Interessantes

Russland und seine Kriege

„Ruhm hat eine Halbwertszeit von 15 Minuten. Schande lebt etwas länger.“ So formulierte es als Bilanz eines Lebens der 2012 verstorbene ehemalige CBS Journalist Mike Wallace. Den Russen scheint diese Gratwanderung zwischen Ruhm und Schande langsam zu dämmern. Hoffentlich lernen sie daraus und ziehen zum Wohl für uns alle die richtigen Schlüsse zur Umkehr. Im Höllenkreis von Ruhm und Schande hat sich auch die Kriegsgeschichte der russischen Nation über Jahrhunderte oftmals abgespielt. Aktuell mit dem Angriff auf die Ukraine sind das Land und seine politische wie militärische Elite dabei der Schande wesentlich näher als jedwedem Ruhm. Doch der Reihe nach. Russland, einige Jahrzehnte davon als Sowjetunion unterwegs, hat einst militärische Triumphe für die Freiheit und die Rettung der Menschheit errungen. Diejenigen über Napoleon und die Nazis haben Geschichte geschrieben. (Wobei hier Napoleon, der Mann, welcher den Code civil in Frankreich einführte, ausdrücklich nicht mit Hitler, einem ruchlosen Kriegsverbrecher, Völker- und Massenmörder verglichen werden soll.) Der Sieg der Russen über Napoleon gilt bis heute weltweit als Musterbeispiel von nationaler Tapferkeit und militärischer Gelassenheit. Der legendäre Marschall Kutusow zog sich mit den Truppen des klugen und weisen Zaren Alexander I. immer tiefer ins Landesinnere zurück, dieses geordnete Weglaufen ließ das militärische Genie Napoleon in die Falle tappen. Zwischendrin 1812 die Schlacht von Borodino, ein Gemetzel mit 80.000 Toten, in deren Anschluss Napoleon bald in Moskau einmarschierte. Ein Sieg der keiner war. Der Feldzug Napoleons und die heillose Flucht seiner Grande Armée hinterließ nicht nur die Niederlage Frankreichs, er bescherte der Welt als Nebenprodukt noch Kunstwerke von Rang. Lew Tolstoi schrieb den historischen Roman „Krieg und Frieden“, den viele Menschen wenigstens einmal im Leben lesen wollen. Pjotr Iljitsch Tschaikowsky komponierte die Ouvertüre „1812“, auf deren Höhepunkt sich Kanonendonner, Trompeten, Chöre und Glockenspiel die Hand reichen. Mit dem Kanonenfeuer lässt es sich in Konzertsälen unserer Zeit nicht mehr gut an, der Rest allerdings klingt bis heute imposant und bombastisch. (Wer Nachbarn ärgern oder nur aufschrecken will, der greife zu Sir Georg Solti mit dem Chicago Symphony Orchestra und deren Studioeinspielung von 1986.)

Was später kam, war eine andere und grausigere Dimension von Krieg. Mit drei (3) Millionen Soldaten marschierte die Naziwehmacht der Deutschen am 22. Juni 1941 in die Sowjetunion ein, an ihrer Seite 600.000 Soldaten aus Italien, Rumänien, Ungarn und der Slowakei. Die Front des „Unternehmen Barbarossa“ erstreckte sich über 2000 km von der Ostsee bis hin zum Schwarzen Meer. Drei deutsche Heeresgruppen sollten die Sowjetunion besiegen, das Land und die Menschen vernichten. Der Begriff Vernichtungskrieg war in der Welt und machte auch unter denen die Runde, die später gerne das Märchen „haben wir nicht gewusst“ und „anständige Wehrmacht“ in den Mund nehmen. Die größte Militärmaschinerie der Menschheitsgeschichte mit dem Hakenkreuz auf ihren Fahnen machte sich zum größten Krieg aller Zeiten auf. Unter ihren Stiefeln die Erde Russlands.

