Berlin

Botschaften von Pappe

Ob man zur Arbeit trottet, morgendlich des Sonntags die Brötchen holt, unter der Woche um den Block oder zum Supermarkt geht oder weswegen auch immer durch seinen Kiez latscht. Dem Auge wird zurzeit nicht gerade ein wohlgefälliger Anblick geboten. Es ist Wahlzeit und die eigene Umgebung wird plötzlich Wahlkreis. Plötzlich? Aber ja. Außerhalb dieser Wahlzeit erlebt der Wähler den Politiker wesentlich weniger präsent, nur selten interessiert, hilfreich überhaupt nicht. In Berlin sorgt das Duo Bundestags- und Abgeordnetenhauswahl jedenfalls für eine doppelte Plage aus Papier, Pappe und Parolen.

Da prangt nun also eine Bürgermeisterkandidatin, die des Abschreibens nicht mächtig über der Mülltonne, der verschönte Kanzlerkandidat der christlichen Union verstellt den Blick auf die andere Straßenseite und ein neoliberaler Parteivorsitzender teilt sich einen hässlichen Park auf Großbild mit politischer Konkurrenz. Wobei dieser Vorsitzende und Möchtegernfinanzminister in dunkler Stube über einem vollen Schreibtisch mit Papierbergen brütet, dem Digitalisierung offenbar ein Fremdwort, umkränzt von üblichen FDP-Phrasen, als gilt es nicht nur sich, sondern mindestens die Welt zu retten. Wohin das Auge reicht, noch vielerlei politisches Personal, von Photoshop gnädig behandelt, nebst platter Formeln aus dem politischen Baukasten. Diese Art der Wahlwerbung erinnert stark an die 1950er-Jahre. Platt, altmodisch, hausbacken, tumb und in Zeiten von Twitter, Instagram, YouTube und WhatsApp längst von der Zeit überholt. (Unter diesem Beitrag einige optische Eindrücke aus dem Bundestagswahlkreis Berlin-Charlottenburg-Wilmersdorf, zu Zeiten des Urnengangs auch Wahlkreis 80 genannt. Die Auswahl erfolgte nicht nach politischen Vorlieben oder gar Parteipräferenzen, sondern wie der Fußweg es ergab. Sozusagen wahllos.)

Trifft irgendein denkender Mensch seine Wahlentscheidung wegen an Laternen oder Masten hängender Pappschilder mit platten Einfältigkeiten? Oder weil jemand mit dem Auto an einem Mittelstreifen vorbeifährt, auf dessen Fläche Plakatwände wie zu stalinschen Personenkultzeiten prangen? Weder für die denkenden noch für die nicht denkenden Menschen wird sich dieser Pappmaché-Wald als Wählermagnet oder gar Entscheidungsgrundlage erweisen. Parteien und ihre Politiker versprechen doch gerne viel und unhaltbares in Wahlkampfzeiten. Da wäre ein Versprechen angebracht, welches zu halten, sogar umsetzbar. Nie mehr Wahlwerbung dieser Art! Mit solcher Ankündigung könnte man sogar Wähler hinter dem Ofen hervorlocken, die durch politische Botschaften und Programme der Parteien längst vergrault, allerdings in Frieden am Sonntagmorgen ihre Brötchen holen möchten, ohne dabei optisch beleidigt zu werden.

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