Kultur

Warme Leiche – kaltes Essen

Da diese Zeiten wenig Anlass für Humor bieten, soll hier auf eine vorzügliche Komödie von erlesener cineastischer Qualität hingewiesen werden. Damit sind wir natürlich nicht mehr in der Politik oder im Leben unterwegs, sondern im Kintopp gelandet. Nichts von dem, was nun folgt, ist so, wie es scheint, weder das Korrekte noch das Unkorrekte. (Womit wir doch wieder im Leben und der Politik zurück wären. Kaum, dass wir sie verlassen. Zumindest von der Politik wenden wir uns jetzt wirklich ab.) Also Film ab. Geladen wurde zum Dinner in feiner Abendgarderobe. Ein dubioser Gastgeber bittet zu Tisch, der wegen des Verkaufes von pornografischen Bibeln aktenkundig. (Etwas daneben die Besetzung dieses fragwürdigen Hausherren Lionel Twain mit dem legendären Autor von „Kaltblütig“, Truman Capote. Der war vieles und einiges mehr, nur eben kein Schauspieler. Er stört die Dinge allerdings nicht wirklich.) In einer sehr abgelegenen und etwas maroden Villa bewirtet Twain eine illustre Schar von weltberühmten Detektiven, die er in die Hand eines fatalen Duos, bestehend aus blindem Butler und taubstummer Köchin gibt. Was sich anhört wie aus einem Tollhaus, ist der Beginn einer der großartigsten Filmkomödien aller Zeiten. „Murder by Death“ wartet mit einem Feuerwerk aus Esprit, geistreichem Wortwitz und schauspielerischem Glanz auf, wie in diesem Genre so geballt nur selten erlebbar. Vor allem die vielen britischen Schauspieler in diesem Streifen bereiten außerordentliches Vergnügen. Fasziniert darf man ihrem handwerklichen „Unterspielen“ folgen. Dabei findet jede Pointe ohne Vorwarnung treffsicher ins Ziel.

Lionel Twain (Truman Capote). Skurriler Gastgeber für ein Mord-Dinner.

Dieser Film-Klassiker aus dem Jahr 1976 mag für heutige Sehgewohnheiten und Aufmerksamkeitsspannen etwas angestaubt und gewöhnungsbedürftig wie wortlastig wirken. Nach wenigen Minuten, so man einen Funken Humor und etwas Hirn hat, verfliegt dieser Eindruck und man kann sich dem Vergnügen hingeben. Wenn also besagter Butler mit dem verwirrenden Namen Jamessir Bensonmum den Gästen die Tür öffnet, werden auch die Zuschauer in ein Spektakel eingelassen, welches man gesehen und gehört haben sollte. Der deutsche Verleihtitel „Eine Leiche zum Dessert“ passt durchaus. Geschrieben hat das Drehbuch ein großer Maestro der leichten Komödie, Neil Simon. Sein Plot einfach wie genial. Die berühmtesten Detektive der Literatur- und Filmgeschichte werden umgewandelt in sympathische Witzfiguren und mit anderem Namen versehen. Dabei bleiben sie dennoch unverkennbar und treffen erstaunt wie eitel aufeinander. Jeder kommt in Begleitung. Schon die internen Wortgefechte jedes dieser Duos lohnen den Film. Wozu das alles? Natürlich um einen Mord aufzuklären, der bei Ankunft noch nicht begangen. Der Gastgeber hat selbstverständlich ein ziemliches Ding an der Waffel, was sicher kaum noch erwähnt werden muss.

Köchin Yetta und Butler Jamessir Bensonmum. Menü mit Kommunikationsproblemen.

Blicken wir nun auf das Detektivquintett: In der Figur Jessica Marbles wird uns Miss Marple erkennbar. Im Film erscheint Marbles und schiebt ihre alte Krankenschwester Miss Withers im Rollstuhl vor sich her. Diese angeblich hilfsbedürftige Krankenschwester ist nach Meinung von Sam Diamond „ein geiles altes Luder“. Diamond selber unverkennbar ein Abbild von Sam Spade und Philip Marlowe. Ein Stück weit auch, was der Schauspieler Peter Falk als Diamond mitbrachte, nämlich seine Paraderolle Inspektor Columbo. (Falk ist kein britischer Schauspieler, haut daher etwas zu viel auf die Kacke, was dem Gesamtvergnügen jedoch nicht schadet.) An seiner Seite die Sekretärin Tess Skeffington (Eileen Brennan), welche später einen Onkelmord mit einem Vatermord verwechselt. Die Sache mit dem Vatermord erläutert Milo Perrier, der mit einem kräftigen, aber hüftkranken Chauffeur angereist. Vorbild für Perrier ganz eindeutig Hercule Poirot. Wie dieser muss auch Perrier stets darauf hinweisen: Ich bin kein Franzose, ich bin ein Belgier.“ Schließlich Inspektor Sidney Wang, der dem chinesischen Polizeidetektiv Charlie Chan nachempfunden und an seiner Seite einen japanischen Adoptivsohn mitführt. Nicht zu vergessen Dick und Dora Charleston. Sehr ähnlich dem berühmten Ermittlerehepaar Nick und Nora Charles aus der Filmreihe „Dünner Mann“, welche sich an die Krimis von Dashiell Hammett anlehnte. Beide reisen mit Terrier „Asta“ und haben stets das gefüllte Champagnerglas zur Hand. Niemand kann wohl nobler auftreten als Dick Charleston. Dora Charleston ist eine erotische Augenweide und ruft gern mehrdeutig „wo ist mein Dickie“.