2. Weltkrieg. „Verteidiger der Brester Festung” (Maler: Pjotr Kriwonogow)

Der Ausgang ist bekannt. Um Deutschland und Hitlers Horden zu besiegen zahlten die Russen den Preis von 24 Millionen Toter. Dieser Krieg im Osten ist vor allem mit einem Namen verbunden, Georgi Konstantinowitsch Schukow, Marschall der Sowjetunion und Sieger über Hitler. Die Geschichte diese Krieges spiegelt sich in heroischen wie grausigen Orts- und Schlachtennamen. Stalingrad, Kursker Bogen, Moskau, Leningrad, Seelower Höhen und Berlin sind längst geflügelte Worte. Auch hiervon legen Kunstwerke bis in unsere Zeit Zeugnis ab. Die 7. Sinfonie in C-Dur („Leningrad“), op. 60 von Dmitri Schostakowitsch und der große Kriegsroman „Leben und Schicksal“ von Wassili Grossman seien genannt. Wann immer sie zu allen Zeiten ihre Heimat verteidigten, waren die Russen famos, Poltawa (1709), Borodino (1812), Chalchin Gol (1939) und Leningrad (1941-1944) sind dafür heldenhafte Begriffe. Wo Russland oder die Sowjetunion sich der Aggression und Okkupation hingaben, steht im Gegenzug ein großes und oftmals fatales Scheitern zu Buche. Trotz der monumentalen Triumphe 1812 wie 1945 und einiger weniger dramatischer Siege im Laufe der Jahrhunderte, hatte Russland auch spektakuläre Niederlagen zu verzeichnen. Es können in der Historie durchaus Ableitungen zum kriegerischen Abenteuer gefunden werden, in welches Russland sich in der Ukraine gestürzt hat.

Die von Stalin betriebene Invasion Finnlands im November 1939 („Winterkrieg“) endete zwar mit dem technischen Sieg der Russen, als die enorm tapferen Finnen schließlich gegen die Übermacht kapitulierten. Doch in der Logik des Krieges wurde die mächtige Rote Armee psychologisch besiegt, nachdem sie in vier Monaten fast 200.000 Mann, 1.100 Panzer und 684 Flugzeuge verloren hatte, während die finnische Armee unter dem klugen Befehl von General Gustaf Mannerheim, die über keine Panzer verfügte, nur 25.000 Mann und 61 Flugzeuge verlor. Es war eine blamable und entsetzliche Leistung einer Militärmaschinerie, die eine Million Männer im Einsatz hatte und der nur 300.000 Finnen gegenüberstanden, von denen 80 Prozent Reservisten waren. Stalins Kriegsziel war höchstwahrscheinlich die Besetzung des gesamten finnischen Staatsgebiets. So hatten die großen Räuber Hitler und Stalin es sich auch im „Ribbentrop-Molotow-Pakt“ vorgestellt. Der unerwartete und tapfere Widerstand der zahlenmäßig unterlegenen finnischen Streitkräfte ließ eine Einnahme des Landes durch die Rote Armee bald völlig unwahrscheinlich erscheinen. Erst nach großangelegten Verstärkungen konnten Stalins Truppen im Februar 1940 eine siegreiche Offensive beginnen und die finnische Front durchbrechen. Am 13. März 1940 beendeten die Parteien den Krieg mit dem Friedensvertrag von Moskau. Finnland wurde nicht besetzt und bewahrte seine Unabhängigkeit, musste allerdings Territorien (Karelien) an die Sowjetunion abtreten. (Grausiger Nebeneffekt dieses Krieges: die unzureichende militärische Leistung von Stalins Armee verleitete Hitler und seine Generalfeldmarschälle, die Russen als leichte Beute und den kommenden Feldzug gegen die Sowjetunion völlig falsch einzuschätzen.)

