücklichen Sterne über sich. Es starb eine alte und ewige, äußerst beliebte Monarchin. Der Queen folgte ein älterer Herr als König. Beide Ereignisse überdeckten jede Meldungslage und ließen alles andere im Wind der Bedeutungslosigkeit verwehen. In den Schatten dieser Bedeutungslosigkeit trat einer, der dem neuen König der Briten auf eine Art ähnlich, weil auch jener ewig auf seine Thronbesteigung warten musste und darüber zum meckernden Zausel wurde. Allerdings war Charles III von seiner Vorgängerin stets für diesen ihm per Erbfolge zustehenden Job vorgesehen. Friedrich Merz dagegen wurde von seiner Vorgängerin stets fern vom Thron der CDU gehalten. Sie wollte ihn nicht. Er kam erst auf diesen Stuhl, als jener verweist und verloren in der politischen Gegend umherstand. Vorher streifte Merz ruhelos als Lobbyist und Angestellter der globalen Heuschrecke Black Rock durch die Lande, wurde nicht Bundeskanzler, was sein Lebenstraum, aber wenigstens Millionär. Und Ökonomie schlägt auch bei Friedrich Merz die Ökumene. Natürlich aktuell bei Merz und der CDU kein Bruch mit dem Kapitalismus und der neoliberalen Sozialstaatszerstörung. Merz blieb auf dem Parteitag im wabernden Ungefähren. Heute hü und morgen hott, wie der Politik- und Medienbetrieb mit seinen Meinungsumfragen es gerade benötigt. Die neoliberale Klientel weiß Merz jedenfalls nach wie vor trefflich zu bedienen. Das dumpfe Volksempfinden sowieso. 

Es tritt einer auf und liefert etwas Mittelmäßiges. Alle begrüßen ihn als ihresgleichen und hegen und pflegen ihn: Du bist von den unseren. (Hegel, Werke, Band 2, Aphorismen)

Für Merz und die CDU bleibt die Rollenverteilung in der Gesellschaft unantastbar.

Friedrich Merz trat also ans Rednerpult des CDU-Parteitages und sagte Dinge, die schon vergessen, bevor sie verhallt. Dass ein Oppositionsführer sich an der Regierung abarbeitet, ist auch nichts, was man sich lange merken muss, eher übliches Tagesritual und Job von Merz. Friedrich Merz rüttelte in seiner Rede vor allem am Gendern. Damit kann man immer punkten, Lacher erzielen und das Publikum schnell auf seine Seite ziehen. Zu obskur und dogmatisch wird die Thematik Gendern in unserem Land von den allzu lauten Apologeten des Genderns vertreten, dass daraus sogar ein auf dem schenkelklopfenden Humorlevel des Karnevals klebender Konservativer wie Merz Lacher basteln kann. Das liegt gleichermaßen an den wichtigtuerischen Aufschneidern des Genderns in diesem Land wie an den Ewiggestrigen der Bauart Merz, die beide gerne die Sprache für sich beanspruchen, die sie täglich in trauter Gemeinsamkeit verhunzen. Die Gemeinsamkeit im Negativen ist ihnen nur nicht klar, weil sie auf beiden Seiten der verbalen Front zu laut dröhnen. Tugendwächter sind gerne auch Moralprediger und glauben sich selbst immer die reine Lehre in allen Lebenslagen. Gerade die CDU stand über viele Jahrzehnte für Heuchelei und Doppelmoral. Damit war sie in der Bundesrepublik meistens sehr mehrheitsfähig. Die Christunion lieferte dem deutschen Michel stets, was der für Wohl und Anstand hielt.

Wenn schon keine Sozialpolitik, dann wenigstens Suppe für alle.

Als Friedrich Merz – wohl von einer Suppe gestärkt – in Sachen Gendern dann richtig in laute Fahrt geriet, ging er bildungsbürgerlich in die Vollen. Die Sprache von Goethe und Schiller, von Kant und Hegel wollte er schützen und warf ihre Namen in die Arena, wie der Gladiator seine Speere Richtung Bestien. Als wäre er der Gralshüter der vier genannten Geistesgrößen und vor allem ihrer Werke und Schriften, die jene mit ihrer Sprache – die in bescheidenen Teilen auch die unsere – weithin unter die Menschheit brachten. Aber ausgerechnet Hegel im Munde eines CDU-Spitzenpolitikers? Da stutzten aufmerksame Zuhörer. Hegel? Nicht nur gestutzt, sondern gehandelt hat in diesem „Goethe-Schiller-Kant-Hegel-Moment“ die Bildregie des übertragenden Senders Phoenix. So hielt nach dem Merz-Wort „Hegel“ die Kamera auf den CDU-Bundestagsabgeordneten Philipp Amthor, der 2018 die Jägerprüfung ablegte und sich 2019 zur Taufe entschied, um schnell ein echter Katholik zu werden. Beides sein gutes Recht, Jagd wie Glaube. Seinen Wahlkreis gewann er nicht, sitzt dennoch im Bundestag, die Landesliste machte es möglich. Jener Amthor fiel bundesweit durch allerhand Korrumpelverdacht auf, redet gerne lautes und dabei oftmals dummes Zeug und nimmt sich sehr wichtig. Geistiges Rüstzeug eher begrenzt. Das Wort Lachnummer trifft es, sofern man damit nicht echte Komiker beleidigt. Und auf jenen Amthor schwenkte die Kamera, als Merz sich mit Goethe, Schiller, Kant und Hegel gegen das Übel der Welt wappnete und auflehnte. Amthor schaute derweil gedanklich fern wirkend auf sein Smartphone und schien in einer anderen Welt. In der von Goethe, Schiller, Kant oder Hegel wohl eher nicht. Oder doch? So oder so. Das Leben schreibt nicht nur die besten Geschichten, es liefert oft auch die passenden Bilder.

Googelt Amthor gerade Hegel oder spielt er Monopoly online? (Screenshot: Sender Phoenix)

Dann geben wir doch Georg Wilhelm Friedrich Hegel etwas Raum. Karl Marx hat weite Teile der Dialektik von Hegel in vielen seiner eigenen Theorien übernommen, wobei Marx immer vom Materialismus ausgeht, Hegel vom Idealismus. Darin der fundamentale Unterschied. Viel von Marx entwickelte sich jedenfalls auf dem von Hegel bereiteten Boden. Ob das ein neoliberaler Geist wie Friedrich Merz auf dem Schirm hat? Von Amthor wollen wir jetzt nicht reden. Das beleidigt Merz wie Hegel. Was für Politiker auf der Tagesordnung, Hegels Sache war das nie. Politiker wollen mit ihren Reden, Erklärungen, Schriften, Veröffentlichungen und diversen Interviews nebst Behauptungen gerne das Denken klein halten oder gar beenden, für andere sozusagen übernehmen. „Sorgt euch nicht, wir sind für euch da, nehmen euch alles ab, inkl. der Denkanstrengung“ könnte als Überschrift für diese Vorgehensweise durchaus passen. Keiner muss sich mehr sorgen oder über irgendetwas grübeln, wenn doch schon alles gesagt und geschrieben. So schafft man Gefolgschaft. Hegel erkannte früh, dass Denksysteme oft nur dazu dienen, das Denken zu beenden. Hegel funktionierte daher anders. Weiterdenken war seine Devise. Wer Hegel nicht lebenslang weiterdenkt, der versteht ihn nicht und sollte mal wieder in seine Werke schauen, ehe er ihn im Munde führt. Bekanntermaßen ist Hegel hartes Brot, nicht leicht zu lesen und ein Massiv, welches nur schwer zu erklimmen. Bevor Friedrich Merz die Gender-Passage seiner Rede zu Papier brachte oder bringen ließ, hätte er jedenfalls bei Hegel etwas entdecken können, was ihm wie auch den Gender-Apologeten in Sachen Selbstreflexion zu empfehlen wäre:

An der Oberfläche balgen sich die Leidenschaften herum; das ist nicht die Wirklichkeit der Substanz. Das Zeitliche, Vergängliche existiert wohl, kann einem wohl Not genug machen, aber dessen ungeachtet ist es keine wahrhafte Wirklichkeit. (Hegel, Gesammelte Werke, Band 19)

Auch dem Politikertypus Amthor kann mit Hegel zwischen Suppe und Smartphone geholfen werden:

In unserer reflexionsreichen und räsonierenden Zeit muss es einer noch nicht weit gebracht haben, der nicht für alles, auch für das schlechteste und verkehrteste, einen guten Grund anzugeben weiß. (Hegel, Werke Band 2, Zusatz)

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 -1831)

Ein großer Geist hat die Frage zur öffentlichen Beantwortung aufgestellt, ob es erlaubt sei, ein Volk zu täuschen. Man musste antworten, dass ein Volk über seine substanzielle Grundlage, das Wesen und bestimmten Charakter seines Geistes sich nicht täuschen lasse, aber über die Weise, wie es diesen weiß und nach dieser Weise seine Handlungen und Ereignisse beurteilt, von sich selbst getäuscht wird. (Hegel, Werke, Band 7)

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