Ehepaar Charleston (Maggie Smith, David Niven) mit Milo Perrier (James Coco).

Die Szenerie wird, wie schon mit Freuden erwähnt, bevölkert von einer Garde erstklassiger Schauspieler, die diesen Plot funkeln lassen. Darunter Legenden der Filmgeschichte. Was Alec Guinness als Butler liefert, ist wie immer bei diesem Mimen die totale Vereinnahmung einer Rolle, verschmolzen mit der hohen Kunst der Leichtigkeit dieses Ausnahmeschauspielers. Der spielfreudige Komödiant Peter Sellers gibt dem Affen dosiert Zucker und liefert sich als Chinese Sidney Wang auch Wortgefechte mit Kuh an Wand“, während er die anderen Gäste mit Konfuzius oder eigenen Weisheiten nervt, dem Adoptivsohn allerdings weniger konfuzianisch ein „du hältst japanische Schnauze“ zuraunt. Elsa Lanchester gibt eine bodenständige Miss Marbles, die im Verlauf der Handlung freimütig bekennt, sich vor Angst fast in die Hosen geschissen zu haben“. In Sachen Derbheit steht ihr Sam Diamond nicht nach. Peter Falk dreht zwar in der Rolle etwas zu sehr auf und treibt es in manchen Einstellungen bis zur Knallcharge, das Drehbuch meinte es allerdings gut mit ihm und legte seinem Diamond wunderbare Sätze in den Mund. So erläutert dieser seiner Sekretärin: „Für jeden von uns geht irgendwann einmal der Ofen aus Engelchen. Und wenn er einmal aus ist, kann man ihn nicht mehr anblasen.“ Besser lässt sich das Leben kaum beschreiben.

Sam Diamond ahnt Ungemach. Alec Guinness, Peter Falk, Eileen Brennan.

Milo Perrier findet sich nicht gut empfangen und lässt es den Butler und uns wissen, was einen treffenden Vorgeschmack auf den ganzen Film liefert: „Mein Chauffeur stand draußen in chinesischen Fußabdrücken, dabei wäre er fast erschlagen worden. Als wir geklingelt haben, schrie im Haus entsetzlich eine Frau und es kam eine Ratte durch die Tür. Ich bin also bereits absolut bedient und harre der Dinge, die da noch kommen.“ Überhaupt hat Perrier die besten Sätze des ganzen Scripts erwischt. Der Broadway Schauspieler James Coco macht sie zu Gold und liefert solchermaßen ausgestattet wohl die beste Leistung seiner Karriere. (Seine trefflichsten Bemerkungen sollen hier natürlich nicht verraten werden. Vorfreude darauf ist berechtigt.) Herrlich auch das erotische Geplänkel zwischen Maggie Smith und David Niven. Dick Charleston weiß seine Frau zu umgarnen: „Du hast immer noch den heißesten Hintern der High Society.“ Was die Gattin mit dem Hinweis auf „das jahrelange Reiten“ quittiert. Worauf Inspektor Wang anmerkt: „Der Sache müsste man auf den Grund gehen“.

Ein fehlendes Messer, Jessica Marbles, Sidney Wang und Milo Perrier.

Wir wollen der Sache und dem Film nicht zu sehr auf den Grund gehen, damit nicht der Clou verraten wird, der den Plot längst zu einem Klassiker der Filmkomödie werden ließ. Nichts in diesem Streifen ist, wir erwähnten es bereits, wie es scheint. Deshalb bleibt er bis heute sehenswert und zeitlos. Gerade weil der Film eben etwas gemächlich anläuft und einen Moment braucht, spürt man das später hereinbrechende Feuerwerk umso intensiver. Dann entfacht sich allerdings eine komödiantische Leidenschaft aller Akteure, die uns in das pure Vergnügen zieht, dabei einiges Niveau an den Tag legt und dennoch selbst vor Kalauern nicht zurückschreckt. Es lohnt genau und richtig zuzuhören, was im Falle dieses Werkes Genuss und eine erträgliche Anstrengung gleichermaßen, damit keine Pointe verpasst wird. Ansehen, Spaß haben, Zitate fürs Leben sammeln und für anderthalb Stunden die Tristesse dieser Welt vergessen. Wie sagte Milo Perrier so passend: „Der Osten trifft den Westen in einer höchst bizarren Szenerie.“ Wir alle können bei diesem Treffen dabei sein. Was will man mehr?

Gefährliche Anreise für Sidney Wang (Peter Sellers).
Rätselnde Detektive.
Fall schon gelöst? Mitnichten!

*Titelbild und alle Beitragsbilder: Murder by Death (Screenshot: Columbia Pictures)

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