Hielt mit unterlegenen Kräften 1939 der Roten Armee stand: General Gustaf Mannerheim (Porträt: Yuriy Matrosov)

Katastrophaler als das spätere Finnland-Abenteuer war die sowjetische Leistung in einem Krieg mit Polen im Jahr 1920. Er wurde durch Polens Invasion der Ukraine und die Besetzung Kiews im Frühjahr 1920 ausgelöst. Der polnischen Offensive folgte ein sowjetischer Gegenangriff, der die Polen an die Grenze zurückdrängte. Übermütig und in der Hoffnung, den Angriffsschwung nutzen zu können, um die kommunistische Revolution nach Westen zu tragen, befahl Lenin die Invasion Polens, ohne seinen militärischen Kopf Leo Trotzki zu befragen. Die Rote Armee stürmte also feurig nach Westen, nur um vor Warschau gestoppt und dann sogar über die ursprüngliche Grenze hinausgeschoben zu werden. Anders als der spätere „Winterkrieg“ gegen Finnland endete der polnische Krieg sowohl militärisch als auch politisch mit einer vollständigen Niederlage der Sowjets. Im Jahr 1905 fuhr das russische Zarenreich ebenfalls eine schlimme Niederlage ein. Als Russland in einem chinesischen Seehafen auftauchte, griff Japan es an. Russland antwortete, indem es eine Flotte den langen Weg von der Ostsee bis in den Fernen Osten schickte. Die Japaner versenkten diese Flotte schnell und erbarmungslos. Diese Niederlage (Seeschlacht bei Tsushima), war die erste Kriegsschlappe seit sieben Jahrhunderten, die einer europäischen von einer asiatischen Nation zugefügt wurde. Viele sahen darin einen Vorboten des Untergangs des zaristischen Russlands im folgenden Jahrzehnt und sollten recht behalten.

Im Krimkrieg 1853 fiel Russland in das osmanische Gebiet im heutigen Moldawien und Rumänien ein. Dieser Einmarsch endete mit dem Verlust aller russischen Eroberungen und dem Tod von 400.000 Soldaten sowie der vorübergehenden Besetzung von russischem Territorium durch britische und französische Truppen. Russland verfehlte in diesem ersten industriell geführten Krieg nicht nur seine militärischen und politischen Ziele. Die Armee des Zaren verlor ihren Ruf, der noch aus dem Sieg über Napoleon stammte, die schlagkräftigste Streitmacht der Welt zu sein.

Industriell geführter „moderner“ Krieg. (Gemälde: Auszug aus dem Sewastopol-Panorama.)

Nun schauten wir Schritt für Schritt immer weiter der militärischen Historie hinterher. Deswegen blicken wir sehr bewusst noch einmal in die Neuzeit und sind damit in Afghanistan. Als die Sowjetunion 1989 den Abzug aus dem 1979 besetzten Land vollendete, war ein Desaster zu bilanzieren, welches in der Folge nicht unwesentlich zur blitzschnellen Auflösung des Sowjetimperiums beitrug. Die Furcht vor Moskaus angeblicher militärischer Macht war im Bewusstsein vieler Menschen zerbröselt. Politisch eine Katastrophe und militärisch ähnlich blamabel wie der dortige Krieg der USA plus deren NATO-Feigenblatt, geführt zwischen 2001 und 2021. Im Gegensatz zum amerikanischen Rückzug im vergangenen Jahr spiegelte das sowjetische Scheitern in Afghanistan auch den wirtschaftlichen Bankrott und sozialen Verfall der gesamten Sowjetunion und ihrer Satelliten. Es war eine der Sterbeglocken im Niedergang des verendenden Sowjet-Imperiums.

Offensichtlich sind die eben geschilderten Ereignisse nicht mehr warnend präsent im Kopf der russischen Führung. Sonst wären diese der schlimmen Versuchung des militärischen Abenteuers Ukraine nicht erlegen. Wie Lenin Polen, stürmte Wladimir Putin arrogant die Ukraine, ohne intensive Rücksprache mit seinen Militärs zu halten. Er täuschte sich selber vor, seine Truppen seien in der Ukraine willkommen, nur um dort auf eine nationalistische Wut und Gegenwehr zu stoßen, auf die er überhaupt nicht vorbereitet war. So wie Stalin, als dieser über Finnland herfiel, versäumte es Putin, die Kampffähigkeit und Bereitschaft seiner Gegner zu berücksichtigen. Wie Breschnew, als der Afghanistan angriff, ließ Putin die enormen wirtschaftlichen Schwächen seines Landes völlig außer Acht. Und genau wie der dümmliche Nikolai II, als der Japan angriff, schätzte Putin die Fähigkeiten seiner Militärs falsch ein. Und wie Nikolai I., als dieser die Türkei angriff, versäumte Putin es, die möglichen Reaktionen der Außenwelt und der anderen Nationen richtig zu analysieren.

Inwieweit sich die Ukrainer auf diesen Krieg vorbereitet haben, ist unklar. Nach dem Fehlen von ausreichend Luftschutzbunkern zu urteilen, hatten sie möglicherweise überhaupt keine vorgefasste Abwehrstrategie. Dennoch, egal wann und wie diese plötzlich erwuchs, gibt es jetzt eine ungefähre Strategie und es ist diejenige, die Russland gegen Napoleon eingesetzt hat. Napoleon erwartete, der russischen Armee in einer überschaubaren Frontalkollision der Art zu begegnen, auf die er seine Armee spezialisiert und eingestellt hatte. Die Russen unter Kutusow vermieden jedoch einen solchen Zusammenstoß und zogen Napoleon und seine Truppen stattdessen tief in ihr Hinterland. Dadurch überstrapazierten sie die logistischen Möglichkeiten der Franzosen und bekämpften die Grande Armée ständig mit Partisanen-Angriffen. Die Ukrainer haben Panzerschlachten und Luftkämpfe vermieden, auf die sich die Russen offensichtlich vorbereitet hatten und lagen damit richtig. Putins Generäle, Offiziere und Truppen haben dagegen kein Rezept für diesen Krieg gefunden.

Grab des unbekannten Soldaten in Kiew. Mahnmal für die Helden des 2. Weltkrieges. (Eingeweiht 1957.)

Putin trat die tiefe Erkenntnis mit Füßen, dass Russlands große militärische Siege immer errungen wurden, wenn es galt, Eindringlinge auf dem Boden von „Mütterchen Russland“ abzuwehren. Wobei dem Land, egal ob es als Russland oder als Sowjetunion kämpfte, in jenen Kämpfen und Kriegen noch weltweit Sympathien zuwuchsen. Der Feldzug in der Ukraine erzeugt das totale Gegenteil, macht Moskaus Regierung und Russland, natürlich vor allem Putin persönlich zu einem internationalen Paria. Aktuell verstärkt sich jedenfalls täglich der Eindruck, dass Wladimir Putin wie die Zaren von 1853 und 1905, wie Lenin im Jahr 1920, wie Stalin im Jahr 1939 und wie Breschnew im Jahr 1979 eine fürchterliche Option wählte, welche in einer fatalen Niederlage münden kann. Unabhängig davon, wie dieser Krieg endet, die Ukraine verfügt über ausreichend Patriotismus und sehr viel Fläche. Für das nicht mehr ganz so mächtige Russland ist der Brocken Ukraine schon jetzt zu groß zum Verdauen. Putins Politik könnte daran militärisch und politisch ersticken, Russland ins Wanken kommen. Längst fern ab von jeder Chance auf Triumph oder Sympathie müsste und sollte diese sich abzeichnende Aussicht Wladimir Putin langsam dämmern. Daraus die richtigen Schlussfolgerungen ziehen, liegt einzig beim russischen Präsidenten. Wie weit dieser dazu überhaupt noch in der Lage und Willens, es lässt sich schwer sagen. Die Antwort wird jedenfalls die Gegenwart wie die nähere Zukunft in Europa wesentlich mitbestimmen und uns alle direkt oder indirekt über viele Jahre betreffen.

*Titelbild: „Peter Bagration in der Schlacht von Borodino“ (Maler: Yurievich Averyanov)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert